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24.08.2013

09:46 Uhr

Thomas Grünfeld

Biotope der Erinnerung

VonChristiane Fricke

Hybride Mischwesen haben Thomas Grünfeld bekannt gemacht. Im Leverkusener Museum Morsbroich entfaltet er ein vielfältiges Werk,  das zwischen traditioneller Skulptur, Malerei und Möbel-Design hin und herschwankt. Auf dem Kunstmarkt macht sich der Künstler noch rar.

Ausstellungsansicht „Thomas Grünfeld – homey“ mit "o.T. (Hocker/Tisch)", 1987, "51373", 2006, "misfit (Giraffe/Strauß/Pferd)", 2000 (von li.) VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Ausstellungsansicht „Thomas Grünfeld – homey“ mit "o.T. (Hocker/Tisch)", 1987, "51373", 2006, "misfit (Giraffe/Strauß/Pferd)", 2000 (von li.)

LeverkusenDer prächtige Hahn schaut sich nur mäßig erschrocken um, als er von der Bisamratte bestiegen wird. Was auf den unschuldigen Betrachter wie ein handwerklich gut gemachter Gag wirkt, brachte den Künstler Thomas Grünfeld zum Nachdenken. „Gut, wie sehen wohl die Nachkommen aus?“, fragte er sich, als er das kuriose Ensemble um 1987 im Schaufenster von „Präparate Roosen“ in Köln entdeckte. Danach entwickelte er die Werkgruppe der „misfits“.

Elf Werkgruppen hat Grünfeld seit seiner Studienzeit an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart entwickelt. Genug, um damit ein ganzes Schloss einzurichten, das Museum Morsbroich in Leverkusen. Es ist Schauplatz seiner ersten musealen Retrospektive.

Innenleben aus Holzwolle 

Die Serie der hybriden Mischwesen aus ausgestopften Tierkörpern hat den in Köln lebenden Künstler, Jahrgang 1956, schlagartig bekannt gemacht. Spätestens in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre waren sie allgegenwärtig, malten sie doch offenbar unmissverständlich die Menetekel der kontrovers diskutierten Gen-Technik an die Wand, auch in den zahlreichen Ausstellungen, die sich damals mit dem Verhältnis von Naturwissenschaften und Kunst befassten.

Thomas Grünfeld: "misfit (Bullmastiff/Kalb)", 2013, Präparation. Galerie Michael Janssen, Berlin; VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Thomas Grünfeld: "misfit (Bullmastiff/Kalb)", 2013, Präparation.

Längst haben sich die „misfits“ von diesem speziellen Kontext gesellschaftlicher Debatten befreit und sich als skulpturale, auch von Sammlern geschätzte Schöpfungen emanzipiert.  „Ich sehe meinen Beitrag nicht im Mischen von Spezies“, bekräftigt Grünfeld. „Wir haben es erst einmal mit Oberfläche zu tun – im Inneren ist Holzwolle, Draht, Ton.“

Schräge Farben 

Dass die hybriden Wesen beim Betrachter widersprüchliche Gefühle auslösen, gehört für Grünfeld zum Konzept. Zwischen Attraktion und Ablehnung pendeln sie hin und her; ähnlich wie bei der 2006 in Angriff genommenen Werkgruppe der Filz-Arbeiten. Diese wirken mit ihren vereinfachten Bildgegenständen auf den ersten Blick wie eine kindliche Bastelarbeit. Andererseits entfalten sie aber auch eine starke Attraktivität wegen ihrer exquisiten, leicht schrägen Farbzusammenstellungen. „Da ist zunächst das Nein – und dann kommt das Ja“, versucht Grünfeld die Faszination zu erklären.

Die sogenannten „Gummis“ senden dagegen sehr entschieden haptische Impulse aus. „Die will man anfassen, sofort“, erklärt der Künstler. Die biomorphen Formen liegen wie riesige Lachen auf dem Boden. Wer sie berührt, fühlt weichen, sehr stramm gespannten Gummi, der schnell platzen könnte.

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