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01.04.2013

18:07 Uhr

„Tatort“-Klischees

Am Ende ist der Unternehmer der Bösewicht

VonHans Hoff

Er schläft mit Opfern, ist in dubiose Finanzgeschäfte verwickelt und tötet alle, die Lunte riechen: Der Unternehmer kommt im „Tatort“ schlecht weg. Solche Klischees könnten die Krimireihe auf Dauer Zuschauer kosten.

Die Spurensuche führt die Dortmunder Kommissare Peter Faber und Martina Bönisch zum Chef eines Hightech-Unternehmens. ARD

Die Spurensuche führt die Dortmunder Kommissare Peter Faber und Martina Bönisch zum Chef eines Hightech-Unternehmens.

DüsseldorfAm „Tatort“ herrscht Massenandrang. Kaum eine Woche, in der nicht irgendeine Quotenerfolgsmeldung die ARD verlässt. Kaum hatte Til Schweiger mit seinem „Tatort“-Debüt 12,6 Millionen Zuschauer angelockt und damit den besten „Tatort“-Wert seit 20 Jahren erreicht, da legten die Münsteraner Kommissare aus derselben Reihe noch gut 200.000 drauf. So viele Zuschauer versammeln sich vor dem Fernsehapparat sonst nur noch bei Fußballspielen. Der „Tatort“ gehört damit eindeutig zu den letzten verbliebenen Lagerfeuerveranstaltungen.

Die öffentlich-rechtlichen Krimis bieten am Sonntagabend Gesprächsstoff, der sich am Folgetag im Büro nutzen lässt. Sie prägen aber auch mit nicht zu unterschätzender Wirkung das öffentliche Bild mancher Berufsgruppen. So wirkt es, als müssten Kriminalermittler privat stets einen an der Waffel haben, als hätten Journalisten nichts anderes zu tun als sich am Absperrband der Polizei zu versammeln, und wenn ein Unternehmer auftaucht, dann taugt er im „Tatort“ höchst selten als Sympathieträger.

Sehr oft hat er irgendwie Dreck am Stecken. Er schläft oft mit späteren Opfern, ist in dubiose Finanztransaktionen verwickelt, schädigt die Umwelt und tötet natürlich alle, die Lunte riechen. Oder er ist als Chef einer Unternehmer-Dynastie Schwulenhasser und verachtet seinen eigenen Sohn. So war es zumindest in der ersten Folge des Dortmunder „Tatort“ zu sehen.

Natürlich sind Beschreibungen des Unternehmerbildes im „Tatort“ genauso sehr Klischee wie in den Filmen selbst. „Man muss die Hintergründe im Genre Krimi manchmal auch sehr vereinfacht zeichnen“, sagt Gebhard Henke. Der WDR-Fernsehfilmchef ist in der ARD als Koordinator für den „Tatort“ tätig.

Reaktionen auf ersten Schweiger-Tatort

Zu viel Ego, zu wenig Inhalt

Kritiker nahmen sich weniger der Handlung als der Person Til Schweiger an. „Das war ein absolut okayer "Tatort". [...] Das Problem ist, dass Til Schweiger immer Til Schweiger ist. Egal, was er macht. Das muss man akzeptieren“, schrieb „Die Welt“ in ihrem Live-Ticker im Internet. „Es geht hier um wenig anderes als die Zeichnung eines perfekten Helden. [...] Es wäre angenehmer, wenn es im nächsten Tatort aus Hamburg weniger um das Ego des Hauptdarstellers ginge als um den Film“, hieß es auf „Süddeutsche.de“.

Tatort war ein „Wagnis“

NDR-Intendant Lutz Marmor erklärte in einer Pressemitteilung, das Wagnis habe sich gelohnt. „Vor allem freut mich, dass der "Tatort" um eine actionreiche Variante mit einer modernen, tempogeladenen Bildsprache reicher ist.“

Zu viel Geballer

Bei Twitter wurde gerade diese Action heiß diskutiert. „Es wurde so viel geschossen, dass es in meinem Kopf auch danach noch total laut und unordentlich ist. #TATORT“, schrieb Nutzerin HappySchnitzel.

„Schweiger raus“

Andere wie m_l79 wurden noch drastischer: „Der lächerlichste #tatort den ich je gesehen habe. Dämliches Geballere, idiotische Konversationen. Unpolizeilicher gehts kaum #SchweigerRaus“.

Der neue Schimanski

Allerdings gab es auch positive Stimmen: „#Tschiller ist der neue #Schimanski! Bitte mehr davon!“, lobte Nutzer agrabher. „Fazit: Mehr von Fahri Yardim! #tatort“, fand zudem sybille_smile.

Diskussion im Netz

„Tatort“-Fans tauschten sich meist schon während der noch laufenden Sendung aus - zwischen acht und zehn Uhr abends twitterten sie am meisten. Die Begriffe „Tatort“ und „Schweiger“ schafften es am Montagmorgen in die deutschen Top-Ten der meistbenutzten Begriffe des Kurznachrichtendienstes.

Promis twittern zum „Tatort“

Unter den Twitterern gaben auch einige Prominente ihre Meinung preis: „Ok, folks. Ihr dürft Euch jetzt bitte nicht wieder so schlimm aufregen, aber: ich find den Tatort ganz gut“, schrieb Moderatorin Sarah Kuttner.

„Umgeschaltet“

Ihr Kollege Jan Böhmermann sah es anders: „Okaaaay, uuuund: Umgeschaltet. Aber es ist nicht Tils Schuld. #tatort“.

„Wie ne Famileinfeier“

Comedian Matze Knop sah den jüngsten Fall natürlich mit Humor: „Der 1. #Tatort mit @TilSchweiger. Mit viel Spannung, Action, Aggression und Gewalt. Wie ne Familienfeier mit der Schwiegermutter:-) #ARD“.

Er weiß Jahre vorher, wer wann und wo von wem ermordet wird. Dass dabei auch mal ein Unternehmer als Bösewicht herhalten muss, liegt für ihn in der Natur der kriminellen Sache. „In unserer sozialkritischen Tradition ist das Verbrechen oft oben eingeordnet, nicht so sehr bei den kleinen Leuten.“ Dann seufzt er kaum hörbar und beschreibt die Not der Kreativen am „Tatort“. „Man muss immer einen finden, der böse ist.“

Sehr schön auf die Schippe genommen haben das die Macher des satirischen Medienmagazins „Walulis sieht fern“, als sie vor zwei Jahren den „typischen Tatort in 123 Sekunden“ drehten. In dem ist in zwei Minuten zu sehen, was ein solches Sonntagabendevent typischer Weise ausmacht. „Sag mal. Haben wir schon ein Thema von gesellschaftlicher Relevanz?“, fragt da der Assistent mittendrin seine Chefin, und die kontert geschickt. „Du meinst den verkrampften sozialkritischen Einschlag? Kommt jetzt. Atomlobby.“

Kurz danach sitzt sie ganz oben in einem futuristischen Hochhaus aus Glas einem gelackten Typen gegenüber, der wissen will, warum sie ihn eigentlich verdächtigt. „Weil das den Zuschauern gefällt“, sagt die Kommissarin, und der in die Enge Getriebene kommt ins Grübeln. „Sie meinen den Gedanken, dass die da oben auch niedere Triebe haben?“, fragt er, und schon hat die hübsche blonde Kriminale wieder das Wort: „Genau. Verbindung in die Politik, skrupellos, geldgeil.“ Den Einwand des Unternehmers, dass das alles schon sehr stereotyp sei, kontert die Frau mit betonter Lässigkeit. „Ich nehm' Sie trotzdem fest.“

Gut 650.000 Mal wurde der Videoclip inzwischen angeschaut, und die drumherum gebaute Sendung bekam im vergangenen Jahr sogar einen Grimme-Preis für außergewöhnliches Fernsehschaffen. Der Erfolg zeigt zusätzlich, wie sehr der „Tatort“ die Massen fasziniert.

Bei der ARD ist man vor allem glücklich darüber, dass man mit den 1,3 bis 1,6 Millionen Euro teuren Produktionen neuerdings regelmäßig eine ansonsten eher vernachlässigte Zielgruppe erreicht: Menschen unter 50 Jahren. Die treffen sich inzwischen sonntags in Lokalen, aber auch privat zum „Tatort“-Rudelgucken und machen sich teilweise lustig über das, was sie sehen. Manchmal ärgern sie sich auch. Aber sie gucken.

Kommentare (27)

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Account gelöscht!

01.04.2013, 18:43 Uhr

Das ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Genau der richtige Ort, um verschrobene Klischees zu bedienen und die Gesellschaft noch mehr zu spalten.

vandale

01.04.2013, 18:52 Uhr

Die Medienschaffenden sind regelmässig linksökologisch orientiert. Die Fernsehsendungen werden dann zu einer links-ökologischen Gehirnwäsche der Bevölkerung genutzt.

Unternehmer, qualifizierte Angestellte, Ex-Männer sind grundsätzlich böse. Einwanderer, vom Sozialstaat Lebende, Gleichgeschlechtliche, Alleinerziehende sind grundsätzlich gut.

Das Staatsfernsehen ist Vorreiter dieser Propaganda.

Vandale

profni

01.04.2013, 18:57 Uhr

Wenn nicht der Unternehmer der Mörder ist, dann (a) jemand aus seiner Familie (vernachlässigte/r Sohn/Tochter oder Ehefrau, (b) ein Chefarzt oder (c) ein Professor (gerne Psychiater). Niemals jemand mit Migrationshintergrund, solche werden verdächtigt um die Vorurteile der Gesellschaft zu entlarven. Dass es anders geht zeigen amerikanische Serien, dort geht es eher nach Proporz .

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