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18.02.2011

15:03 Uhr

Surrealismus

Lust, die Wirklichkeit umzudeuten

VonMarc Peschke

Die Künstler des Surrealismus schufen Traumbilder und überraschende Objekte. Alltagsgegenstände werden da frivol, humorvoll oder hintersinnig. 180 „Surreale Dinge“ stellt die Schirn in Frankfurt aus.

Da ist ein Unglück passiert, mit Meret Oppenheims "Pelzhandschuhen". Quelle: Succession Marcel Duchamp / VG Bild-Kunst, Bonn 2010 / Estate of

Da ist ein Unglück passiert, mit Meret Oppenheims "Pelzhandschuhen".

FrankfurtDas hätten sich Man Ray, Meret Oppenheim & Co. wohl nicht gedacht: dass ihre Objektkunst noch beinahe ein ganzes Jahrhundert nach ihrem Entstehen zur überraschenden Ausstellung taugen würde. Die surrealistische Idee, sie funktioniert immer noch, wie der Ausstellungsbesucher in der Frankfurter Kunsthalle Schirn feststellen kann.

 

„Surreale Dinge“ heißt die große Schau, die dort ausgebreitet ist. Sie konzentriert sich ganz auf die Objektkunst des Surrealismus, lässt die Malerei beiseite. Wir begegnen hier einem leuchtend roten  Hummer als Telefonhörer, geschaffen 1936 von Salvador Dalí, dem gefährlichen Dornen-Bügeleisen und einem sonderbar blauen Baguette-Brot, beides von Man Ray, oder den Pelzhandschuhen von Meret Oppenheim, in denen die Finger feststecken. Schön auch Man Rays Frage nach unserer womöglich gleichgetakteten Wahrnehmung: Er klebte 1923 ein Auge auf ein Metronom  – und wenn dieses Auge heute ausschwingt, staunen wir über so viel Weitsicht.

 

Spiel mit dem Sinn

 

Wie einfach sind oft diese Eingriffe! Und wie überraschend die Wirkung. Alltägliches veränderten die Künstler der surrealistischen Bewegung – oft nur in Details – und stellten damit den ganzen Sinn des Dings in Frage. Der neue Sinn war oft keiner – Unsinniges, Groteskes, Absurdes zeigt die vergnügliche Ausstellung. 

 

Busen: bitte berühren

 

Viel Weltbekanntes wird hier versammelt: etwa die kühne Abformung einer weiblichen Brust von Marcel Duchamp und Enrico Donati, die den Titel „Prière de toucher/ Bitte berühren“ trägt. Geheimnisvoller dagegen sind die Objekte Meret Oppenheims, wie etwa ihre geäderten Handschuhe. In seiner Aussage noch deutlicher ist der blutige, verbundene Revolver von Maurice Henry. Phantasie haben auch die Ausstellungsmacher bewiesen, wenn sie Ausstellungsräume in weinroten Samt hüllen, und die Exponate auf schwarzen Möbeln präsentieren – sie damit in die Aura des Eleganten überführen.

 

Bitte überraschen

 

Etwa 180 Objekte und Fotoarbeiten sind zu sehen, im ersten Raum etwas dicht gedrängt präsentiert, entstanden zumeist zwischen 1925 und 1945. Immer geht es um das Überraschende, „das zweckfreie Spiel des Denkens“, wie es André Breton 1924 im ersten surrealistischen Manifest formuliert hat. Das Überraschungsmoment,  das zeigt diese Ausstellung, ist eine zentrale Kraft in der Kunst. Surrealismus ist kein Stil, sehen wir, sondern eine Art, gegen die als Zumutung empfundene Wirklichkeit zu denken: Wenn Picasso im Jahr 1938 etwa aus dem Draht einer Champagner-Flasche ein Püppchen bastelt, um ihm einen Rock aus Silberfolie anzuziehen, dann äußert sich darin ein deutliches Bekenntnis zur kleinen Form, zu der Idee, Alltag und Kunst verschmelzen zu lassen. Zur Lust an der Umdeutung des Vorhandenen.

 

Sexuelle Fetische

 

Ganz anders, dunkel, besessen, betont anti-rational gibt sich die suggestive Puppe des obsessiven Erotikers Hans Bellmer in einer späten Version aus dem Jahr 1971. Seit den 1930er-Jahren hatte der Berliner Künstler immer neue Puppen-Varianten aus Holz, Gips und Metall gebaut und fotografisch inszeniert. Bellmers künstliche Mädchen sind sexuelle Fetische, die heute noch provozieren. 

 

Überflüssig ist in der Schirn-Ausstellung jene schummrige Treppenhaus-Installation, die eine Künstlergruppe aus dem Umfeld der Städel-Schule für die Ausstellung erarbeitet hat. Den Handlauf haben die Künstler mit Pelz verkleidet, dazu einige Puppen nach surrealistischem Vorbild zerstückelt. Ideen-Recycling der vollkommen unsurrealistischen Art – weil alles andere als überraschend.

 

Surreale Dinge. Skulpturen und Objekte von Dalí bis Man Ray

Schirn Kunsthalle Frankfurt

Römerberg

60311 Frankfurt

Bis 29. Mai 2011

Di, Fr–So 10–19 Uhr, Mi und Do 10–22 Uhr

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