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08.04.2014

08:59 Uhr

Schwabinger Kunstfund

Vorbildlicher Kompromiss

VonLucas Elmenhorst

Eine Vereinbarung zwischen Cornelius Gurlitt, Bayern und dem Bund sichert weitere Provenienzrecherchen, die Rückgabe von Raubkunstwerken nach den Washingtoner Prinzipien und die Freigabe unbelasteter Werke an Gurlitt.

Constantin Guys' Aquarell „Die Kutsche“, vermutlich erworben 1942 bei Lenthal, Paris, gehört zu den Werken, die auf der Datenbank lostart.de verzeichnet wurden. dpa

Constantin Guys' Aquarell „Die Kutsche“, vermutlich erworben 1942 bei Lenthal, Paris, gehört zu den Werken, die auf der Datenbank lostart.de verzeichnet wurden.

DüsseldorfSpätere Generationen werden Cornelius Gurlitt womöglich dafür dankbar sein, dass er es war, dessen Sammlung fast 70 Jahre nach Kriegsende eine überfällige, jahrzehntelang vernachlässigte Diskussion über Raubkunst und den Umgang mit ihr ins Rollen brachte. Und vielleicht werden wir später einmal erfahren, wer jetzt den vorbildlichen Kompromiss eingefädelt hat, der es in dieser seit Monaten festgefahrenen Situation allen Beteiligten gestattet, ihr Gesicht zu wahren. Der Münchner Restitutionsexperte Hannes Hartung, der als Gurlitts Anwalt bislang für die Gespräche mit den Anspruchstellern verantwortlich war, hatte Anfang Februar verkündet, Gurlitt wolle alle Ansprüche prüfen und sei bereit, „faire und gerechte Lösungen“ zu finden, ohne sich dabei auf „formale Rechtspositionen“ wie Verjährung zu berufen. Nachdem er vor 10 Tagen ohne Angabe von Gründen von allen Aufgaben entbunden worden war, schien eine solche Lösung zunächst in weite Ferne gerückt.
Nun hat Cornelius Gurlitt öffentlich erklären lassen, Rückgaben von Raubkunstwerken an die rechtmäßigen Eigentümer auf der Basis der Washingtoner Erklärung von 1998 handhaben zu wollen, obwohl er hierzu als Privatperson überhaupt nicht verpflichtet ist. Dieses Angebot Gurlitts geht deutlich über das hinaus, was derzeit viele Museen im Umgang mit Raubkunst praktizieren, auch wenn man zu ihrer Entschuldigung gelten lassen muss, wie Stefan Koldehoff gestern bei einer Diskussion im Jüdischen Museum in Berlin zutreffend anmerkte, dass es ihnen die rechtliche Unverbindlichkeit der Washingtoner Erklärung weiterhin leicht macht, sich dieser lediglich moralischen Verpflichtung zu entziehen.

Vielleicht sollte man den gestrigen Vorschlag Michael Naumanns aufgreifen, der als erster Kulturstaatsminister der Bundesregierung wesentlich dazu beigetragen hat, dass Deutschland 1998 die Washingtoner Erklärung über Raubkunst unterzeichnete, künftig einen Teil der rund 90 Millionen Euro, die der Bund jährlich für die Filmförderung ausgibt, für die Provenienzforschung in den rund 6.000 deutschen Museen zu verwenden. Denn die in diesem Zusammenhang häufig geäußerte Ansicht, dass sich die Provenienzforschung bei Objekten geringeren Wertes nicht lohne, ist ein befremdliches Argument, das den zentralen Aspekt der Raubkunstdebatte verkennt: Für die betroffenen Familien sind nicht nur die Identifizierung und Rückgabe von hochwertigen Kunstwerken von Bedeutung, sondern auch und gerade beispielsweise von Büchern, Papierarbeiten oder unspektakulären Kunstwerken.

Auch die von der „Taskforce“ unter Ingeborg Berggreen-Merkel begonnene Provenienzforschung der Sammlung Gurlitt wird trotz der Rückgabe von Teilen seiner Sammlung weiter fortgesetzt werden, wenn auch nur für die Dauer eines Jahres. Es bleibt zu hoffen, dass ihre Expertise später in das von Monika Grütters geplante neue Nationale Zentrum Kulturgutverluste einfließen kann. Und dass andere private Sammler dem Beispiel Gurlitts folgen und, ggf. später mit Hilfe dieses Zentrums, Provenienzrecherchen auch für ihre eigenen Bestände betreiben und für Raubkunstwerke faire und gerechte Lösungen finden. Der öffentliche Umgang mit Cornelius Gurlitt und seiner Sammlung in den letzten Jahren ist aus rechtsstaatlicher Sicht ein Armutszeugnis. Sein jetziger Vorstoß ist gerade deshalb umso mehr zu begrüßen.


Der Autor ist Rechtsanwalt und Kunsthistoriker bei dtb rechtsanwälte in Berlin.

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