Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

10.03.2018

17:02 Uhr

„Tatort“ aus Bremen

Die Abgründe des deutschen Pflegesystems

Schonungslose Realität im Fernsehformat: Den „Tatort“-Zuschauer erwarten am Sonntag die russische Pflegemafia, überforderte Angehörige und zwielichtige Gutachter.

Bremer Tatort – „Im toten Winkel“ dpa

Tatort

Bremer Tatort – „Im toten Winkel“

BremenZwischen Leben und Tod liegen meist nur wenige Sekunden. Die demente Frau Senta (Liane Düsterhöft) stirbt durch die Hand ihres Ehemanns Horst Claasen (Dieter Schaad), der sie mit einem Kissen erstickt. Claasen wählt den Notruf, bevor er selber im Anschluss an den Mord Suizid begeht. Das ist die Geschichte eines Rentners, der seine pflegebedürftige Ehefrau in den eigenen vier Wänden betreut. Mit dieser ersten Szene konfrontiert der Bremer „Tatort“ den Zuschauer mit der schonungslosen Realität der häuslichen Pflege.

Der Krimi widmet sich an diesem Sonntag einem Tabu-Thema, der jeden einholen könnte: Überforderte Angehörige Pflegebedürftiger. Damit ist der sonntägliche Film im Ersten sehr nah am echten Leben, denn drei Viertel der Pflegebedürftigen in Deutschland werden in ihrem Zuhause versorgt. Die Rahmenbedingungen dafür sind in der Regel problematisch. Wie groß die Missstände wirklich sind, greift die Episode „Im toten Winkel“ auf. „Es ist deutsche Realität in komprimierter Form“, sagt Sabine Postel, die die Hauptkommissarin Inga Lürsen spielt.

Das Drehbuch dazu stammt von Katrin Bühlig und beruht auf umfangreichen Recherchen. „Ich wollte schon sehr lange Zeit einen Film über Pflege machen“, sagt die Autorin. Rund 2,8 Millionen Menschen in Deutschland werden Bühlig zufolge in ihrem Zuhause von ihren Angehörigen versorgt. Die durchschnittliche Pflegezeit liege bei zehn Jahren. Eigentlich sei das kein Thema für einen Tatort. Denn daraus einen dramaturgischen Krimi zu kreieren, sei schwierig. Daher sei der Krimi Regisseur Philip Koch zufolge eher dokumentarisch aufgebaut. „Es war wichtig, da nicht mit großen künstlerischen Kniffen und Spielereien heranzugehen“, sagt Koch. Bei den Dreharbeiten nutzte er oft die Handkamera, damit er sehr viele Nahaufnahmen auffangen konnte. Der Regisseur habe darauf geachtet, dass alles ganz reduziert und puristisch erzählt werde.

„Tatort“ aus Dresden: Der abgründige Fall eines Kindsmörders

„Tatort“ aus Dresden

Der abgründige Fall eines Kindsmörders

Ein Kind wird entführt, missbraucht und getötet. Der bisher härteste Fall für die Dresdner „Tatort“-Ermittler ist kein Psychogramm eines Pädophilen. Allerdings mit neuer Regiehandschrift.

Hauptkommisar Stedefreund, gespielt von Oliver Mommsen, sagt: „Diese Episode fängt mit der Schonungslosigkeit an, die sich durch den ganzen Film zieht.“ Damit bezieht er sich auf die Ermordungsszene der pflegebedürftigen Frau Senta. Nach jahrelanger Pflege der Alzheimerpatientin ist Horst Claasen am Ende, auch finanziell. Ob der Rentner sich die Pflege seiner Ehefrau wirklich nicht mehr leisten konnte, müssen die Ermittler klären: Haben sie es tatsächlich mit Mord oder einem gescheiterten Doppelsuizid zu tun? Durch den Gutachter Kühne (Peter Heinrich Brix) dringen sie immer tiefer in den Alltag von Pflegenden ein. Schließlich wird ein zweiter Mord begangen. Die Ermittler müssen sich auch um dessen Aufklärung kümmern.

„Im toten Winkel“ folgt ein Pflegeschicksal dem nächsten: Die Zuschauer werden unter anderem mit dem Leben einer jungen Mutter mit Schädelhirntrauma konfrontiert. „Das hat mit dem Alter erstmal nichts zu tun“, sagt Camilla Renschke, die die Vorgesetzte der Kommissarin spielt. „Jedes einzelne Schicksal geht unter die Haut, und man will sich nicht vorstellen, wie die Wirklichkeit aussieht“, ergänzt Oliver Mommsen. Dieter Schaad hat bereits persönliche Erfahrungen mit häuslicher Pflege gemacht. „Das ist ein brandaktuelles Thema“, sagt er, „es war ein Kampf, meine Mutter mit Hilfe meiner Frau vor dem Umzug in ein Pflegeheim zu bewahren. Allein hätte ich das nicht gepackt.“

Der Film wurde im vergangenem Herbst gedreht und ließ keinen der Beteiligten unberührt. Ende Februar 2017 gaben die Schauspieler Sabine Postel und Oliver Mommsen bekannt, dass sie nach über 20 Jahren Anfang 2019 aus der „Tatort“-Reihe aussteigen werden. Es ist also einer ihrer letzten Fälle. Einschalten könnte sich lohnen.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×