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15.06.2015

08:01 Uhr

Tatort als Wirtschaftskrimi

Das mörderische Geschäft mit grüner Energie

VonMarcel Reich

„Grüne Energie“ hat ein makelloses Image, doch auch immer mehr Investoren versuchen ihr Glück auf diesem subventionierten Millionen-Markt. Der Tatort zeigte, dass nicht alles so sauber ist, wie man denkt.

Der Betreiber des Windparks, Lars Overbeck (r, Thomas Heinze) im Gespräch mit Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) und Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen). dpa

„Tatort“ Bremen - „Wer Wind erntet, sät Sturm“

Der Betreiber des Windparks, Lars Overbeck (r, Thomas Heinze) im Gespräch mit Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) und Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen).

DüsseldorfWindkraft gilt heute als die „grüne Energie“, in die man auch als Unternehmen bedenkenlos investieren darf. Doch längst sind auch Hedgefonds auf die Rendite-sichere, erneuerbare Energie aufmerksam geworden, das Geschäft wird härter und härter. Dass die ganze Offshore-Szene jedoch gar nicht so sauber sein könnte, wie viele denken, war der Aufhänger für den gestrigen Tatort mit Inga Lürsen und Stedefreund aus Bremen.

Zu Beginn des Falls „Wer Wind erntet, sät Sturm“ findet das Duo den Umweltaktivisten Piko Valdez erschossen im Büro einer Umwelt-Aktivistengruppe auf, auch dessen Freund Henrik Paulsen verschwindet auf einem Windrad in der Nordsee, dass er kurzerhand illegal geentert hatte.

Paulsen wollte darauf aufmerksam machen, wie viele Zugvögel von den Windrädern getötet werden, außerdem würde die pure Installation der Windräder Schweinswale so verwirren, dass sie in zu seichte Gewässer abdriften und sterben. Von diesem Ausflug zur Rettung der Umwelt kehrte Paulsen jedoch nicht mehr zurück.

9,5 mögliche Gründe gegen den Tatort

1. Zuviel

„Nennen Sie aus dem Stand alle aktuellen „Tatort“-Teams!“ Gar nicht so einfach. Über 20 Teams sind zurzeit im Einsatz, manche kommen nicht mal mehr jedes Jahr ins Fernsehen. Da bekommt mancher den Eindruck, dass die Dachmarke „Tatort“ ziemlich verwässert wird.

2. Deja-Vu

Oft sind im „Tatort“ dieselben Schauspieler als Opfer, Angehörige oder Tatverdächtige zu sehen, so als gäbe es nur ein paar Darsteller im deutschsprachigen Raum. In diesem Jahr war das bereits etwa bei Uwe Bohm, Jenny Schily, Emily Cox oder Armin Rohde auffällig. „Tatort“-Koordinator Gebhard Henke sagt dazu: „Die Rollen werden oft sehr kurzfristig besetzt. Und es gibt ja keine Zentralredaktion, sondern jede ARD-Anstalt organisiert das selber.“ Er leide auch darunter, glaube aber, dass es die Zuschauer kaum störe.

3. Polizeiarbeit-Darstellung

Wohl kaum jemand erwartet, dass es in Fernsehkrimis zugeht wie in der Realität. Aber mancher findet das Ausmaß an Falschheit, mit dem manchmal die Arbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft dargestellt wird, erschreckend. Schon zu Zeiten von „Prügelkommissar“ Schimanski kam die Frage auf: Untergräbt der „Tatort“ den Rechtsstaat?

4. Fehlender Regionalbezug

Per Definition sollen die verschiedenen „Tatorte“ regional gefärbt sein. Viele Darsteller der Kommissare und auch die Drehbuchautoren wohnen allerdings in Berlin. Ist das vielleicht der Grund, dass oft vieles austauschbar wirkt?

5. Vorspann

Wehe, man sagt etwas gegen den „Tatort“-Vorspann. Til Schweiger wagte das mal: „Den würde ich gerne ändern“, sagte er beim Jupiter Award 2012, „den Vorspann, der ist jetzt wirklich outdated.“ Das Echo war enorm, Titelmusik-Komponist Klaus Doldinger sagte zum Beispiel, solch ein Markenzeichen dürfe man nicht aufgeben. Schweiger ruderte zurück. Aber vielleicht hatte er ja einfach mal recht.

6. Selbstbezüglichkeit

Eigentlich lebt die Reihe von in sich abgeschlossenen Filmen mit Auflösung in der jeweiligen Folgen, nur die Ermittlerfiguren bleiben über mehrere Fälle. Doch mit Doppelfolgen und immer mehr Episoden, die an ältere Fälle anknüpfen, wird dieses Konzept zunehmend untergraben.

7. Twitter-Phänomen

Mancher genießt es, mancher ist einfach nur genervt, wenn Freunde und Bekannte am Sonntagabend scheinbar zusammenhangslos beim „Tatort“-Gucken Kommentare bei Twitter oder Facebook absetzen. Komiker Michael Kessler etwa findet Gucken, um zu kommentieren, „befremdlich“. In einem „taz“-Interview sagte er: „Man sollte sich auch einfach mal 90 Minuten auf etwas einlassen können. Ich lese ja auch nicht neben dem Fernsehen ein Buch.“

8. Tatort-Stars, die selbst kaum Tatort gucken

Immer wieder gibt es „Tatort“-Schauspieler, die selber sagen, dass sie ja eigentlich keine „Tatort“-Fans seien. Meret Becker (Berlin) gab im dpa-Interview zu, sie schaue den Sonntagskrimi selten: „Klar, manchmal bleib ich hängen und guck eher aus Versehen als aus beruflichem Pflichtbewusstsein.“

9. Betulichkeit

Angestrengt am deutschen Alltag orientiert und oft sozialpädagogisch und mit langweiligen Dialogen - das Klischee vom „Tatort“ ist hart, aber manchmal auch wahr. Viele jüngere Zuschauer haben sich längst an die schnelleren US-Serien gewöhnt.

Und der Grund neineinhalb

Ins Hintertreffen beim „Tatort“-Hype gerät oft der kleine Bruder mit DDR-Vergangenheit: das ARD-Format „Polizeiruf 110“. Dabei halten viele dessen Fälle oft für spannender. Ist der „Polizeiruf“ vielleicht der bessere „Tatort“?

Die Bremer Kommissare Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) finden sich mitten in einem Interessenkonflikt zwischen Umweltschützern und gewinnorientierten Unternehmern wieder.
Windpark-Betreiber Lars Overbeck wird schnell zum ersten Tatverdächtigen, schließlich wartet er gerade auf einen überfälligen Kredit für seine marode Firma.

Schlechte Presse durch Umwelt-Aktivisten kann er da kaum gebrauchen. Will er seine Kritiker zum Schweigen bringen? Je mehr die Kommissare in Erfahrung bringen, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Opfern und Tätern, zwischen unschuldig und schuldig.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

15.06.2015, 09:02 Uhr

Das schlimme ist, dass es in der Realität noch skrupelloser und verantwortungsloser zu geht und die Politik erst dieser Subventions-EE-Mafia Branche mit ihrem EEG und Energieeinsparverordnung Tür und Tor geöffnet hat.
Die Politik subventioniert mit dem EEG in eine Erneuerbare Energiebranche = Energiewende, die keine Mehrwert sonderen einen massiven Negativen = Zerstörerische Wirkung auf unsere Volkswirtschaft = Wohlstand ausübt.
Die wirtschaftliche Wertschöpfungskette der Kraftwerksbasierenden Wohlstandsgesellschaft wird durch die Energiewende = EEG politisch gewollt zerstört und durch den Mangel von Wind und Sonne = Energiedichte und Unzuverlässigkeit ersetzt.
Energiewende/EEG = erst kommt die Lüge (Energie wenden zu können), dann der Betrug/Selbstbetrug (EEG), danach der Mangel (Energieeinsparzwang) und zum Schluss die Armut (unbezahlbare Strompreise bei einer gleichzeiig mangelhaften Stromversorgung).

Herr Fred Meisenkaiser

15.06.2015, 10:06 Uhr

Ja, und die kernenergie ist so billig, und die Endlagerung so sicher. Schön war das alles!
Hätte man die Kernenergie nicht so dramatisch subventioniert (und tut es immer noch, auch in den nächsten 10000Jahren) wären wir schon lange von diesem Irrsinn weg!

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