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09.02.2016

14:02 Uhr

Schwabinger Kunstfund

Die Bilanz unter der Lupe

VonOlga Kronsteiner

Der Mitte Januar 2016 vorgelegte Arbeitsbericht zum „Schwabinger Kunstfund“ wurde ohne Zustimmung der Taskforce-Mitglieder veröffentlicht. Die finale Überprüfung der Experten bewahrte vor einem Fiasko und dokumentiert zugleich die Versäumnisse.

Frauenporträt von Jean-Louis Forain (1852-1931). Quelle: Taskforce Schwabinger Kunstfund

Aus der Sammlung des jüdischen Anwalts Armand Dorville

Frauenporträt von Jean-Louis Forain (1852-1931). Quelle: Taskforce Schwabinger Kunstfund

WienTriumphal schwingt die Göttin den Siegeskranz und schreitet über die Buchstaben „OG“ hinweg. Dieser Stempel des Berliner Kunstsammlers Otto Gerstenberg ist in der Fachwelt hinlänglich bekannt, gehörte die vom Gründer und Generaldirektor der Victoria-Versicherung aufgebaute Privatsammlung, doch einst zu den bedeutendsten Deutschlands.

Als Gerstenberg 1935 verstarb, erbte seine Tochter Margarethe Scharf die Kollektion. Aus Platzgründen brachte sie 1937 einige Gemälde im Victoria-Gebäude in der Berliner Lindenstraße unter, wo diese während des Zweiten Weltkrieges bei einem Bombenangriff zerstört wurden. Einen weiteren Teil der Sammlung lagerte sie ab 1943 in den Depots der Nationalgalerie ein, etwa den Flaktürmen Zoo- und Friedrichshain-Bunker, wo sich russische Truppen im Mai 1945 daran bedienten. Zahlreiche dieser „erbeuteten“ Werke befinden sich nun in Beständen der Eremitage (St. Petersburg) und des Puschkin-Museums (Moskau).

Nicht gestellte Fragen im Fall Renoir

Anderes hatte Scharf noch während oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Zug oder einem Bauernwagen nach Bayern transportiert, wo die Familie ein Anwesen besaß. Aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten musste sie später das eine oder andere Werk verkaufen. Ein Teil befindet sich bis heute in Familienbesitz, manches gilt als verschollen.

Auch im „Schwabinger Kunstfund“ fand sich ein Werk dieser Provenienz, mitsamt charakteristischem Sammlerstempel auf der Rückseite: Die Lithographie „Femme au Cep de Vigne I“ von Pierre-Auguste Renoir. Wann und auf welche Weise die Graphik in den Besitz Hildebrand Gurlitts kam? Dies zu recherchieren wäre Aufgabe der Taskforce „Schwabinger Kunstfund“ gewesen.

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Mit den Ergebnissen der Taskforce, die den Schwabinger Kunstfund auf Raubkunst untersuchen sollte, sind Kritiker nicht zufrieden. Nur elf Werke können eindeutig ihren ursprünglichen Besitzern zugeordnet werden.

Fakt ist, dass die Taskforce bis Ende Oktober 2015 einschlägige Datenbanken befragte. Außerdem nahm sie einen Abgleich mit der klassische Renoir-Literatur sowie mit Gurlitts Ein- und Verkaufsbüchern vor. Das Naheliegende unterblieb jedoch: eine Kontaktaufnahme mit Otto Gerstenbergs Urenkelin Juliette Scharf, die über ein umfangreiches Archiv verfügt, wo dieses Blatt noch 1943 in einem Inventar aufscheinen dürfte.

Beute- oder Raubgut?

Interessant ist jedenfalls die im Arbeitsbericht der Taskforce Mitte Januar veröffentlichte Einschätzung. Demnach rangiert dieses Blatt unter jenen 25 Positionen, für die es „sehr konkrete Anhaltspunkte“ auf „einen NS-verfolgungsbedingten Entzug“ gebe und deren „weitere Beforschung höchste Priorität“ habe.

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