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21.02.2016

12:48 Uhr

Tatort aus Stuttgart

Im gelobten Land der Menschenschmuggler

Ein Flüchtlingsheim in einem maroden Plattenbau-Areal – das „Tatort“-Setting könnte kaum düsterer sein. Es geht um Menschenschmuggler, die Polizei und Profikiller. Ein Fall für das Stuttgarter Ermittlerduo.

Die Schauspieler Edita Malovcic, Richy Müller (Kommissar) und Sascha Alexander Gerak in einer Szene des Tatorts „Im gelobten Land“. dpa

TV-Vorschau „Tatort: Im gelobten Land“

Die Schauspieler Edita Malovcic, Richy Müller (Kommissar) und Sascha Alexander Gerak in einer Szene des Tatorts „Im gelobten Land“.

StuttgartDer Polizeieinsatz geht furchtbar schief. Statt Drogen finden die Fahnder im Stuttgarter „Tatort“ 23 Tote in einem Lastwagen auf einem Autobahn-Rastplatz. Die Flüchtlinge waren in Bretterverschlägen erstickt – hätte die Polizei nicht so lange auf die Ankunft von Schmugglern gewartet, wären die Afrikaner gerettet worden. „23 Menschen sind krepiert, während wir 20 Meter entfernt waren“, ringt Ermittler Thorsten Lannert (Richy Müller) um Fassung. Zusammen mit seinem Partner Sebastian Bootz (Felix Klare) will er die Verantwortlichen zur Strecke bringen. „Tatort - Im gelobten Land“ (Sonntag, 20.15 Uhr) ist ein düsterer TV-Film mit realem Bezug.

Im vergangenen Sommer machte der Tod von 71 Flüchtlingen in einem Lastwagen in Österreich grauenvolle Schlagzeilen. Der „Tatort“ nähert sich dem Thema über den fiktiven Fernsehfall an. Die Schleuser seien weltweit vernetzt – „wie Reiseveranstalter“, erklärt Staatsanwältin Álvarez (Carolina Vera). „Die haben überall Büros, wo sie Schleusungen nach Europa anbieten, Nordafrika, Syrien, Istanbul.“ Nicht nur die Handlanger vor Ort wollen die Ermittler zur Strecke bringen, sondern auch die Hintermänner, „die Bosse der Bosse“, wie die Staatsanwältin sagt. Als ominöser Schattenmann wird der Oberboss in einer Szene schablonenhaft in die Handlung eingeführt.

Die Afrikanerin Lela (Florence Kasumba) ist als Flüchtling schon in Deutschland und wartet auf die Ankunft ihrer Familie. Ihr bitteres Fazit über das Gastland in gebrochenem Deutsch: „In Afrika alle glauben, ist Paradies, aber ist nix.“ Kulisse für den Großteil des Films sind heruntergekommene Plattenbauten, in denen Flüchtlinge ihr Leben fristen. Dorthin führen die Wege der Menschenschlepper, dorthin irrlichtert Lannert, entschlossen, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen.

9,5 mögliche Gründe gegen den Tatort

1. Zuviel

„Nennen Sie aus dem Stand alle aktuellen „Tatort“-Teams!“ Gar nicht so einfach. Über 20 Teams sind zurzeit im Einsatz, manche kommen nicht mal mehr jedes Jahr ins Fernsehen. Da bekommt mancher den Eindruck, dass die Dachmarke „Tatort“ ziemlich verwässert wird.

2. Deja-Vu

Oft sind im „Tatort“ dieselben Schauspieler als Opfer, Angehörige oder Tatverdächtige zu sehen, so als gäbe es nur ein paar Darsteller im deutschsprachigen Raum. In diesem Jahr war das bereits etwa bei Uwe Bohm, Jenny Schily, Emily Cox oder Armin Rohde auffällig. „Tatort“-Koordinator Gebhard Henke sagt dazu: „Die Rollen werden oft sehr kurzfristig besetzt. Und es gibt ja keine Zentralredaktion, sondern jede ARD-Anstalt organisiert das selber.“ Er leide auch darunter, glaube aber, dass es die Zuschauer kaum störe.

3. Polizeiarbeit-Darstellung

Wohl kaum jemand erwartet, dass es in Fernsehkrimis zugeht wie in der Realität. Aber mancher findet das Ausmaß an Falschheit, mit dem manchmal die Arbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft dargestellt wird, erschreckend. Schon zu Zeiten von „Prügelkommissar“ Schimanski kam die Frage auf: Untergräbt der „Tatort“ den Rechtsstaat?

4. Fehlender Regionalbezug

Per Definition sollen die verschiedenen „Tatorte“ regional gefärbt sein. Viele Darsteller der Kommissare und auch die Drehbuchautoren wohnen allerdings in Berlin. Ist das vielleicht der Grund, dass oft vieles austauschbar wirkt?

5. Vorspann

Wehe, man sagt etwas gegen den „Tatort“-Vorspann. Til Schweiger wagte das mal: „Den würde ich gerne ändern“, sagte er beim Jupiter Award 2012, „den Vorspann, der ist jetzt wirklich outdated.“ Das Echo war enorm, Titelmusik-Komponist Klaus Doldinger sagte zum Beispiel, solch ein Markenzeichen dürfe man nicht aufgeben. Schweiger ruderte zurück. Aber vielleicht hatte er ja einfach mal recht.

6. Selbstbezüglichkeit

Eigentlich lebt die Reihe von in sich abgeschlossenen Filmen mit Auflösung in der jeweiligen Folgen, nur die Ermittlerfiguren bleiben über mehrere Fälle. Doch mit Doppelfolgen und immer mehr Episoden, die an ältere Fälle anknüpfen, wird dieses Konzept zunehmend untergraben.

7. Twitter-Phänomen

Mancher genießt es, mancher ist einfach nur genervt, wenn Freunde und Bekannte am Sonntagabend scheinbar zusammenhangslos beim „Tatort“-Gucken Kommentare bei Twitter oder Facebook absetzen. Komiker Michael Kessler etwa findet Gucken, um zu kommentieren, „befremdlich“. In einem „taz“-Interview sagte er: „Man sollte sich auch einfach mal 90 Minuten auf etwas einlassen können. Ich lese ja auch nicht neben dem Fernsehen ein Buch.“

8. Tatort-Stars, die selbst kaum Tatort gucken

Immer wieder gibt es „Tatort“-Schauspieler, die selber sagen, dass sie ja eigentlich keine „Tatort“-Fans seien. Meret Becker (Berlin) gab im dpa-Interview zu, sie schaue den Sonntagskrimi selten: „Klar, manchmal bleib ich hängen und guck eher aus Versehen als aus beruflichem Pflichtbewusstsein.“

9. Betulichkeit

Angestrengt am deutschen Alltag orientiert und oft sozialpädagogisch und mit langweiligen Dialogen - das Klischee vom „Tatort“ ist hart, aber manchmal auch wahr. Viele jüngere Zuschauer haben sich längst an die schnelleren US-Serien gewöhnt.

Und der Grund neineinhalb

Ins Hintertreffen beim „Tatort“-Hype gerät oft der kleine Bruder mit DDR-Vergangenheit: das ARD-Format „Polizeiruf 110“. Dabei halten viele dessen Fälle oft für spannender. Ist der „Polizeiruf“ vielleicht der bessere „Tatort“?

„Tatort“-Macher verpassen der Handlung häufig auch einen privaten Strang: Familienstress oder Eheprobleme sollen Zuschauern alltagstaugliches Identifikationspotenzial bieten. Im Fall der Stuttgarter Kommissare hat sich dies zuletzt erschöpft, nachdem die beiden Kommissare so ziemlich alle möglichen privaten Rückschläge meistern mussten. Eine Stärke des neuen Stuttgarter Krimis ist es, dass der Drehbuchautor, „Tatort“-Routinier Christian Jeltsch, und Regisseur Züli Aladag auf das private Bohey verzichten und sich auf das Flüchtlingsdrama konzentrieren.

Trotz logischer Schwächen - etwa den Schüssen von Kommissar Bootz auf einen Elitekiller in John-Wayne-Manier - ist der „Tatort“ überaus sehenswert. Zwischenzeitlich mutiert er zu einem dichten Kammerspiel, wenn Ermittler, Schmuggler und Flüchtling in einem Zimmer eingesperrt sind.

Sascha Alexander Gersak spielt überzeugend einen aufbrausenden Schurken mit menschlichen Zügen und voller Zweifel. „Abkassieren, wie erbärmlich“, urteilt der Ermittler über die Arbeit des Menschenschmugglers. Die Kriminellen sehen sich hingegen als Gutmenschen: „Wenn wir die Menschen nicht nach Europa holen, kommen sie auf eigene Faust und sterben in der Wüste.“

Schritt um Schritt lösen die Filmemacher den Schwarz-Weiß-Gegensatz von Gut und Böse auf zu Grautönen, in denen alles verschwimmt. Deutschland, dieses titelgebende „gelobte Land“ für Flüchtlinge, wird zum Morast. Ein Drogenfahnder zeigt sich kalt und gleichgültig wegen der Toten. Ein hilfsbereiter Dolmetscher verschweigt Wesentliches. Ein schießwütiger Schmuggler rettet Leben. Am Ende steht Kommissar Bootz vor einer Flüchtlingsgruppe. Atemlos sagt er: „Willkommen“. Er sagt es so leise, als traue er seinen eigenen Worten nicht – und dem Versprechen, das dieser Willkommensgruß für die erwartungsvollen Flüchtlinge beinhalten könnte.

Von

dpa

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