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06.10.2012

08:54 Uhr

TV-Experte über „Wetten, dass..?“

„Die Samstagabendshow wird sterben“

VonDésirée Linde

Grimme-Preisträger Holger Kreymeier zeichnet ein düsteres Bild für die Zukunft der großen Fernsehshows. „Wetten, dass..?“ ist da trotz Markus Lanz nur der größte Dominostein, der umfallen wird. Ein Interview.

„In der Primetime haben Sender Angst, zu anspruchsvoll zu werden“, sagt Holger Kreymeier.

„In der Primetime haben Sender Angst, zu anspruchsvoll zu werden“, sagt Holger Kreymeier.

DüsseldorfWann haben Sie das letzte Mal am Samstagabend ferngesehen und sich gut unterhalten gefühlt?

Das ist noch gar nicht so lange her. Vor ein paar Wochen bei „Schlag den Raab“. Die Show ist sehr kreativ mit den vielen, unterschiedlichen Spielchen. Man hat dabei das Gefühl: Da hat sich eine Redaktion wirklich Gedanken gemacht.

Wann hatten Sie dieses Gefühl zuletzt bei „Wetten, dass…?“?

Das ist schon ein bisschen länger her. Die Show läuft ja seit Ewigkeiten nach demselben Schema ab. Da sitzt dann zum 100. Mal Veronica Ferres auf dem Sofa, ein Sportler und Comedian müssen auch immer auch als Gäste dabei sein - das hat mich gelangweilt.

Auch die Moderation lief nach Schema F ab: Ein Moderator, der sich auf seine Gäste nicht vorbereitet, mit Altherrencharme zum Fremdschämen reizte und mehr mit seinen exzentrischen Outfits überraschte als mit Witz und Spontaneität. Wird ohne Gottschalk alles besser?

Dass es an Gottschalk gelegen hat, glaube ich nicht. Wobei es schon eine Tendenz gibt, dass Sender mit dem Fokus auf den Moderator und viel Bombast und Show über mangelnde Konzepte hinwegzutäuschen versuchen.  Die Sender wagen es nicht, die ausgetretenen Pfade zu  verlassen. Aus Sorge, die breite Masse zu verlieren. In der Primetime haben Sender Angst, zu anspruchsvoll zu werden. Wenn ich an Hans-Joachim Kulenkampffs „Einer wird gewinnen“ denke – da ging es sogar zum Teil tiefgehende, schwierige Fragen nach Gemälden und Baudenkmälern.

Kreymeier und seine Show „FernsehKritikTV"

Die Sendung

Holger Kreymeier hat „FernsehKritik.tv“ 2003 als Blog und ab April 2007 als Webshow ins Leben gerufen.

Auszeichnungen

2010 erhielt er für  „FernsehKritik.tv“ den Grimme Online Award Publikumspreis. Mittlerweile hat der die 100. Folge produziert, etwa 200.000 Menschen pro Sendung sehen zu.

Persönlichkeit

Der Journalist, Jahrgang 1971, hat selbst im Bereich Boulevard gearbeitet (bei  einer TV-Agentur für Exklusiv-Fernsehmaterial des Springer-Verlags) sowie als freier Journalist beim NDR.

Kontroverses

Nach seiner Kampagne „Dafür zahl‘ ich nicht“ für ein besseres, gebührenfinanziertes Fernsehen endete sein Engagement bei den Öffentlich-Rechtlichen. Bekannt wurde Kreymeier auch mit provokanten Botschaften, "GEMA kacken", "hart aber geil"  und „Scheiß RTL“.

„Scheiß RTL" statt „Mein RTL"

Den Slogan darf Kreymeier per Gerichtsurteil nicht mehr verwenden. Gegen dieses Urteil will er vermutlich in Revision gehen. „Vorher werde ich aber die Community fragen. Denn ich werde ja von Spendern unterstützt. Und da stellt sich die Frage, inwieweit wir noch Geld für Prozesse ausgeben wollen“, sagte Kreymeier Handelsblatt Online.

Woran machen Sie diese Angst vor Anspruch fest?

Die Öffentlich-Rechtlichen haben für die Samstagabendshow derzeit nur zwei Modelle: Quizshows, bei denen es wahlweise um Tiere, Geschichtliches oder Ähnliches geht, moderiert von Jörg Pilawa oder Kai Pflaume und es raten abwechselnd Sky DuMont, Simone Thomalla und Horst Lichter. Oder die Sender zeigen Musikshows für die Älteren mit Helene Fischer oder Florian Silbereisen.

Hätten Sie ZDF-Programmchef „Wetten, dass…?“ also sterben lassen?

Nein. Das wäre ja schade drum. Einen Versuch sollte man zumindest wagen. Aber die Riesenquoten von früher wird es nicht mehr geben. Die fährt übrigens auch Stefan Raab nicht ein. Der hat im Schnitt bei „Schlag den Raab“ zwei bis drei Millionen Zuschauer – ProSieben reicht das allerdings.

Kommentare (11)

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Account gelöscht!

06.10.2012, 10:48 Uhr

"Auch die Moderation lief nach Schema F ab: Ein Moderator, der sich auf seine Gäste nicht vorbereitet, mit Altherrencharme zum Fremdschämen reizte und mehr mit seinen exzentrischen Outfits überraschte als mit Witz und Spontaneität. Wird ohne Gottschalk alles besser?"

Nicht das ich weder ein großer Freund des Herrn Gottschalk noch der Sendung "Wetten dass?" wäre aber sollte ein Journalist bei seinen Fragen nicht nach wie vor Objektivität walten lassen oder sehe das heute nur noch ich so? Ich meinde, diese Aussagen kann man so teilen, es gibt aber sicher auch genug Leute, die das anders sehen, selbst in Bezug auf die exzentrische Kleidung...

Ein_Fernseh-Verweigerer

06.10.2012, 10:56 Uhr

"Aber die Öffentlich-Rechtlichen haben ja einen Bildungsauftrag."
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Selten so gelacht! Deshalb natürlich Spielshows, grenzdebile Volksmusi und Fußball ohne Ende...
Der ÖRR ist ein Anachronismus: Brot, Spiele und Propaganda für die Öffentlichkeit finanziert durch Zwangsgebühren. Bildung geht anders!

Account gelöscht!

06.10.2012, 11:03 Uhr

Verzeihung, was hat denn das deutsche TV sonst am Samstagabend zu bieten?

Soll sich der Rest der Republik die Lustigen Musikanten oder auf den Privaten irgendeine ausgelutschte Hollywood Ballerei antun, welche 5 mal durch grenzdebile Werbeeinblendungen unterbrochen wird?

Sollen wir uns an 'Reportagen' über Familie Gewöhnlich aus Bottrop erfreuen, deren Familienzwist oder sexuelle Vorlieben uns präsentiert werden?

Die Samstagabend Familienshow ist schon gestorben.
Ebenso, wie bereits deutsche Werte und Tradition verstorben sind und alsbald folgt unsere Nation.

Nur Müll im deutschen TV - das Fernsehprogramm eines Landes ist die Reflexion dessen Gesamtzustandes.

Abschalten nicht vergessen.

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