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14.11.2015

20:02 Uhr

Terror in Paris

Wie die ARD ihre Fußballreporter im Stich ließ

Quelle:Meedia.de

Der Terror in Paris überraschte alle – auch die Macher der ARD. Dadurch mussten Fußballmoderatoren während der Länderspielberichterstattung zu Terrorismus-Experten werden. Dafür hagelt es nun Kritik.

Experte Mehmet Scholl und Moderator Matthias Opdenhövel standen während des Länderspiels auf verlorenem Posten. Ihre Leistung wird unterschiedlich bewertet. dpa

ARD-Experten

Experte Mehmet Scholl und Moderator Matthias Opdenhövel standen während des Länderspiels auf verlorenem Posten. Ihre Leistung wird unterschiedlich bewertet.

Der blutige Terror kam ohne Vorwarnung über Paris und überraschte die Medien genauso wie die nichts ahnenden Menschen auf den Straßen. Auch die ARD, die am Freitagabend das Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft in der französischen Hauptstadt übertrug, war nicht vorbereitet und reagierte viel zu spät. Obwohl es schon Meldungen über Dutzende Tote, Anschläge an mehreren Orten und Explosionen sogar im Stadion zu hören waren, unterbrach das Erste seine Live-Sendung nicht – die Sport-Moderatoren Tom Bartels und Matthias Opdenhövel waren weitgehend auf sich allein gestellt.

Es gäbe Wichtigeres, über das derzeit gesprochen werden müsse, so Bartels während der Live-Übertragung des Fußballspiels. Er wisse auch nicht mehr, was er sagen solle.

Die Chronologie der Terror-Nacht von Paris

Um 21:15 Uhr

Frankreichs Präsident Hollande ist im Stade de France und schaut das Freundschaftsspiel zwischen Frankreich und Deutschland, als man eine Explosion ganz in der Nähe des Stadions hören kann. Nur Minuten später ist eine weitere Explosion zu hören. Hollande geht in den Sicherheitsraum des Stadions für eine Krisensitzung mit der Polizei.

21:20 Uhr

Schüsse werden auf Gäste der Restaurants Carillon und Le Petit Cambodge gefeuert, die sich an Außentischen niedergelassen haben. Fünfzehn Menschen werden getötet, zehn Opfer bleiben sehr schwer verletzt zurück.

21:32 Uhr

Schüsse werden auf das Pizza-Restaurant Casa Nostra in der Rue Fontaine au Roi im elften Distrikt von Paris gefeuert.

21:36 Uhr

Durch Schüsse im Restaurant „La Belle Équipe“ sterben 19 Menschen, neun werden schwer verletzt.

21:43 Uhr

Ein Selbstmordattentäter sprengt sich am Cafe Comptoir Voltaire am Boulevard Voltaire in die Luft und tötet eine Person. Weitere Menschen werden verletzt.

21:45 Uhr

Angreifer feuern die ersten Schüsse auf das Theater Bataclan. Der Saal ist gefüllt mit vielen Besuchern, die das Konzert der kalifornischen Band Eagles of Death Metal verfolgen. Die Angreifer feuern ziellos in die Menge. Nach dem Massaker sprechen Augenzeugen von Chaos, Panik und Leichenbergen im Saal.

21:50 Uhr

Ein Selbstmordattentäter sprengt sich vor einem McDonalds nahe dem Stade de France in die Luft. Sonst wird dadurch jedoch niemand verletzt.

21:50 Uhr bis 22:00 Uhr

Francois Hollande wird über die Schießereien in Paris informiert.

22:25 bis 23:30 Uhr

Hollande hält eine Krisensitzung im Innenministerium gegenüber dem Präsidentenpalast, dem Elysee-Palast, ab.

23:30 Uhr

Die meisten Pariser U-Bahnlinien nahe den Schießereien werden geschlossen.

23:58 Uhr

Hollande spricht zur Nation und erklärt zum ersten Mal seit 2005 den Ausnahmezustand. Er gibt die Schließung der nationalen Grenzen bekannt.

Mitternacht

Die französische Regierung hält ein Kabinettsmeeting ab, während die Geiselnahme im Bataclan Theater fortdauert.

00:45 Uhr

Das Kabinettsmeeting ist zu Ende. Die Sicherheitsbestimmungen in Paris werden erhöht, 1500 Soldaten in die Hauptstadt gerufen. Gleichzeitig stürmt die Pariser Polizei das Theater Bataclan, die Geiselnahme endet ein paar Minuten später.

01:10 Uhr

Hollande, Premierminister Manuel Valls, Innenminister Bernard Cazeneuve und Justizministerin Christiane Taubira besuchen das Theater Bataclan, gehen jedoch nicht in das Gebäude hinein.

01:00 bis 02:00 Uhr

Das Gebiet rund um das Theater sieht aus wie ein Kriegsgebiet. Die Verletzten werden hinausgetragen, Leichen werden in Leichensäcke gehüllt auf dem Bürgersteig gesammelt.

Und doch musste der ARD-Kommentator bis Abfiff – und auch darüber hinaus – durchhalten. Während des Spiels der Nationalmannschaften Frankreich und Deutschland kam es in Paris zu mehreren Gewalttaten, auch direkt am Stadion gab es Explosionen, die in der Arena zu hören waren. Bei einer habe man sogar gespürt, wie (O-Ton von Moderator Matthias Opdenhövel) „der Boden vibriert“ habe. Erste Meldungen zu den Anschlägen gab es um kurz vor 22.00 Uhr. Während der deutsche Außenminister und der französische Präsident informiert und evakuiert worden sind, sendete Das Erste das Fußballspiel weiter. Während Online-Medien sofort reagierten und Live-Eindrücke unmittelbar via Twitter und Periscope verfügbar waren, reagierte der öffentlich-rechtliche Sender zunächst gar nicht und überließ den Kommentator sich selbst – und ließ ihn damit im Stich.

Das Handeln der ARD, die Übertragung nicht zu beenden und auch nach der Sendung die Sportkollegen – die immer wieder betonten, dass sie nichts sagen wollen – überwiegend live auf Sendung zu lassen, sorgte in den sozialen Netzwerken für Kritik.

Während Moderator Matthias Opdenhövel direkt nach Abpfiff erklärte, man wolle den restlichen Abend nicht mehr über Sport sprechen, waren seine Programmmacher – vielleicht aus Mangel verifizierter Inhalte, vielleicht aus produktionstechnischen Gründen – anderer Meinung oder zumindest nicht in der Lage, die Sportreporter aus ihrer bizarren Situation zu befreien. Während das ZDF später in eine lange, ausgeruhte und einordnende Sondersendung ging, unterbrach Das Erste unregelmäßig das Programm für eine Sondersendung der „Tagesschau“, ließ die News-Experten und erfahrenen Nachrichtenjournalisten von ARD Aktuell aber nicht auf Sendung bleiben. Stattdessen musste Opdenhövel immer wieder Spielberichte ankündigen und Schalten zu Feldreportern moderieren – was offensichtlich niemandem gefiel.

Opdenhövel wie auch die die Stadionreporter betonten immer wieder, dass sie selbst nichts mehr zu den Ereignissen sagen könnten – es schien wie ein Wink mit dem Zaunpfahl an die Regie der Sendung, die Berichterstattung endlich abzugeben.

Selbst ARD-Journalisten wie „Monitor“-Chef Georg Restle kritisierten Das Erste:

Für die Sportkollegen, die statt der Nachrichtenmoderatoren auf Sendung waren, gab es lobende Worte:

Das Erste fing sich erst nach 0.00 Uhr und brachte eine längere „Tagesschau“ auf Sendung. Beim ZDF war man da mit der aktuellen Nachrichtenlage längst durch.

Entgegen der Kritik an der Reaktion der Programmverantwortlichen, gibt es auch Zuschauer, die das Handeln verteidigen und eine „unerfüllbare Erwatungshaltung“ kritisieren. Ein ausführliches Stück dazu hat der Journalist Udo Stiehl in seinem Blog veröffentlicht.

Gegenüber Dwdl.de hat sich ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke geäußert und die Entscheidung, die Sportkollegen berichten zu lassen, verteidigt: „Zunächst sind viele Beobachter davon ausgegangen, dass das Stadion Schwerpunkt des Geschehens war (…) Entsprechend war es richtig, dass die Sport-Kollegen direkt von dort über die Ereignisse abseits des Spielfelds berichtet haben. In dem Maße, in dem die Erkenntnisse zunahmen, haben wir die Zuschauerinnen und Zuschauer durch ‚Tagesschau‘-Sonderausgaben auf dem Laufenden gehalten und sind schließlich auf Strecke gegangen.“ Moderator Matthias Opdenhövel wollte sich bisher nicht zu den Vorkommnissen am Freitagabend äußern.

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