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11.01.2008

10:50 Uhr

Siedlerbewegung

Nervenkrieg in der Westbank

VonPierre Heumann

Obwohl die Siedler nur ein paar Prozent der israelischen Bevölkerung ausmachen, prägen sie die Politik des Landes nachhaltig. Eine Historikerin und ein Haaretz-Journalist haben nun die Geschichte der Bewegung analysiert – und ihr eine glorreiche Zukunft prophezeit.

TEL AVIV. Pünktlich zum Bush-Besuch am Mittwoch standen die Aktivisten der Siedlerbewegung vor dem Amtssitz von Präsident Schimon Peres und protestierten. Gelöst wurde das politische Problem beim Besuch des US-Präsidenten nicht. Gegner und Anhänger sind sich einig: Obwohl die Siedler nur ein paar Prozent der israelischen Bevölkerung ausmachen, prägen sie die Politik nachhaltig. Sie haben Tatsachen geschaffen, die einen vollkommenen Rückzug Israels aus den besetzten Gebieten verhindern.

In ihrem Buch „Die Herren des Landes“ analysieren die israelische Historikerin Idith Zertal und der Haaretz-Journalist Akiva Eldar die Geschichte der Siedlerbewegung. Das Duo legt dar, wie eine fanatische Gruppe national-religiöser Israelis den Ausbau der Siedlungen in den besetzten Palästinensergebieten systematisch vorangetrieben hat. Die jungen Leute waren „erfüllt von religiös-messianischem Glauben, gelenkt von einer charismatischen Führung, die auf ihrem Weg Gesetz und Entscheidungen gewählter staatlicher Institutionen mit den Füßen trat“, schreiben die Autoren.

Die „Soldaten des Messias“ hatten ein leichtes Spiel: Praktisch alle Regierungen unterstützten sie beim Besiedeln der 1967 eroberten Westbank oder zögerten zumindest, den Siedlern und ihrem illegalen Tun Einhalt zu gebieten. Um Konfrontationen auszuweichen, waren Minister immer wieder zu Kompromissen bereit und ließen zu, dass aus den Provisorien unverrückbare Dörfer oder Städte wurden.

Wie viel das Siedler-Abenteuer den Staat kostet, wissen Zertal und Eldar nicht. Mit Tricks verschleiern Politiker und Bürokraten die Geldströme an die Siedler. Betrug, Scham, Verschleierung, Leugnung und Verdrängung hätten das Verhalten des Staates in Bezug auf den Kapitalfluss an die Siedlungen charakterisiert – sowohl gegenüber den eigenen Bürgern als auch gegenüber dem Ausland, schreiben die Autoren. Andererseits ist klar, wie hoch der Preis ist, den die Palästinenser zahlen. Jede Siedlung schneidet einen Teil ihres künftigen Staates weg. Zu den Siedlungen gehört ein ausgedehntes Netz von Straßen und Sicherheitseinrichtungen, was die Bewegungsfreiheit empfindlich einschränkt.

Obwohl es den Siedlern gelungen ist, die politische Agenda zu dominieren, ist ihr Unterfangen, gemessen an ihren Zielen, ein Flop. Ariel Scharon etwa wollte ursprünglich bis zum Ende des 20. Jahrhunderts zwei Millionen Menschen auf der Westbank ansiedeln. Derzeit wohnen dort aber lediglich 260 000 Israelis (ohne Ost-Jerusalem). Eine mögliche Erklärung könnte im ideologischen Gegensatz zwischen Zionismus und der Besiedlung besetzter Gebiete liegen. Beim Zionismus ging es darum, in Palästina eine jüdische Mehrheit zu schaffen. Die Siedler-Ideologen hingegen behaupten, das Land der Urväter zu beanspruchen und sehen sich als Teil einer religiösen Erlösung. Eine Rückgabe biblischen Landes ist für Siedler deshalb eine Sünde. Es prallen zwei diametral entgegengesetzte Identitäten aufeinander. Die Besiedlung des Landes gehört zwar seit jeher zum zionistischen Ethos, auf dem der Staat Israel gegründet ist. Doch mit der zweiten Hälfte der sechziger Jahre verlor der Zionismus bei vielen seinen Glanz. Die Siedler machten sich den Imageverlust des Zionismus geschickt zunutze und präsentierten sich als die neuen Pioniere. Ihre Bewegung „Gush Emunim“ (Block der Gläubigen) profilierte sich als Basisbewegung und machte ihren Einfluss bei rechten Parteien geltend.

Zertal und Eldar kommen in ihrem streckenweise schwerfällig übersetzten Buch zum Schluss, dass die Siedler einer glorreichen Zukunft entgegengehen. Scharon habe zwar die Siedlungen im Gazastreifen zerstört. Sein Plan sei es aber bestimmt gewesen, „die Okkupation auf der Westbank noch weiter zu festigen und die Dominanz über die Palästinenser auf Dauer festzuschreiben“.

Idith Zertal, Akiva Eldar: Die Herren des Landes; DVA, München 2007, 576 Seiten, 28 Euro

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