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11.02.2005

04:08 Uhr

Es war ein Karnevalstag im Februar. Die Luft war kalt und trocken, der Himmel kaum bewölkt. Dresden war an diesem Faschingsdienstag 1945 voller Menschen. Zu den 600 000 Einwohnern kamen Tausende von Flüchtlingen, die sich in der Stadt aufhielten oder sie mit dem Zug durchquerten. "Sie fühlten sich sicher", sagt der britische Historiker Frederick Taylor im Gespräch mit dem Handelsblatt. "Sie haben nicht damit gerechnet, dass Dresden an diesem Tag bombardiert würde."

Taylor hat eine Dokumentation geschrieben, die den schlimmsten Tag in der Geschichte der Stadt nachzeichnet. Sein Buch "Dresden - Dienstag, 13. Februar 1945" geht sehr gründlich der Frage nach, wie es zu den Bombenangriffen kam und warum die Bevölkerung so schlecht darauf vorbereitet war. "Die Menschen im Ruhrgebiet, in Berlin oder London waren abgehärtet, weil sie ständig Luftangriffen ausgesetzt waren", sagt Taylor. Dresden lag weit weg von England. Allein aus technischer Sicht war es in den ersten Kriegsjahren kaum möglich, Flugzeuge zu schicken und die Stadt zu verwunden. Im Oktober 1944 und im Januar 1945 wurde Dresden Ziel amerikanischer Bomben. Hunderte von Menschen starben. "Eine Panik lösten diese Angriffe aber nicht aus", sagt Taylor.

Erst zwei Tage vor der Bombennacht im Februar war die Jalta-Konferenz zu Ende gegangen. Die "großen drei", US-Präsident Franklin D. Roosevelt, Großbritanniens Premier Winston Churchill und der sowjetische Diktator Josef Stalin, besiegelten mit ihren Unterschriften eine Weltordnung, die ein halbes Jahrhundert Bestand haben sollte.Kurz zuvor hatte die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz befreit.

In seinem Buch schildert Frederick Taylor sehr detailgetreu die Ereignisse des 13. Februar. An diesem Tag liegen die russischen Truppen nur noch 110 Kilometer östlich von Dresden entfernt. Trotzdem ist die Stimmung in der Stadt ruhig. Cafés haben geöffnet. Und wer es sich leisten kann, kauft sich eine Karte für den Zirkus Sarrasani, direkt an der Elbe gelegen.

Gegen 18 Uhr starten die ersten Bomber in der englischen Stadt Reading. Ihr Ziel heißt Dresden. 2700 Kilometer müssen sie hin- und zurückfliegen. Die Flugzeuge waren Jahr für Jahr perfektioniert worden, um diese lange Strecke zurücklegen zu können. Erst vier Stunden später, um 21.51 Uhr, geben die Sirenen in Dresden Alarm. Einige der Kinder tragen noch ihre Karnevalskostüme, als die Familien in die Keller eilen, um sich zu schützen. In dieser Nacht legen die britischen Bomber einen Feuerteppich über Dresden. Seriösen Schätzungen zufolge sterben 35 000 Menschen. Innerhalb weniger Stunden wird eine der schönsten Städte Europas ausgelöscht. Semperoper, Zwinger, Schloss und Frauenkirche versinken in Schutt und Asche. Bis heute sind die Narben in der Stadt erkennbar.

Frederick Taylor weiß, dass es heikel ist, wenn ein Brite ein Buch über die Bombardierung Dresdens schreibt. Seine eigenen Landsleute und die sensiblen Beobachter in Deutschland registrieren genau, wie er sich ausdrückt. So schreibt er: "Die Stadt konnte nach den noch etwas vagen Bestimmungen der Haager Konvention von 1907 als ein legitimes Ziel betrachtet werden."

Gleichzeitig schränkt er aber auch ein: "Das heißt natürlich nicht zwangsläufig, dass die Anglo-Amerikaner berechtigt waren, Dresden überhaupt zu bombardieren."[D] Ob die Bombardierung "auf irgendeine Weise zu rechtfertigen war, überlasse ich dem Urteil meiner Leserschaft". Auf die Frage, ob er die Bombardierung Dresdens billige, sagt er im persönlichen Gespräch: "Nein."

Frederick Taylor: Dresden - Dienstag, 13. Februar 1945, C. Bertelsmann 2004, 544 Seiten, 26 Euro

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