Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.06.2015

17:09 Uhr

Thriller-Autor Don Winslow

„Legalisiert alle Drogen“

VonThorsten Giersch

Deutschland diskutiert über die Freigabe von Marihuana, Don Winslow geht noch einen Schritt weiter. Der aktuell wohl beste Krimi-Autor hat jetzt seinen neuen Roman veröffentlicht und liefert stichhaltige Argumente.

Schwerbewaffnete mexikanische Soldaten patrouillieren im Einsatz gegen Drogenhandel in San Fernando im mexikanischen Bundesstaat Tamaulipas. dpa

Kampf gegendie Drogenmafia

Schwerbewaffnete mexikanische Soldaten patrouillieren im Einsatz gegen Drogenhandel in San Fernando im mexikanischen Bundesstaat Tamaulipas.

DüsseldorfDon Winslow ist zurück – und zwar so, wie die meisten seiner Leser ihn am liebsten haben. Nach eine paar „Zwischenkrimis“ hat er jetzt den zweiten Teil seines Epos über den mexikanisch-amerikanischen Drogenkrieg auf den Markt gebracht. „Das Kartell“ heißt der 1000-Seiten-Wälzer, der keine Sekunde langweilig wird und nichts für sanfte Gemüter ist. Es ist die Fortführung des wohl größten Erfolges Winslows, nämlich „Tage der Toten“ aus dem Jahr 2005. Hier schafft es der Held, Art Keller, einen berühmten Drogenbaron hinter Gitter zu bringen.

Doch damit ist die Geschichte bei weitem noch nicht zu Ende. Den Leser erwartet eine furiose Story, dessen Handlung trotz der extrem komplexen Gesamtlage verständlich ist. Und das Beste: Winslow gelang einer echter Doku-Thriller. Das meiste ist schlicht und einfach wahr. So real wie das Leben, nur dass man es beim Lesen kaum glauben kann.

„Mit Neugier und Wut“, habe er das Buch geschrieben, sagte Winslow der Süddeutschen Zeitung. Im Prinzip habe er Hunderte Seiten Fakten zusammengetragen und die Fäden am Ende nur zu einer Geschichte zusammengeschrieben. Entsprechend realistisch-brutal geht es zu, auch wenn Winslow auf Anraten des Lektors 30 Prozent aller Mordbeschreibungen rausgestrichen hat. Dem Autor war wichtig, dass der Leser von den „Kolonnen von Toten“ gelangweilt werde.

Zitate aus „Zeit des Zorns“

Der Navy-Seal

Dann schickten sie Chon nach Afghanistan, wo es Sand gab, aber keine Spur von einem Ozean. Taliban surfen nicht. Chon fand es einfach nur komisch, dass die Navy es sich sechsstellige Beiträge kosten ließ, ihn zum Ackermann auszubilden und anschließend an einen Ort zu verfrachten, wo es kein Wasser gibt.

Dope

Dope ist angeblich schlecht. Aber in einer schlechten Welt ist es gut. Chon spricht von Drogen als einer rationalen Reaktion auf den Wahnsinn.

Mexikaner

Hier wohnen die netten Mexikaner. Die respektvollen, anständigen, hart arbeitenden Mexikaner. Wenn sie nicht gerade ihren Jobs nachgehen.

Waterboarding

Ein Fernsehbericht über die Folter im Irak bringt ihn zum Lachen. Waterboarding wurde in Mexiko schon praktiziert, bevor er überhaupt zu denken anfing. Nur dass kein Wasser sondern Coca-Cola verwendet wurde. Die Kohlensäure verlieh dem Verfahren einen gewissen Pfiff.

Gut und Böse

Meinst du, die haben es verdient? Immer schön einfach Kollektivhaftung. Die Welt ist kein moralischer Supermarkt!  Bitte eine Putzkraft in die Fleisch-Abteilung.

Autos

Nicht mal in Südkalifornien, nicht mal mitten in der Wüste kann man sechs Tote Mexikaner zwischen drei schwelenden Autowracks liegen lassen, ohne damit ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit zu erregen. In Südkalifornien nimmt man Autos sehr ernst. Mexikaner hingegen sterben ständig in der Wüste.

Doch der Lektor habe Recht wenn er sagt, dass der Leser das Wesentliche auch so begreife. Zwar gibt es keine Extrem-Szene wie die in „Tage der Toten“, als Babys von einer Brücke geworfen wurden. Aber in Summe ist "Das Kartell" noch viel brutaler als der erste Teil. Das und die Nähe der Figuren zu real existierenden Personen macht das Buch deutlich realistischer als zum Beispiel Frederick Forsyths vergleichbaren Thriller „Cobra“.

Wem die vielen Seiten zu lang sind, kann sich übrigens auf die Verfilmung freuen. Dass Winslows Stoffe Hollywood-tauglich sind, hat schon Star-Regisseur Oliver Stone mit der Verfilmung von Winslows Roman „Savages - Zeit des Zorns“ bewiesen. Auch die Filmrechte für „Tage der Toten“ und „Das Kartell“ sind verkauft. Winslow will, „dass die Leute auch im Kino mitbekommen, wie brutal die Wirklichkeit ist“.

Und Winslow möchte, dass die Scheinheiligkeit endet. Dass sich das Bild in den USA korrigiert vom vermeintlichen „mexikanischen Drogenproblem“, wo der Krieg doch ein amerikanisch-eurpäischer sei: Mexiko habe „das Pech, eine Grenze mit dem weltweit größten Supermarkt für Kokain zu teilen“, sagt er im Interview mit der Süddeutschen Zeitung: „Die jungen Leute in New York, Rom oder Paris kaufen nur fair gehandelten Kaffee, aber gleichzeitig rauchen sie Marihuana, ohne einen Gedanken an seine Herkunft zu verschwenden.“

Der amerikanische Schriftsteller Don Winslow hat sein neues Buch „Missing New York“ veröffentlicht. dpa/picture alliance

Der amerikanische Schriftsteller Don Winslow hat sein neues Buch „Missing New York“ veröffentlicht.

Es wäre billiger gewesen, wenn die US-Behörden den Drogenhändlern an der Grenze den Stoff einfach abgekauft hätten, behauptet Winslow sarkastisch und hat wohl nicht einmal Unrecht. Argumente für seine These, dass es den Menschen besser ginge, wenn man Drogen einfach freigeben würde, finden sich in seinem Buch zuhauf. Bezeichnend ist Winslows Antwort auf die Frage, ob die Gewalt in Mexiko in jüngster Zeit tatsächlich etwas abgenommen habe: „Ich vermute, weil die mexikanische Regierung mit dem siegreichen Kartell einen Deal geschlossen hat.“ Doch auf diese Weise wird es nie zu Ende gehen.

Don Winslow
Das Kartell
Verlag Dromer Knaur , München 2015

Krimi des Jahres: Die Mutter aller Drogenkriege

Krimi des Jahres

ArtikelDie Mutter aller Drogenkriege

Ohne Übertreibung: „Tage der Toten“ ist der Kriminalroman des Jahres. Mindestens. Der Autor Don Winslow entführt den Leser in die facettenreiche, spannende und brutale Welt des mexikanischen Drogenkriegs. Und er ist nicht nur nah dran an der Realität, sondern mittendrin.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×