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19.01.2007

14:09 Uhr

Thema Identität

Ich ist ein anderer

VonKerstin Schneider

Die Urfragen nach der Existenz und den Bedingungen des Lebens sind seit jeher die großen Themen der Literatur. In dieser Buchsaison setzen sich gleich drei Autoren mit dem Thema Identität auseinander. Allen voran Philip Roth mit „Jedermann“.

Schonungslos erzählt Philip Roth die Geschichte eines alten Mannes in Todesangst.

Schonungslos erzählt Philip Roth die Geschichte eines alten Mannes in Todesangst.

BERLIN. Ein Mensch zieht Bilanz. „Das ist der Mann, den ich aus mir gemacht habe.“ Beruflich war der Art-Director aus Manhattan in Philip Roth’ Roman „Jedermann“ erfolgreich. Privat steht er am Ende des Lebens, alt und krank, wie er ist, vor den Trümmern seiner Existenz. Roth erzählt wie vor ihm schon Hugo von Hofmannsthal in seinem gleichnamigen Theaterstück die Geschichte eines reichen, alten Mannes, der Todesangst hat. So eindringlich stellt er Fragen nach Persönlichkeit und Identität, so schonungslos und rigoros lässt er seine Hauptfigur über Leben, Krankheit, Alter und Tod nachdenken, dass es kaum auszuhalten ist. „Das Alter ist kein Kampf. Das Alter ist ein Massaker“, heißt es im Roman. Wie nach einem Angriff fühlt sich wohl auch mancher Leser nach der Lektüre.



Was da so nahe geht, sind die Urfragen nach der Existenz und den Bedingungen des Lebens. Sie sind seit jeher die großen Themen der Literatur. Nun werden sie von Roth und anderen Autoren besonders eindringlich gestellt. Der Starautor hatte sich auch in seinen beiden wunderbaren Romanen „Der menschliche Makel“ und „Das sterbende Tier“ mit dem Thema „Bin ich der, der ich bin?“ auseinander gesetzt.



In „Jedermann“ schreibt der 73-Jährige über die allerletzten Dinge so, als sei dieser Roman auch sein letztes Buch. Das erste Kapitel erzählt vom Tod der Hauptfigur, es folgen Geschichten über Kindheit, drei Ehefrauen, drei Kinder, Affären und berufliche Erfolge. Vor allem aber berichtet Roth, der wie sein Alter Ego im Buch 1933 geboren ist, von den Krankheiten, die seinen Protagonisten schon als jungen Mann an den Rand des Todes führen.



Seine Autobiografie müsse – so lässt der Schriftsteller seinen Jedermann sagen – „Krankheit und Sterben eines männlichen Körpers“ heißen. Anders als bei Hofmannsthal gibt es für Roth’ Jedermann keine Fluchtmöglichkeit: nicht mehr in Lust und Sex, noch nie in Glaube und Religion und nicht einmal in die Begegnung mit anderen Menschen. „Ich ist ein anderer“, schrieb der französische Dichter Arthur Rimbaud einmal. Doch wie hätte Roth’ Jedermann ein anderer werden können? „Er tat nur, was er konnte, um am Leben zu bleiben“, schreibt Roth.



Das tut auch die Hauptfigur in Peter Stamms Roman „An einem Tag wie diesem“. Andreas, Deutschlehrer in Paris, lebt vor sich hin, ohne große Spuren zu hinterlassen. Er hat zwei Teilzeitgeliebte, unterrichtet eine Deutschklasse und sitzt am Wochenende im Café, wo er sich wie ein Darsteller in einem französischen Film fühlt.



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