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06.01.2013

15:20 Uhr

Themenausstellung

Mythos Atelier

VonBettina Beckert

Das Atelier als geheimnisvoller Raum des Schaffens. Wie denken die Künstler und wie denkt die Kunst über sich selbst dort nach? Die Stuttgarter Staatsgalerie zeigt einen Mix aus Selbstreflexion und Selbstdarstellung.

Henri Matisse: Das Ölgemälde „Die drei Uhr Sitzung“ von 1924 war seit Jahrzehnten nicht mehr in Europa zu sehen und reiste extra aus dem New Yorker Metropolitan Museum of Art nach Stuttgart. © bpk / Succession Henri Matisse / VG Bild-Kunst, Bonn 2012

Henri Matisse: Das Ölgemälde „Die drei Uhr Sitzung“ von 1924 war seit Jahrzehnten nicht mehr in Europa zu sehen und reiste extra aus dem New Yorker Metropolitan Museum of Art nach Stuttgart.

StuttgartKein anderer Raum der Kunst ist derart mythisch aufgeladen wie das Atelier. An diesem Ort wird Kunst erdacht, Kunst geformt und auf Papier und Leinwand gebracht. Und nachts? Nachts kommen die Mäuse. So wie beim amerikanischen Megastar Bruce Nauman. Er begann 2000, sein Atelier in Galisteo, New Mexico, nachts mit Infrarotkameras zu filmen, die er 2001 in der Videoinstallation "Mapping the Studio I" verarbeitete. Sieben Projektionen auf allen vier Wänden des Ausstellungsraums zeigen, was los ist, wenn der Künstler nicht da ist. Es schleichen Katzen durch das Atelier, Mäuse tippeln herum, und Motten bevölkern die Luft. Der Betrachter, der inmitten des Raums auf einem Bürostuhl sitzt, kann sich dennoch nicht der Faszination entziehen, auch wenn der Künstler scheinbar die Entmystifizierung versucht, so wirkt der Raum geheimnisvoller als je zuvor.

Die Installation ist eines von rund 190 Werken der großen Landesausstellung, die sich der Darstellung des Künstlerateliers seit dem 19. Jahrhundert widmet. Die Kuratorin Ina Conzen und ihr Team haben auf rund 2 500 Quadratmetern eine fulminante Schau auf die Beine gestellt, der es sehr gut gelingt, das Ateliergefühl verschiedenster Epochen und verschiedenster Künstlerpersönlichkeiten aufleben zu lassen. Wie denken die Künstler - wie denkt die Kunst über sich selbst nach? Diese Frage ist der Ausgangspunkt der Atelierdarstellung als Medium der Selbstreflexion und Selbstdarstellung.

Einer Ikone der "Atelierdarstellungen" gebührt der Auftakt: Carl Spitzwegs "Der arme Poet". Kein anderes Bild hat das Bild des armen Künstlers so geprägt wie das 1839 geschaffene Werk. Ina Conzen schreibt im Katalog vom bis heute "gültigen Topos" des Künstlers, dessen "innerer Reichtum mit ökonomischem Misserfolg einhergeht".

Ein völlig anderes Künstlerbild - ganz im Sinne eines diesseitigen Realismus - zeigt Georg Friedrich Kersting. In einem kargen Raum, der nur mit den nötigsten Utensilien ausgestattet ist, sitzt sein Künstlerfreund Caspar David Friedrich konzentriert vor der Staffelei.

Ernst Ludwig Kirchner: Das Ölgemälde „Bergatelier“ entstand 1937 und hängt sonst im Kirchner Museum in Davos. Kirchner Museum Davos

Ernst Ludwig Kirchner: Das Ölgemälde „Bergatelier“ entstand 1937 und hängt sonst im Kirchner Museum in Davos.

Das Savoir-vivre der Impressionisten führen Werke von Edouard Manet und John Singer Sargent vor. Dieser zeigt Claude Monet am Waldrand in einer idyllischen Szenerie bei der Plein-Air Malerei, die Natur ist das "Freiluftatelier".

Das Atelier ist nicht nur der Ort, an dem Kunst entsteht, sondern fungiert auch als Repräsentationsraum. Vor allem die Malerfürsten des 19. Jahrhunderts inszenierten ein Gesamtkunstwerk, das ihren persönlichen Lebensstil mit einschloss. Hans Makarts riesiges Wiener Atelier, das Platz bot für die übergroßen Historienbilder, war ausstaffiert mit Orientteppichen, Palmen und kostbaren Requisiten, wie ein Gemälde von Makarts Kollege Rudolf von Alt von 1885 zeigt.

Durch die Verbreitung in Zeitschriften wurden diese Ateliers einem breiten Publikum bekannt, in der zweiten Jahrhunderthälfte kam sogar der sogenannte "Atelierstil" in Mode, mit dem das bürgerliche Heim eingerichtet wurde.

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