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22.06.2015

08:11 Uhr

Tatort aus Stuttgart

Mordmotiv Stuttgart 21

VonMarcel Reich

Der Stuttgarter Tatort soll sich mehr an den Themen der Schwabenmetropole orientieren – Ziel erfüllt. Im gestrigen Fall „Der Inder“ war das Stuttgart 21. Es ist das Streitthema schlechthin – und sogar ein Mordmotiv.

Die Kommissare Sebastian Bootz (Felix Klare, l.) und Thorsten Lannert (Richy Müller) ermittelten rund um das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21. Foto: ARD

Stuttgarter Tatort

Die Kommissare Sebastian Bootz (Felix Klare, l.) und Thorsten Lannert (Richy Müller) ermittelten rund um das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21.

Foto: ARD

DüsseldorfSeit längerem schon soll der Stuttgarter „Tatort“ schwäbischer werden: „Die großen Themen der Stadt sollen stärker in die Reihe integriert werden“, kündigte SWR-Fernsehdirektor Christoph Hauser an. Mit dem gestrigen Fall „Der Inder“ starten die Kommissare Sebastian Bootz (Felix Klare) und Thorsten Lannert (Richy Müller) passenderweise mit einem Streitthema durch, dass die Schwabenmetropole politisch fast zerrissen hätte und sogar den Begriff „Wutbürger“ hervorbrachte: Stuttgart 21.

Ob bei der Verlegung des Stuttgarter Hauptbahnhofs unter die Erde alles mit rechten Dingen zugegangen ist, ist bis heute umstritten. Fakt ist: Das Projekt kostet Millionen von Euro, und der Nutzen ist mehr als fraglich – der ICE aus Frankfurt braucht durch die neue Strecke künftig sage und schreibe 14 Minuten weniger. Dieses Konfliktprojekt, das die Schwaben mittlerweile seit Jahrzehnten bewegt, war die Vorlage für einen Politkrimi des Stuttgarter Tatort-Ensembles.

Tatort-Geschichte im kleinen Überblick

„Taxi nach Leipzig“

29.11.1970: Erster Krimi der Reihe: „Taxi nach Leipzig“ mit Walter Richter als Hamburger Kommissar Paul Trimmel. Ausgangslage: In der DDR wird an einem Autobahnrastplatz bei Leipzig die Leiche eines Jungen gefunden, der Schuhe aus der Bundesrepublik trug.

„Reifezeugnis“

27.3.1977: „Reifezeugnis“ von Wolfgang Petersen, der legendäre „Tatort“ schlechthin. Der Kieler Kommissar Finke (Klaus Schwarzkopf) hat es mit dem Mord an einem Gymnasium und dem Verhältnis zwischen einer Schülerin (Nastassja Kinski) und einem Lehrer (Christian Quadflieg) zu tun.

Erste Kommissarin

29.1.1978: Als erste Ermittlerin der Reihe schickt der SWF Kommissarin Marianne Buchmüller (Nicole Heesters) ins Rennen. Auftakt: „Der Mann auf dem Hochsitz“. Bis 1980 gibt es drei Folgen.

Erster Schimanski-Tatort

28.6.1981: Erster Schimanski-„Tatort“ - Titel: „Duisburg-Ruhrort“. „Schimmi“, also Horst Schimanski (Götz George) wird Kult. Zwei Fälle kommen auch ins Kino: „Zahn um Zahn“ (1985) und „Zabou“ (1987).

Erster Odenthal-Tatort

29.10.1989: Start für Ulrike Folkerts als Lena Odenthal in Ludwigshafen. Sie ist noch heute im Einsatz und damit die dienstälteste Ermittlerin der Reihe.

Deutsch-deutsche Koproduktion

28.10.1990: Der Krimi „Unter Brüdern“ ist eine deutsch-deutsche Koproduktion von DFF und ARD aus den Krimireihen „Polizeiruf 110“ und „Tatort“, unter anderem mit Götz George und Eberhard Feik.

Kindesmissbrauchs-Tatort

26.11.1995: Zum 25. Jubiläum läuft der Münchner Krimi „Frau Bu lacht“ in der Regie von Dominik Graf - viele Kritiker halten diesen Kindesmissbrauch-Thriller für einen der besten „Tatorte“ überhaupt.

Erster Tatort aus Münster

20.10.2002: Der Münster-„Tatort“ startet. Das Team mit Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) gilt fortan als das mit Abstand beliebteste.

Satanismus-Krimi

04.4.2004: Im Bremer Satanismus-Krimi „Abschaum“ mit Sabine Postel und Oliver Mommsen werden 14 Todesopfer gezählt - die viertmeisten Toten in einem „Tatort“.

Proteste der alevitischen Gemeinde

23.12.2007: Der Fall „Wem Ehre gebührt“ mit Maria Furtwängler als Charlotte Lindholm in Hannover löst wegen seiner Verknüpfung von Inzest und der islamischen Glaubensrichtung der Aleviten rund um seine Erstausstrahlung Proteste der alevitischen Gemeinde aus.

Matthias Schweighöfer im Tatort

03.1.2010: „Tatort“ Nummer 751 mit dem Titel „Weil sie böse sind“ mit den Frankfurter Ermittlern Dellwo und Sänger (Jörg Schüttauf und Andrea Sawatzki) glänzt mit einem bitterbösen Adelsspross, gespielt von Matthias Schweighöfer.

Wiener Tatort

05.2.2012: In der Wiener Folge „Kein Entkommen“ mit Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser werden 15 Todesopfer gezählt - die drittmeisten Toten in einem „Tatort“.

Erster Schweiger-Tatort

10.3.2013: Erster „Tatort“ mit Til Schweiger. Mit dem Krimi „Willkommen in Hamburg“ setzt der Kinostar neue Maßstäbe in Sachen Action und Produktionskosten. Ein Jahr später (9.3.2014) hat der Fall „Kopfgeld“ mit 19 Leichen die zweitmeisten Toten eines „Tatorts“.

Abschied von „Franziska“ erst nach 22 Uhr

05.1.2014: Im Fall „Franziska“ stirbt die langjährige Kölner Assistentin Franziska Lüttgenjohann (Tessa Mittelstaedt) bei einer Geiselnahme im Gefängnis. Die Erstausstrahlung des Gruselkrimis ist aus Jugendschutzgründen erst nach 22 Uhr gelegt worden.

Tukur mit den meisten Toten

12.10.2014: Die Folge „Im Schmerz geboren“ mit Ulrich Tukur als Felix Murot stellt einen Leichenrekord in der „Tatort“-Geschichte auf. Experten vom „Tatort-Fundus“ zählen 51 Leichen.

Der 1000. Tatort

Voraussichtlich Ende 2016 kommt dann der 1000. „Tatort“.

Der ehemalige Staatssekretär im Bauministerium Jürgen Dillinger wird tot im Pfaffenhausener Wald aufgefunden, niedergestreckt mit drei präzisen Schüssen in die Brust. Am Morgen wurde er noch im Untersuchungsausschuss des Landtags verhört.

Dillinger war mitverantwortlich für das umstrittene Gleisdreieck-Projekt: Auf dem durch Stuttgart 21 freigewordenen Areal sollte eine visionäre neue Siedlung entstehen, mit hochpreisigen Wohnungen, Schulen und Parkanlagen.

Doch es gab Schwierigkeiten mit den Baugenehmigungen, der indische Investor entpuppte sich als Hochstapler und das Projekt scheiterte. Millionen Euro einer Landesbürgschaft versickerten irgendwo in den Taschen korrupter Politiker und Bauherren.

„Der Inder“ wird als klassischer Politkrimi aufgezogen, mit allerhand Zeitsprüngen. Immer wieder macht die Handlung einen Satz in die Vergangenheit und zeigt Mordopfer Dillinger im Untersuchungsausschuss oder Verhöre mit Beteiligten. Das mag am Anfang noch spannend wirken, wird danach aber sehr schnell sehr verwirrend, da nicht sofort klar wird, an welcher Stelle der Handlung man sich nun befindet.

Kommentare (1)

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Herr Bruno Ernst

22.06.2015, 15:26 Uhr

Ein kleine Ungenauigkeit ist Ihnen in dem Artikel unterlaufen: Umstritten ist vom Projekt S21 in Stuttgart nur der Tiefbahnhof. Die Fahrzeitverkürzung von 14 Minuten für den ICE verursacht aber die Neubaustrecke Stuttgart-Ulm, die unabhängig vom Tiefbahnhof - auch unter dem Label Stuttgart 21 - geplant wurde und gebaut wird. Der Tiefbahnhof verschlechtert sogar den bundesweiten ICE-Verkehr, weil er mit seinen 8 Durchgangsgleisen nicht die für den bundesweiten Taktverkehr nötigen Reserven hat - denn er kann 30% weniger Züge bewältigen als der bestehende Kopfbahnhof (der mit seinen 17 Gleisen der zweitpünktlichste Großbahnhof Deutschlands ist). Die Neubaustrecke macht den Zugverkehr nur schneller, aber der Tiefbahnhof verschlechtert das Entscheidende: die guten Zuganschlüsse.
Die zeitlichen und inhaltlichen Sprünge in diesem Tatort fand ich im Übrigen überhaupt nicht störend, sondern das, was einen guten Krimi von einer flach erzählten Story unterscheidet.

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