Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.01.2015

14:20 Uhr

Trotz Pegida

Dresden will Europäische Kulturhauptstadt 2025 werden

Der Titel „Kulturhauptstadt Europas“ ist eine Auszeichnung. Mitten in der Debatte um Aktionen der Anti-Islam-Bewegung Pegida erklärt die Stadt, dass Dresden als Hort von Kunst und Wissenschaft dafür prädestiniert sei.

Die Frauenkirche und die Hofkirche in Dresden erstrahlen in vollem Glanz. Reuters

Die Frauenkirche und die Hofkirche in Dresden erstrahlen in vollem Glanz.

DresdenDas mit Pegida in die Schlagzeilen geratene Dresden will Europäische Kulturhauptstadt 2025 werden. „Das ist nicht unsere Stadt, was da montags passiert“, sagte Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) am Mittwoch zu den Demonstrationen des Anti-Islam-Bündnisses. Die Bürgerschaft solle über die Bewerbung diskutieren. Die seit langem geplante Initiative solle ein zusätzliches Signal des Aufrüttelns sein. „Es kann doch nicht sein, dass diese Bewegung dazu führt, dass wir erstarren“, appellierte sie.

„Wir werden es nicht zulassen, dass diese Art von Argumentation nur ansatzweise die Kultur von Dresden stört“, erklärte Orosz. Es gelte, deutlich zu machen, „dass wir ein ganz anderes Verständnis haben“. Was auch gemeinsam mit Menschen anderer Nationalität gewachsen sei, dürfe nicht schlechtgeredet werden.

Die selbst ernannten „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ bringen inzwischen wöchentlich Tausende auf die Straße - gegen eine angebliche Überfremdung und für eine Verschärfung des Asylrechts. Zuletzt hatten auch internationale Medien groß und teils kritisch über das „Phänomen Pegida“ berichtet.

Die Debatte um eine Kulturhauptstadtbewerbung könne zeigen, „wofür wir stehen, worauf wir stolz sind, was wir tolerieren und wozu wir bereit sind: auf kritische Fragen zu antworten“, sagte Orosz. Der Stadtrat hatte sie im November 2014 beauftragt, eine Bewerbung der sächsischen Landeshauptstadt zu prüfen. „Es gab auch Impulse von außen.“ Dresden könne mit einer teils einzigartigen kulturellen Basis punkten, als Schnittstelle zwischen Mittel- und Osteuropa sowie der besonderen Verbindung von Kultur und Wissenschaft. Die Stadt hat nun Zeit bis 2019, um ihre Bewerbungsunterlagen beim Bund einzureichen.

Das Phänomen „Pegida“ und was dahinter steckt

„Pegida“

Als Ende Oktober die ersten paar Hundert Leute demonstrierten, stießen auf wenig Beachtung. „Pegida“-Anhänger protestieren gegen die vermeintliche Islamisierung Deutschlands und angeblichen Asylmissbrauch. Das neue Ausmaß der Demos schreckt Politiker und Experten auf, auch im Bund. Sie warnen vor „Hetze“ und „Pogromstimmung“. (Quelle: dpa)

Was wollen die „Pegida“-Leute?

Die Anhänger der Bewegung fordern eine strengere Asylpolitik und sind gegen die Aufnahme von „Wirtschaftsflüchtlingen“ – also Asylbewerbern, die ihrer Ansicht nach keinen Anspruch auf Schutz haben und angeblich nur auf Sozialleistungen aus sind. Sie wettern gegen muslimische Extremisten und vermeintliche Glaubenskriege auf deutschem Boden.

Wer steht hinter „Pegida“?

Der Initiator ist Lutz Bachmann. Der gelernte Koch ist mehrfach vorbestraft, unter anderem wegen Drogendelikten. An seiner Seite demonstrieren viele Bürger, die sich ausdrücklich nicht in die Nähe von Rechtsextremen gerückt sehen wollen. Auch Bachmann betont immer wieder, er lehne jede Art von Radikalismus ab. Es haben sich aber längst Hooligans, Neonazis und bekennende Islamfeinde unter die Protestler gemischt. Auch zahlreiche Anhänger der Alternative für Deutschland (AfD) sind dabei.

Ist das Phänomen auf Dresden beschränkt?

Nein. Inzwischen gibt es auch in anderen Regionen Ableger von „Pegida“ – etwa in Düsseldorf („Dügida“), Kassel („Kagida“), Bayern („Bagida“) oder Ostfriesland („Ogida“), aber auch in einigen anderen Städten. Die Bewegung wächst schnell – nicht zuletzt durch das Internet. Die Macher sind sehr aktiv bei Facebook und anderen sozialen Netzwerken und mobilisieren so stetig neue Anhänger.

Warum halten Politiker und Experten die Bewegung für gefährlich?

„Pegida“ verallgemeinere extrem und vermische wild Themen, meinen Fachleute. Die Gruppe werfe „Kampfvokabeln“ in die Menge, nutze Ängste in der Bevölkerung und lade sie zu Ressentiments auf, sagt der Rechtsextremismus-Forscher Hajo Funke. Das sei klassischer Rechtspopulismus. Funke sieht bereits Ansätze einer rechtsextrem inspirierten Massenbewegung. Sicherheitskreise befürchten, dass Rechtsextreme die Bewegung systematisch unterwandern könnten. Auch viele Politiker sprechen von besorgniserregender ausländerfeindlicher Stimmungsmache. Die AfD zeigt dagegen Verständnis für die Proteste.

Wie konnte „Pegida“ entstehen?

Auslöser der Proteste ist die Asylpolitik. Die Zahl der Asylbewerber in Deutschland steigt seit langem. Experten meinen, Bund und Länder hätten viel zu spät darauf reagiert. Das Ergebnis: Viele Kommunen sind mit der Lage überfordert, müssen Flüchtlinge in Wohncontainern oder Zelten unterbringen. Mancher Bürger hat daher das Gefühl, Deutschland könne damit kaum fertig werden – auch wenn das für die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Welt sicher nicht zutrifft. Funke klagt, die politischen Verantwortlichen hätten es versäumt, auf solche Ängste in der Bevölkerung einzugehen. Die Linke wirft den Innenministern der Union vor, sie hätten für all das überhaupt erst den Boden bereitet – durch ihre Warnungen vor „Armutszuwanderung“ oder „Asylmissbrauch“.

Wie geht es weiter?

Bisher wurden die Dresdner Demos jede Woche größer. Inzwischen formiert sich aber einiger Widerstand gegen die neue Bewegung. Die Gegendemonstration in Dresden war am Montag fast so groß wie der „Pegida“-Aufmarsch. Experten mahnen, wichtig sei nicht nur breite Gegenwehr dieser Art. Entscheidend sei, vernünftig mit der wachsenden Zahl an Flüchtlingen umzugehen und so den Ängsten in der Bevölkerung zu begegnen. Das Thema „Pegida“ kommt Ende der Woche auch bei der Innenministerkonferenz in Köln auf den Tisch.

„Ich sehe das als große Chance für die Stadt“, sagte der Rektor der Palucca-Tanzhochschule, Jason Beechey. Der Titel Kulturhauptstadt entspreche dem „echten Dresden“ und könne, basierend auf den Traditionen, Motor für die Zukunft sein. Der Rektor der Technischen Universität, Hans Müller-Steinhagen, sieht eine realistische Chance auf Erfolg. „„Ich glaube, Dresden hat den Titel verdient.“ Er kenne keine andere deutsche Stadt, die sich wegen ihrer Vielfalt an hochkarätigen Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen so dafür anbiete.

„Hier herrscht eine besondere Atmosphäre“, sagte Müller-Steinhagen und verwies auf die vom kulturellen Umfeld geprägte Bürgerschaft und deren starke Identifikation mit der Stadt. Dresden sei zudem eine Stadt der Innovation. „Hier arbeiten Forscher aus der ganzen Welt zusammen an Lösungen für grundlegende Probleme der Menschheit.“ Der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Hartwig Fischer, sieht den Titel auch als „Entwicklungsbeschleuniger“, schon die Bewerbung löse eine „unglaubliche Dynamik“ aus.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×