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06.07.2015

08:14 Uhr

Tatort aus Luzern

Was ist ein Flüchtlingsleben wert?

VonMarcel Reich

Der letzte Tatort vor der Sommerpause: Die Kommissare Flückiger und Ritschard ermittelten gestern im Flüchtlingsmilieu. Hier scheint Menschenverachtung auf der Tagesordnung zu stehen.

Razzia im Drogenmilieu: Liz Ritschard (l.) und ihr Kollege, der Drogenfahnder Franz Hofstetter, stürmen eine Wohnung. Quelle: ARD

Tatort aus Luzern

Razzia im Drogenmilieu: Liz Ritschard (l.) und ihr Kollege, der Drogenfahnder Franz Hofstetter, stürmen eine Wohnung.

Quelle: ARD

DüsseldorfDer Schweizer Tatort „Schutzlos“ wagte sich gestern auf politisch ganz wackeliges Terrain. Die Kommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) ermittelten im afrikanischen Flüchtlingsmilieu in Luzern – dabei hatten die Macher keine Berührungsängste. Ein Fall, der seinesgleichen sucht.

Vor zwei Jahren kam der Nigerianer Egi als sogenannter UMA in die Schweiz – als unbegleiteter, minderjähriger Asylsuchender. Als Flüchtling bekommt er in der Schweiz keinen Job, also fängt er in der Dealerbande seiner Landsleute an, um Kokain zu verticken. Nun wird Egi erstochen unter einer Brücke in Luzern aufgefunden. Kurz zuvor wurde sein Dealer-Ring noch im Hauptquartier überfallen, ein Haufen Kokain ist verschwunden.

Alle Indizien sprechen zunächst für eine Abrechnung im Drogenmilieu. Für den neuen Polizeichef Mattmann (Jean-Pierre Cornu) ist klar, dass dieser Fall am besten gleich zu den Akten gelegt werden soll. Schließlich hätte der straffällige Ebi bei Erreichung der Volljährigkeit sowieso sofort ausgewiesen werden sollen, wofür also kostbare Arbeitsressourcen aufwenden? Bei dieser menschenverachtenden Einstellung blieb der Polizeichef den ganzen Fall über.

Tatort-Geschichte im kleinen Überblick

„Taxi nach Leipzig“

29.11.1970: Erster Krimi der Reihe: „Taxi nach Leipzig“ mit Walter Richter als Hamburger Kommissar Paul Trimmel. Ausgangslage: In der DDR wird an einem Autobahnrastplatz bei Leipzig die Leiche eines Jungen gefunden, der Schuhe aus der Bundesrepublik trug.

„Reifezeugnis“

27.3.1977: „Reifezeugnis“ von Wolfgang Petersen, der legendäre „Tatort“ schlechthin. Der Kieler Kommissar Finke (Klaus Schwarzkopf) hat es mit dem Mord an einem Gymnasium und dem Verhältnis zwischen einer Schülerin (Nastassja Kinski) und einem Lehrer (Christian Quadflieg) zu tun.

Erste Kommissarin

29.1.1978: Als erste Ermittlerin der Reihe schickt der SWF Kommissarin Marianne Buchmüller (Nicole Heesters) ins Rennen. Auftakt: „Der Mann auf dem Hochsitz“. Bis 1980 gibt es drei Folgen.

Erster Schimanski-Tatort

28.6.1981: Erster Schimanski-„Tatort“ - Titel: „Duisburg-Ruhrort“. „Schimmi“, also Horst Schimanski (Götz George) wird Kult. Zwei Fälle kommen auch ins Kino: „Zahn um Zahn“ (1985) und „Zabou“ (1987).

Erster Odenthal-Tatort

29.10.1989: Start für Ulrike Folkerts als Lena Odenthal in Ludwigshafen. Sie ist noch heute im Einsatz und damit die dienstälteste Ermittlerin der Reihe.

Deutsch-deutsche Koproduktion

28.10.1990: Der Krimi „Unter Brüdern“ ist eine deutsch-deutsche Koproduktion von DFF und ARD aus den Krimireihen „Polizeiruf 110“ und „Tatort“, unter anderem mit Götz George und Eberhard Feik.

Kindesmissbrauchs-Tatort

26.11.1995: Zum 25. Jubiläum läuft der Münchner Krimi „Frau Bu lacht“ in der Regie von Dominik Graf - viele Kritiker halten diesen Kindesmissbrauch-Thriller für einen der besten „Tatorte“ überhaupt.

Erster Tatort aus Münster

20.10.2002: Der Münster-„Tatort“ startet. Das Team mit Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) gilt fortan als das mit Abstand beliebteste.

Satanismus-Krimi

04.4.2004: Im Bremer Satanismus-Krimi „Abschaum“ mit Sabine Postel und Oliver Mommsen werden 14 Todesopfer gezählt - die viertmeisten Toten in einem „Tatort“.

Proteste der alevitischen Gemeinde

23.12.2007: Der Fall „Wem Ehre gebührt“ mit Maria Furtwängler als Charlotte Lindholm in Hannover löst wegen seiner Verknüpfung von Inzest und der islamischen Glaubensrichtung der Aleviten rund um seine Erstausstrahlung Proteste der alevitischen Gemeinde aus.

Matthias Schweighöfer im Tatort

03.1.2010: „Tatort“ Nummer 751 mit dem Titel „Weil sie böse sind“ mit den Frankfurter Ermittlern Dellwo und Sänger (Jörg Schüttauf und Andrea Sawatzki) glänzt mit einem bitterbösen Adelsspross, gespielt von Matthias Schweighöfer.

Wiener Tatort

05.2.2012: In der Wiener Folge „Kein Entkommen“ mit Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser werden 15 Todesopfer gezählt - die drittmeisten Toten in einem „Tatort“.

Erster Schweiger-Tatort

10.3.2013: Erster „Tatort“ mit Til Schweiger. Mit dem Krimi „Willkommen in Hamburg“ setzt der Kinostar neue Maßstäbe in Sachen Action und Produktionskosten. Ein Jahr später (9.3.2014) hat der Fall „Kopfgeld“ mit 19 Leichen die zweitmeisten Toten eines „Tatorts“.

Abschied von „Franziska“ erst nach 22 Uhr

05.1.2014: Im Fall „Franziska“ stirbt die langjährige Kölner Assistentin Franziska Lüttgenjohann (Tessa Mittelstaedt) bei einer Geiselnahme im Gefängnis. Die Erstausstrahlung des Gruselkrimis ist aus Jugendschutzgründen erst nach 22 Uhr gelegt worden.

Tukur mit den meisten Toten

12.10.2014: Die Folge „Im Schmerz geboren“ mit Ulrich Tukur als Felix Murot stellt einen Leichenrekord in der „Tatort“-Geschichte auf. Experten vom „Tatort-Fundus“ zählen 51 Leichen.

Der 1000. Tatort

Voraussichtlich Ende 2016 kommt dann der 1000. „Tatort“.

Erst auf Drängen der beiden Kommissare Flückiger und Ritschard darf „mit niedrigstem“ Aufwand ermittelt werden. Flückiger hat dabei während des Falls mit seinen ganz eigenen Dämonen zu kämpfen: Schwere Migräne-Attacken schicken ihn gleich mehrfach mitten in den Ermittlungen zu Boden. Wenn er mal stehen bleibt, verfolgen ihn hartnäckige Halluzinationen.

Diese eingestreuten Wahnvorstellungen könnten nerven, sorgen jedoch dank der guten Machart für einen Extra-Schub an dramaturgischer Klasse. Überhaupt dürfte „Schutzlos“ einer der besten, zumindest Schweizer Tatorte der letzten Zeit sein. Mit vielen Wackelkamera-Einstellungen rücken die eingespielten Kommissare dem Drogenring immer näher auf den Pelz, das dichte Geflecht aus Lügen und Schutzbehauptungen sorgt lange für einen hohen Spannungsbogen.

Schnell gerät die junge Jola ins Visier der Ermittler. Auch sie flüchtete aus Nigeria, musste jedoch einen qualvollen Umweg über Italien gehen, wo sie zur Prostitution gezwungen wurde. Das ist für die Schweiz noch kein geeigneter Grund für Asyl, schließlich geschah die Prostitution erst nach der Flucht aus dem Heimatland – Paragrafenreiten im Angesicht schlimmsten menschlichen Leids.

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