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20.11.2013

14:13 Uhr

Tod von Dieter Hildebrandt

Das personifizierte Gewissen der Bonner Republik

VonStefan Winterbauer, Christoph Henrichs

Bis ins hohe Alter tourte er von einer Bühne zur nächsten und heilte Deutschland von jeglicher Hoffnung. Im deutschen Fernsehen war er stilbildend für legendäre Formate. Dieter Hildebrandt ist mit 86 Jahren gestorben.

Der Satiriker mit der Unschuldsmiene: Mit gespielter Naivität handelte Dieter Hildebrandt die Themen ab – und sich mit dem Bayerischen Rundfunk legendären Ärger ein. dpa

Der Satiriker mit der Unschuldsmiene: Mit gespielter Naivität handelte Dieter Hildebrandt die Themen ab – und sich mit dem Bayerischen Rundfunk legendären Ärger ein.

München„Schlafen Sie gut, Herr Tucholsky, Ihr Selbstmord war nicht übereilt.” Das sang Dieter Hildebrandt gemeinsam mit Werner Schneyder schon in den 70er Jahren. Ihre melancholische Ballade klagte vom radikalen Irrsinn einer Gesellschaft. Einem Irrsinn, dem sich Dieter Hildebrandt vielleicht wie kein Zweiter in seiner über ein halbes Jahrhundert andauernden Kabarettkarriere spöttisch mahnend widmete. Kurt Tucholsky war dabei eins seiner Vorbilder: „Ihr Werk hat zehn Bände, ich les die zu Ende. Und bin von jeglicher Hoffnung geheilt.” In der Nacht zum Mittwoch ist der im niederschlesischen Bunzlau geborene Dieter Hildebrandt im Alter von 86 Jahren gestorben.

Hildebrandt war lange Zeit der politische Kabarettist schlechthin in Deutschland, dem breiten Publikum wurde er vor allem durch die Fernsehsendung „Scheibenwischer” bekannt. In stets wechselnder Besetzung und wegen des unbequemen Formats auf stets wechselndem Sendeplatz legte Hildebrandt mit diebischer Freude gemeinsam mit Konstantin Wecker, Bruno Jonas oder Hanns Dieter Hüsch den Finger in die Untiefen des politischen Geschäfts. Unvergessen ist, wie sich der Bayerische Rundfunk aus der Übertragung des „Scheibenwischer” ausblendete, als die Sendung im Mai 1986 die Atomkatastrophe von Tschernobyl zum Thema machte. Besonders die CSU und ihrem Vorsitzenden Franz-Josef Strauß hatte der Kabarettist wohl ein ums andere Mal zu oft geärgert.

Dieter Hildebrandt machte nie einen Hehl aus seiner mindestens sozialdemokratischen Gesinnung und übte sich viele Jahre als das personifiziertes Gewissen der Bonner Republik. „Die Verblödung dieses Bürgertums ist vollständig”, so zitiert der Kabarettist den Autoren Kurt Tucholsky. Er selbst war immer jemand, der sich nicht hinters Licht führen lassen wollte. Der mit einfachen, präzisen Worten eigentlich offenkundige Missstände erst enthüllte und durch seine geschickt aufgesetzte Naivität erst recht hinterfragte. Hildebrandt stand nicht nur vor der Fernsehkamera, sondern tourte bis im vergangenen Jahr mit 85 Jahren von einer Bühne zur nächsten. Wenn er scheinbar unverfänglich, nicht ohne zahlreiche „freudsche Versprecher” von Kohl, Schröder und Merkel plauderte, blieb seinem Publikum das schallende Gelächter ein ums andere Mal im Hals stecken.

Seinen Aufstieg feierte der Mann, der kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs noch in die Schrecken der Wehrmacht eingezogen wurde, mit der 1956 gegründeten Kabarett-Gruppe Münchner Lach- und Schießgesellschaft.
Zu bundesweiter Popularität kam er mit den Fernseh-Formaten „Notizen aus der Provinz” im ZDF und vor allem „Scheibenwischer” in der ARD. Mit seinen TV-Sendungen war er auch Wegbereiter für heutige Satiriker und Fernseh-Formate. Und er zeigte stets, dass die schwermütige Politiksatire bei weitem nicht seine einzige Facette blieb: 1986 spielte Hildebrandt an der Seite von Franz Xaver Kroetz den Pressefotografen Herbie Fried in der Serie „Kir Royal” - ein geniales Sittengemälde des Boulevardjournalismus Münchner Prägung. Hildebrandt spielte dieselbe Rolle mit 83 Jahren noch einmal in Dietls „Zettl” aus dem Jahr 2012, einer Art inoffiziellen „Kir Royal”-Fortsetzung mit Michael „Bully Herbig” in der Hauptrolle.

Am gestrigen Dienstag erst wurde bekannt, dass er an Prostatakrebs leidet. Seine Frau Renate sagte der Münchner tz, dass er nie wieder auf einer Bühne würde stehen können. Nur einen Tag später nun die Nachricht von seinem Tod in einem Münchener Krankenhaus. Mit dem 86-Jährigen ist einer der ganz Großen der Medien- und Kabarettszene gegangen. Schlafen Sie gut, Herr Hildebrandt. Ihr Tod war übereilt.

Kommentare (3)

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Kabarett

20.11.2013, 14:35 Uhr

Sie vergessen zu erwähnen, dass Dieter Hildebrandt gegen seinen Willen aus dem Progamm des öffentlich-rechtlichen GEZ finanzierten und der politischen Aufklärung verpflichteten Fernsehens gedrängt wurde. Dadurch sollte das Volk wohl weiter aktiv auf das Niveau des verblödeten Bürgertums heunter navigiert werden. Uns "Aufgeklärten" bleibt zunehmend nur noch das Internet, z.B. Hildebrandts "stoersender.tv". Leben Sie wohl, Herr Hildebrandt. Seit meiner Jugend haben Sie meine kritische Meinungsbildung mitgestaltet. Und ich fühle mich deswegen kein bisschen links indoktriniert. Denn die Wahrheit gilt für alle! Herr Schramm, bitte übernehmen Sie! Achje, der hat ja auch schon seine Pensionierung angedeutet. Kinder, dieses Land wird alt. Und alles bleibt beim alten....

th235

20.11.2013, 14:36 Uhr

Kir Royal
Mit Bedauern muss man feststellen, dass solche Persönlichkeiten dieser Republik den "Rücken zu kehren". Es wird langweilig in dem Deutschland. "Deutschland ein Wintermärchen"??? von Heinrich Heine, spiegelt dieses konkret wider. Die Politiker sind nur eine "Farce", weil es nicht mehr um das Idealbild des schöpferischen und geistigen Widerstandes mehr geht, sondern nur dass Alles oder Nichts der Bereicherung auf Kosten der Gesellschaft. Das zeige jüngst das Beispiel des Wechsels vom Bundeskanzleramt zum Autobauer Daimler. Korruption ist angesagt und das in großem Stile. Dieter Hildebrandt verkörperte eine Sprache, die jeder zu verstehen wußte.
Mit Trauer blickt man in die Zukunft, was geschieht in dem leeren Deutschland ohne einer solchen großen Persönlichkeit.
Dem Hinterbliebenen, nochmals mein tiefes Beileid.

Grosser-Verlust

20.11.2013, 14:49 Uhr

und nie verletzend, zotenhaft, was heute so geboten wird ist beschaemend. Ob das Publikum tatsaechlich das haben will? Seit den sog.Bloedelbarden ging es nur noch in eine Richtung = nach Unten. D. Hildebrandt ein grosser Verlust fuer Deutschland.

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