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22.01.2011

07:59 Uhr

Selbstversuch Vegetarismus

Mach mal Konsumdiät

VonIris Radisch
Quelle:Zeit Online

Karen Duve hat sich einer radikalen Konsumdiät verschrieben, die sie in ihrem neuen Roman "Anständig essen" protokolliert. Ein Jahr lang aß sie erst nur biologisch, dann vegetarisch, dann vegan und schließlich rein frutarisch. Ein Selbstversuch, der in Zeiten des Dioxin-Skandals durchaus Modellcharakter haben könnte.

Veganerin: Verzicht auf Fleisch- und Milchprodukte. dpa

Veganerin: Verzicht auf Fleisch- und Milchprodukte.

BERLIN. Die Schriftstellerin Karen Duve hat bisher ein durchschnittliches Konsumentinnenleben geführt. Ihr Roman Taxi, von dem man vermuten darf, dass er in groben Zügen auf das echte Karen-Duve-Leben als Hamburger Taxifahrerin zurückging, spielt außer in einem Taxi in einer Menge Fritten- und Dönerbuden. Und in ihrem als »Selbstversuch« bezeichneten jüngsten Buch gesteht sie, dass sie sich bisher abends immer sehr gerne eine »Hähnchen-Grillpfanne« in der Aluminiumschale warm gemacht macht.

Nachdem sie jedoch eine dem Vegetarismus und dem Biokonsum zugeneigte Kreuzberger Filmemacherin in ihr brandenburgisches Landhaus aufgenommen hat, wird alles anders. Die junge Dame macht die Autorin darauf aufmerksam, dass zwischen der Normalität in unseren Supermärkten und unserem Verbrauchergewissen ein Abgrund klafft, über den man nur durch fortgeschrittene Gedankenlosigkeit hinwegkommt. »Qualfleisch« nennt sie ungerührt, was sich die Autorin ein Leben lang hat munden lassen. Und rechnet der verwirrten Freundin vor: Wenn es möglich ist, ein Huhn für 2,99 Euro großzuziehen, zu töten, zu rupfen, zu zerlegen, zu braten und samt Aluminiumschale in den Supermarkt zu karren, zahlt das Huhn dafür einen grausam hohen Preis. Ein weiß Gott sattsam bekanntes Argument, das der Hühnchenindustrie jedoch noch nicht die mindesten Umsatzeinbrüche beschert hat, weil Grausamkeit im Hühnerleben nicht zu den Sorgen zählt, die sich der Durchschnittshedonist gemeinhin macht.

Doch bei der Hunde- und Katzenliebhaberin Karen Duve verfängt das Argument im Handumdrehen. Wie Schuppen fällt ihr von den Augen, dass die Zustände in den Schlacht- und Mastbetrieben, denen unsere Gesellschaft das Normalitätssiegel aufdrückt, alles andere als normal sind. »So, wie es aussah«, schreibt Karen Duve, »lebte ich in einem Staat, dessen politische Entscheidungsträger einen Grad von Tierquälerei tolerierten, der für mich nicht akzeptabel war. Der Staat und ich, wir hatten einfach sehr unterschiedliche Standards, was man einem Schwein, Rind oder Huhn zumuten durfte. Je länger ich darüber nachdachte, desto fassungsloser stand ich vor der großen Diskrepanz zwischen dem, was ich wusste, und dem, wie ich bisher eingekauft hatte.«

Was daraus folgt, liegt auf der Hand: anders einkaufen. Karen Duve verschreibt sich selbst eine Konsumdiät, deren Verlauf sie in dem Buch protokolliert. Ein Jahr lang isst sie, einer Art sanfter Eskalation des Schreckens folgend, erst nur biologisch, dann vegetarisch, dann vegan und schließlich rein frutarisch. Sie folgt dabei der alten Indianerweisheit: »Urteile nie über einen anderen, bevor du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gegangen bist.«

Dieser Selbstversuch steht in einer Reihe mit zahlreichen anderen aktuellen Erfahrungsberichten über alle möglichen Formen des Rückzugs von den Zumutungen des hoch industrialisierten und technifizierten Lebens. Ein Jahr ohne Shopping, ein halbes Jahr ohne Internet, ein Jahr auf dem Land, zwei Monate auf Wanderschaft – all das ist in den letzten Monaten und Jahren ein beliebter Stoff für erzählende Sachbücher, deren Gemeinsamkeit darin liegt, die Großprobleme moderner Gesellschaften nicht mehr vom Hochsitz der Theorie, sondern aus der Froschperspektive des eigenen, unbezweifelbaren Erlebens zu begutachten. »Ich persönlich glaube«, schreibt Karen Duve immer wieder, wenn sie deutlich machen will, dass die folgende Einsicht genauso unabweisbar wie relativ ist.

Kommentare (1)

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opsat

22.01.2011, 14:01 Uhr

Wen es interessiert: Den Essay "Das Leiden der Anderen" (offenbar ein Auszug aus dem beschriebenen buch) kann man man über Wiki (nach der Autorin suchen) erreichen.
Dieses Experiment würde ich höchstwahrscheinlich nicht durchhalten. Aber der Dioxinskandal hat gezeigt das die Zeit endgültig reif ist das Ruder rumzureißen. Selbst die, die Tiere tatsächlich für niedere Lebensformen halten denen wir uns beliebig bedienen können (s.a. Tierversuche für den x-ten
Wirkstoff gegen Luxusprobleme) sollten nun einsehen das es eine illusion ist zu glauben wir bräuchten viel Fleisch für unsere Ernährung weil es eben unsere Natur ist. Das Problem:
Wir leben nicht mehr in der Welt der Natur, sondern der des maximalen Profits.
Denn wie bitte soll ein mit industrieabfällen und Medikamenten schnellgestopftes, pausenlos leidendes, von Anfang an kränkliches, deformiertes Abbild eines Tieres mich gesunderhalten? Der Mensch ist was er isst - demzufolge fällt die Sache auf uns zurück. Ganz abgesehen davon das uns zuviel Fleisch generell nicht entspricht und krank macht.

Einfache Logik - und es wurmt mich das sich diese Erkenntnis bei mir nur mühsam über Jahre hinweg bahn gebrochen hat. Etliche Skandale und Hinweise wie von Fr. Duve waren notwendig um es zu begreifen.

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