Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

03.02.2006

14:38 Uhr

Panorama

Schüchternes Energiebündel

VonCorinne ullrich

Ein bisschen schüchtern guckt er in den Saal, als er von der Seite auf die Bühne tritt, den Kopf ein wenig zwischen die Schultern gezogen. Der Saal ist dunkel und voll. Über 400 Menschen sind neugierig auf den Mann, der gerade für seine vielschichtigen Werke ausgezeichnet wurde - mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Ein Brückenbauer zwischen Orient und Okzident: Orhan Pamuk.

Ein Brückenbauer zwischen Orient und Okzident: Orhan Pamuk.

HB BERLIN. Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk liest in Berlin - einer von insgesamt fünf Leseterminen in Deutschland. "Ich mag Deutschland sehr", sagt er später im Gespräch. "Und Berlin ist mir am liebsten."

Zwar spricht er kein Deutsch, doch die Faszination für Deutschland und deutschsprachige Romanciers, allen voran Thomas Mann und Franz Kafka, zieht sich durch Pamuks Leben und auch sein neuestes Buch "Schnee". So verbrachte Ka, der Protagonist, zwölf Jahre als politischer Asylant in Frankfurt am Main. Der Name ist eine Anspielung auf Kafkas K in dessen "Schloss".

Wenn Orhan Pamuk auf den ersten Blick schüchtern wirkt mit seinem leicht schiefen Lächeln - er zieht den rechten Mundwinkel höher als den linken -, so verfliegt dieser Eindruck im Gespräch schnell. Die beim Lesen noch verschränkten Arme gestikulieren wild, die Mimik lebt auf, Pamuk erzählt gerne - nicht nur mit dem Stift.

Der türkische Autor gehört zu den altmodischen Schriftstellern, die mit dem Stift und von Hand schreiben und den Computer nicht anrühren. Nicht einmal, wenn das Werk - wie sein vorletzter Roman "Rot ist mein Name" - über 500 Seiten hat.

Zum Schreiben zieht er sich von seiner Familie - er ist verheiratet und hat eine Tochter - zurück. Extra dafür hat er eine Arbeitswohnung - hoch oben auf dem Nisantasi-Hügel mit einer Glasfront, die den spektakulären Blick über die schimmernden Hausdächer Istanbuls freigibt, das glitzernde Wasser des Bosporus, die Kuppeln der Moscheen.

"Der Beruf des Schriftstellers ist der Beruf der Einsamkeit", sagt er. "Ich glaube, dass nur jene gute Schriftsteller sein können, die die Einsamkeit erdulden." Und fügt nachdenklich an: "Einsame Menschen können besonders gute Romane schreiben. Nur an meinem Schreibtisch offenbare ich mich. Dort versuche ich mit all meinen Kräften, das Licht meiner Seele zu geben." Orhan Pamuk wurde 1952 in Istanbul geboren und wuchs in gutbürgerlicher, westlich orientierter Familie im vornehmen Stadtteil Nisantasi auf. Der Großvater hatte mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes in der Türkei ein Vermögen verdient, die Söhne brachten es durch.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×