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13.10.2014

10:13 Uhr

Tatort – Pro und Contra

Blutrünstig unterhaltsam oder hanebüchen?

VonRoman Tyborski, Tobias Döring

Western in Wiesbaden, 50 Leichen und ein Gegenspieler wie aus einem Bond-Film: Der neue Tatort war alles andere als Durchschnitt. Über den Film gehen die Meinungen auseinander – ein Pro und Contra.

Ulrich Tukur als Kommissar Felix Murot: Der Tatort „Im Schmerz geboren“ regt zu Diskussion an. dpa

Ulrich Tukur als Kommissar Felix Murot: Der Tatort „Im Schmerz geboren“ regt zu Diskussion an.

Contra – Übertriebene Inszenierung, keine Realitätsnähe
Eigentlich hätte man nach einer Minute ausschalten sollen. Ein Zeremonienmeister, der einen Tatort mit einer künstlerisch überhöhten und inhaltsleeren Rede einführt?! Der Finger an der Fernbedienung zuckt, doch ich bleibe dran.

Nach der Einführung folgende Szene: Auf einem verlassenen Bahnhof warten drei bewaffnete Männer auf den einfahrenden Zug. Anscheinend ist es brüllend heiß. Oder doch nicht? Während einer der Männer seinen schwitzenden Oberkörper in die Kamera hält, tragen die anderen beiden Jacke und Kapuzenpullover.

Der Zug fährt ein. Bösewicht Richard Harloff steigt aus (gespielt von Ulrich Matthes), steht den Männern gegenüber. Es kommt zum Showdown. Western in Wiesbaden. Die drei Widersacher sterben, ohne das Harloff seine Finger krümmen musste. Orchestrale Musik ertönt, Momentaufnahmen der erschossenen Attentäter werden farblich verfremdet, Harloff nimmt seinen Koffer und geht.

Die leichenreichsten Tatorte

Platz 6

Mit je 7 Toten belegen die Berliner „Tatorte“ mit Winfried Glatzeder: „Blick in den Abgrund“ (5. April 1998) und „Krokodilwächter“ (10. November 1996) den sechsten Platz.

Quelle: tatort-fundus.de

Platz 5

Vermutlich der Schimanski-Film „Zahn um Zahn“ mit Götz George und 9 Toten. Er kam am 10. Oktober 1985 ins Kino und lief als offizieller „Tatort“ im Fernsehen erst am 27. Dezember 1987.

Platz 4

14 Tote in der Folge „Abschaum“ (Bremen, Radio Bremen) mit Sabine Postel – 4. April 2004.

Platz 3

15 Tote in der Folge „Kein Entkommen“ (Wien, ORF) mit Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser – 5. Februar 2012.

Platz 2

19 Tote in der Folge „Kopfgeld“ (Hamburg, NDR) mit Til Schweiger – 9. März 2014.

Platz 1

51 Tote in der Folge „Im Schmerz geboren“ (Wiesbaden, HR) mit Ulrich Tukur – Erstausstrahlung: 12. Oktober 2014.

Wie sich später herausstellt, ist Harloff ein alter Freund des Tatortkommissars Felix Murot. Zusammen besuchten sie die Polizeischule. Doch Harloff geriet auf die schiefe Bahn, floh nach Bolivien und wurde dort zum Drogenbaron. Klingt ziemlich an den Haaren herbeigezogen, um es vorsichtig auszudrücken.

Zusammen mit Harloff floh Marielle nach Bolivien. Sie war die Geliebte der beiden angehenden Polizisten. Szenen der Dreiecksbeziehung werden gezeigt. Aus dieser Liaison entstand ein Kind, das Harloff zum Killer erzogen hat, doch dessen Vater er nicht ist. Nach dreißig Jahren im Dschungel kehrt Harloff zusammen mit dem jungen Mann nach Deutschland zurück und verursacht ein Blutbad. Alle Widersacher aus den alten Zeiten werden getötet, inklusive des Shakespeare-Fanatikers Bosco (Alexander Held), der am Anfang den Zeremonienmeister gab.

Hört sich alles eigentlich wie ein solider Rache-Thriller an – wenn da nicht diese übertriebene Inszenierung wäre mit allerlei angestrengten Anspielungen auf Tarantino & Co. Es wirkt mehr wie ein kunstvolles Theaterspiel, bei dem Realitätsnähe nur zweitrangig ist.

Der Tukur-Tatort in Zahlen

23.500 Tweets...

…gab es gestern mit dem Hashtag #tatort. Klarer Rekord in 2014.

51 Leichen…

… hat die Experten-Seite „Tatort-Fundus“ am Sonntagabend gezählt – vier mehr als bisher kolportiert. In einer Sendung des Hessischen Rundfunks gestand der hauseigene „Tatort“-Redakteur Jörg Himstedt, die Leichen seien „nie gezählt“ worden. Ein Schauspieler habe die Zahl 47 bei einer Pressevorführung in die Welt gesetzt. Den Machern sei es jedoch nie um eine genaue Zahl gegangen.

19 Leichen…

… war der bisherige Rekord in einem „Tatort“. Vor „Im Schmerz geboren“ stellte der Hamburger Fall „Kopfgeld“ mit Til Schweiger aus dem März 2014 den bisherigen Rekord seit Gründung der ARD-Reihe im Jahr 1970 auf.

Der vierte...

...Fall von Felix Murot, gespielt von Ulrich Tukur. Seit 2010 ist der Viernheimer in der Rolle des Tatort-Kommissars zu sehen.

9,29 Millionen...

...Zuschauer hatte der Tatort „Im Schmerz geboren“. Das entsprach einem Marktanteil von 26 Prozent.

3,11 Millionen...

...14- bis 49-Jährige sahen den Tatort. Damit hat die ARD geschafft, das junge Publikum im Programm zu halten. Das alte deutsche Fernsehformat siegte bei der jungen Zielgruppe sogar gegen die Free-TV-Premieren „The Amazing Spider-Man“.

Problematisch ist auch die Charakterzeichnung der Protagonisten. Murot und Harloff treffen sich im Park eines teuren Hotels bei bolivianischen Kaffee und teurem Wein und sinnieren über das gemeinsam erlebte. Dabei verrät eine Stimme aus dem Off, worüber die beiden plaudern. Sind das noch Polizisten? In diesem Moment wirken die beiden vielmehr wie zwei alte Künstlerfreunde, die auf die Vergangenheit zurück- und auf die Freuden des noch bevorstehenden Lebens vorausblicken.

Immer wieder ertönt monumentale klassische Musik. Die Gangster in diesem Tatort erweisen sich als „profunde Weinkenner“ und intellektuelle Kulturmenschen, die sich an alten Gemälden erlaben und dabei ihre Sinne verlieren. Ulrich Tukur spielt den Felix Murot zwar gewohnt souverän, doch das verwundert nicht weiter. Denn mit Murot spielt Tukur eigentlich sich selbst – allerdings ist Tukur kein Gesetzeshüter, sondern ein Kulturschaffender.

Das einzige, was ich diesem Tatort zugute halten kann, dass er mal anders war als sonst. „Es ist alles eine Illusion“, sagt Zeremonienmeister Bosco am Anfang des Films. Am Ende wünschte ich mir, dass das gerade gesehene wirklich nur eine Illusion war. (Roman Tyborski)

Kommentare (7)

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Herr Tom Beck

13.10.2014, 10:47 Uhr

Ich habe früher oft Tatort gesehen. Schimanski war Kult unerreicht, dass liegt sicherlich auch an der Zeit zu der er lief. Heute gibt es nach meinem Empfinden einfach zu viel Tatort. Viel zu viele unterschiedliche Ermittlerteams, ich blicke da nicht mehr durch und die Geschichten zwischen den Ermittlern gehen verloren. Der Hamburger Tatort war top mit dem undercover Ermittler, den hat man ja leider "abgeknallt". Die Kommissare sind mittlerweile schon zu realitätsfern und die Storys naja.

Herr Theo Gantenbein

13.10.2014, 11:01 Uhr

War ein geiler Tatort. Nicht so ein Rentner-Krimi wir er üblicherweise im ZDF läuft.

Herr Bernd Engesser

13.10.2014, 11:04 Uhr

OK, das war kein klassischer Tatort und ging sicher an den Erwartungen der meisten Zuschauer vorbei.
Aber es war eine großartige Mischung aus klassischem Theater und moderner Filmkunst.
Ich fand es toll. Den schaue ich mir heute Abend gleich noch einmal an.

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