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17.03.2014

11:33 Uhr

Tabus in der Kunst

Die Rolle des nackten Jünglings

VonSusanne Schreiber

Am jugendlichen Akt ist nichts Verwerfliches, fanden schon die alten Griechen und findet Sebastian Edathy. Doch diese Sichtweise änderte sich im Laufe der Zeit. Ein Streifzug durch die Rolle des Jünglings-Aktes.

Nackte Jungs: Die Fotos von Wilhelm von Gloeden zeigen den „Jungenakt mit Flöte“ (links) und „Knabenakt mit Palmwedeln“ (um 1890) im Museum für Fotografie in Berlin „Die nackte Wahrheit und anderes". dpa - picture-alliance

Nackte Jungs: Die Fotos von Wilhelm von Gloeden zeigen den „Jungenakt mit Flöte“ (links) und „Knabenakt mit Palmwedeln“ (um 1890) im Museum für Fotografie in Berlin „Die nackte Wahrheit und anderes".

DüsseldorfAktdarstellungen von jungen Männern kennt die Kunstgeschichte seit den frühen Hochkulturen von Sumer, Ägypten, Indien, Griechenland und Kreta. Da hat Sebastian Edathy recht. Der mit Kinderpornografie-Vorwürfen hat sich jetzt bei Spiegel Online umfangreichend gerechtfertigt und betont: „Ich bin nicht pädophil. In der Kunstgeschichte hat der männliche Akt, auch der Kinder- und Jugendakt, eine lange Tradition. Man muss daran keinen Gefallen finden, man darf es aber.“

Körperliche und geistige Vollkommenheit schilderten die Griechen tatsächlich vorzugsweise an Hand von männlichen Aktmodellen, war doch der männliche Bürger das Urbild der Polis.

Die Steinskulpturen des schreitenden, stolzen Apoll von Tenea (550 v. Chr.) oder des Kuros aus Finikia (540 v. Chr.), die Bronze des nur in Kopien überlieferte Lanzenträgers von Polyklet (440 v. Chr.) sind alles antike Heroen. Ihr jugendlicher, sportlich trainierter, makelloser Körper reflektiert die ethische Norm der männerorientierten Polis, in der Knabenliebe nichts Verwerfliches war.

Das hat sich mit dem Siegeszug des Christentums stark geändert. Moral und Askese überdeckten im Mittelalter die Sinnenfreude, die ein unbekleideter, wohl gebauter Körper und sein stilisiertes Gemächt ausstrahlen.
Erst in der Renaissance konnten sich Künstler dem Naturstudium des menschlichen Körpers einigermaßen frei zuwenden.

Die wichtigsten Akteure im Fall Edathy

Heiner Bartling (67)

Der SPD-Politiker – von 1998 bis 2003 Niedersächsischer Innenminister – teilte im NDR mit: Edathy hatte mindestens einen Informanten, der ihn mit Gerüchten über Ermittlungen gegen ihn versorgt hätte. Das habe er von Edathy selbst am Telefon erfahren. Edathy bestritt, dass ihn jemand vorgewarnt hatte.

Sebastian Edathy (44)

Von 1998 bis zu seinem Mandatsverzicht Anfang Februar saß der Niedersachse im Bundestag, wo er sich Ansehen als Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses erwarb. In der Affäre um den Kinderpornografie-Verdacht räumte er öffentlich ein, bei einer kanadischen Firma Material bezogen zu haben, das er für legal gehalten habe. Sein Mandat habe er aus Erschöpfung niedergelegt – und weil er Maßnahmen gegen ihn nicht ausschließen konnte. Laut Staatsanwaltschaft Hannover hat Edathy Bilder beziehungsweise Sequenzen von unbekleideten männlichen Jugendlichen bestellt – ein „Grenzbereich zur Kinderpornografie“.

Hans-Peter Friedrich (56)

Ende Oktober 2013 gab der CSU-Mann als Bundesinnenminister einen Hinweis des Bundeskriminalamts zu Edathy an SPD-Chef Sigmar Gabriel weiter. Gegen Friedrich richtet sich der Vorwurf des Geheimnisverrats. Seinen Rücktritt als Agrarminister begründete er am Freitag auch mit schwindendem politischem Rückhalt. Mit Blick auf die Möglichkeit, dass Edathy einen Posten in der neuen schwarz-roten Regierung hätte bekommen können, betonte er, er habe nur seine Pflicht getan.

Klaus-Dieter Fritsche (60)

Der damalige Staatssekretär im Bundesinnenministerium trug Friedrich im Oktober zu, dass Edathys Name bei internationalen Ermittlungen auf einer Liste aufgetaucht sei. Der Hinweis kam laut Regierung vom Bundeskriminalamt. Heute bekleidet Fritsche einen neu geschaffenen Posten im Bundeskanzleramt als Staatssekretär für die Belange der Geheimdienste.

Jörg Fröhlich (53)

Der Leiter der Staatsanwaltschaft Hannover ging am vergangenen Freitag mit Details zu den Ermittlungen gegen Edathy an die Öffentlichkeit. Es gibt nun eine Debatte darüber, ob die Durchsuchungen von Büros und Wohnungen Edathys gerechtfertigt waren, obwohl wohl kein dringender Tatverdacht bestand. Auch dass die Ermittler viele Einzelheiten publik machten, ist eher ungewöhnlich. Edathys Anwalt legte Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Staatsanwaltschaft ein.

Sigmar Gabriel (54)

Friedrich informierte den SPD-Chef im Oktober über den Hinweis des Bundeskriminalamts zu Edathy – Gabriel informierte seinerseits den damaligen SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier und den damaligen Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann. Am Montag reagierte Gabriel auf wachsenden Unmut in der Union, dass in der Affäre bisher alleine Friedrich Konsequenzen zog: Für die SPD gebe es dafür keinen Anlass – man habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Insbesondere habe niemand Edathy gewarnt.

Angela Merkel (59)

Die Kanzlerin erfuhr laut ihrem Sprecher Steffen Seibert erst in der vergangenen Woche aus den Medien über die Ermittlungen im Zusammenhang mit Edathy. Sie selbst teilte mit, erst im Gespräch mit Gabriel am vergangenen Mittwoch davon erfahren zu haben, dass es vorab Informationen über den Fall gegeben habe.

Thomas Oppermann (59)

Am Donnerstag machte der SPD-Fraktionschef den Informationsfluss Friedrich-Gabriel-Steinmeier/Oppermann öffentlich – und löste damit erst die aktuelle Koalitionskrise aus. Von Gabriel informiert, rief der damalige SPD-Fraktionsgeschäftsführer nach eigenen Angaben bei BKA-Präsident Jörg Ziercke an und ließ sich die Angaben nach eigener Aussage bestätigen. Oppermann teilte auch mit, im Dezember Christine Lambrecht als neue Fraktionsgeschäftsführerin informiert zu haben.

Jörg Ziercke (66)

Der Leiter des Bundeskriminalamts widersprach Oppermanns Angaben über das gemeinsame Telefonat: Der oberste BKA-Mann betonte, er habe sich nicht zum Sachverhalt Edathy geäußert. Ziercke und Edathy waren sich im NSU-Untersuchungsausschuss begegnet: Edathy als Vorsitzender, Ziercke als Zeuge. Sie gerieten dort wegen der Rolle des BKA im Fall NSU aneinander.

Donatellos Steinskulptur des knabenhaften „David“, der den Riesen Goliath nur mit einer Steinschleuder besiegt hatte (1430), haftet durch die Nacktheit nicht nur Ursprünglichkeit an, sondern auch Humanität, Zerbrechlichkeit und Schutzbedürftigkeit. Der in Florenz aufbewahrte „David“ gilt als die erste naturwahre männliche Aktfigur der Neuzeit.

Um die Wende von 19. zum 20. Jahrhundert entdeckte Wilhelm von Gloeden eine Marktlücke. Der Mecklenburger stellte fest, dass auf Sizilien ein unverkrampftes Verhältnis zur Nacktheit herrschte und Kinder in der Öffentlichkeit auch nackt herum liefen.

Knaben mit Amphore und Lorbeerkranz – aber ohne Kleidung

Da begann der offen homosexuell lebende, gut betuchte von Gloeden im armen Taormina zunächst als Hobbyfotograf, später dann auch professionell, Knaben in antiken Stettings, mit und ohne Amphore oder Lorbeerkranz, abzulichten.

Diese Aktbilder von Knaben, die als antike Jünglinge posieren, fanden als Postkarten und Bücher reißenden Absatz. Wiederentdeckt wurden sie von der Schwulenbewegung in den 60er-Jahren. Künstler wie Robert Mapplethorpe, selbst berühmt für seine inszenierten Männerakte, Andy Warhol und Cecil Beaton sammelten von Gloedens erotisierende Lichtbilder.

Kunst schert sich nicht um Tabus, will Grenzen des (guten) Geschmacks überwinden. Künstlerische Aktfotografie ist stets, wie alle andere Kunst, Ausdruck der Gesellschaft, in der sie entsteht. Kinderschutzgedanken, wie wir sie heute haben, standen damals noch in den Sternen.

Kommentare (2)

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17.03.2014, 13:05 Uhr

Ich vermisse den Hinweis auf die zahlreichen Gemälde in Kirchen.

Account gelöscht!

17.03.2014, 13:42 Uhr

Was ist eigentlich daran anders wenn diese Fotos hier abgebildet werden, als wenn Edathy sie sich auf sein Labtop lädt?

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