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13.02.2013

18:24 Uhr

Sotheby's-Kunstauktion

Bacon statt Bundesanleihen

VonSusanne Schreiber

Die Euro-Krise sorgt für Unsicherheiten auf den Finanzmärkten weltweit, die Zinsen sind am Boden. Spitzenkunst aber boomt, zeigt die jüngste Sotheby's-Auktion. In einer Hauptrolle wieder einmal: der deutsche Tabakwarengroßhändler Jürgen Hall.

„Three Studies for a Self-Portrait“ (1980) von Francis Bacon. Reuters

„Three Studies for a Self-Portrait“ (1980) von Francis Bacon.

Düsseldorf/LondonDer Dienstagabend war ein besonderer Abend in der Bond Street. Nicht nur, dass Sotheby’s 44 von 54 angebotenen Kunstwerken der Nachkriegszeit und der Gegenwart zu ihren Schätzpreisen oder darüber versteigern und damit 74,3 Millionen Pfund Umsatz machen konnte.

Das Besondere war, dass das teuerste Auktionslos des Abends von einem bescheidenen Herrn mit grauem Haar und Brille ersteigert wurde. Jürgen Hall, Tabakwarengroßhändler aus Mönchengladbach, passt so gar nicht in die Glitzerwelt der Contemporary Art.

Francis Bacon

Eckdaten

Der irische Maler Francis Bacon wurde am 28. Oktober 1909 in Dublin geboren und starb am 28. April 1992 in Madrid.  Er gehört zu den bedeutendsten gegenständlichen Malern des 20. Jahrhunderts. Vornehmlich setzte er sich mit der Darstellung des menschlichen Körpers auseinander.

Leben

Sein Biograph Daniel Farson berichtet von einer Vita zwischen Halb- und Unterwelt. Sein Leben steht unter dem Einfluss von Alkohol und Glücksspiel. Dem Abgründigen steht der belesene Intellektuelle gegenüber, der eine ungewöhnliche Arbeits- und Selbstdisziplin aufbrachte.

Surrealismus und Kubismus

Bacon zog 1925 nach London und arbeitete dort zunächst als Innenarchitekt und Möbeldesigner. Ab 1930 beschäftigte er sich nebenbei immer mehr mit der Malerei. Es entstanden erste Ölbilder orientiert an den Strömungen des Surrealismus und Kubismus. Doch aufgrund seiner Unzufriedenheit zerstörte er viele Werke wieder und gab das Malen vorläufig bis 1944 auf.

Hauptberuflicher Künstler

Mit dem Werk „Drei Studien zu Figuren einer Kreuzigung“ stellte sich 1945 der erste Erfolg ein und Bacon beschloss, eine Existenz als hauptberuflicher Künstler zu führen. In seinen Bildern stellt er Themen wie menschliche Isolation und Zerrissenheit dar, was besonders das  Gemälde „Papst Innozenz X.“ aus dem Jahr 1953 zeigt. Gewalt und Schmerz kennzeichnen darin die Deformation seiner Gemäldefiguren.

Der Visionär

Bacon avancierte neben Graham Sutherland zu einem der bedeutendsten Repräsentanten der visionären Malweise. Ängste und Hoffnungslosigkeit finden sich in seinen Bildern wieder. Bacon behält eine pessimistische Grundstimmung bei, indem die Bildfiguren Verzerrung und Verstümmelung ausstrahlen. Sie sollen die menschliche Brüchigkeit und Grausamkeit mitteilen.

Gewalt und Verzweiflung

Bacons Portraits sind in einem großen Spannungsfeld zwischen Gewalt und Verzweiflung sowie Aggression und Schmerz angesiedelt. Das 1968 entstandene Werk „Two Studies for a Portrait of Georg Dyer“ zeigt dies eindrucksvoll. Die Figuren sind Individuen, die den deformativen gesellschaftlichen Kräften ausgesetzt sind.

Einfluss

Bacon schockierte mit seiner expressionistisch-visionären Malweise und nahm maßgeblich Einfluss auf die zeitgenössische Malerei in England und ganz Europa. Noch zu seinen Lebzeiten erlebte der Maler Retrospektiven auf sein Werk.

Und doch ist der über 70-jährige Geschäftsmann immer wieder gern gesehener Gast, investiert er doch Millionenbeträge lieber in Spitzenkunst denn in Bundesanleihen, Aktien oder andere Wertpapiere. Dem Handelsblatt gegenüber vertraute der aufs Gemeinwohl bedachte Kaufmann im Herbst 2012 an, dass er auf den nächsten Ankauf durchaus sparen müsse.

Diese Woche sollte also ein bedeutendes dreiteiliges Bild von Francis Bacon (1909-1992) das Objekt seiner Begierde sein. 13,8 Millionen Pfund (rund 17 Millionen Euro, inklusive Aufgeld) musste Jürgen Hall diesmal gegen einige Konkurrenten aufbringen. Allerdings kauft der Mäzen es nicht für sich selbst, sondern um es einer internationalen Institution zu leihen. Bislang war das Kunstmuseum Bonn das begünstigte Haus. Doch ob auch dieses Werk in Bonn zu sehen sein wird, ist fraglich.

Bislang waren die Ankäufe jeweils mit Stephan Berg, dem Intendanten des Kunstmuseums Bonn, abgesprochen gewesen – einmal schickte Hall eine SMS „Auftrag erledigt“, um das Museum zu informieren. Doch die Kunsthalle Bonn bestätigt den Bacon-Coup nicht. „Herr Hall ist dahingehend noch nicht an uns herangetreten“, sagte eine Sprecherin.

Sotheby's teilte lediglich mit, dass das Werk an ein „bedeutendes internationales Haus“ gehen werde. Geschätzt war die kleinformatige Serie „Three Studies of a Self Portrait“ mit den sich wie unter Wasser verschlierenden Gesichtszügen des exzessiven Malerstars auf zehn bis 15 Millionen Pfund.

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