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10.10.2016

13:46 Uhr

TV-Quoten

„Heul leise, Chantal!“

Der „Tatort“ ist nicht zu schlagen. Aber „Fack Ju Göhte“ ist eine ernste Konkurrenz und schafft sogar einen Jahresrekord. Auf Vox startet „Grill den Henssler“ ziemlich erfolgreich. Die TV-Quoten.

Der Schauspieler schlägt sich als Kommissar Faber im Dortmunder Tatort auch gerne mal mit Rockern herum. dpa

Jörg Hartmann

Der Schauspieler schlägt sich als Kommissar Faber im Dortmunder Tatort auch gerne mal mit Rockern herum.

BerlinDer „Tatort“ aus Dortmund war am Sonntagabend erneut der Quotensieger. Im Ersten verfolgen 8,36 Millionen Zuschauer, wie Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) sich einerseits ganz buchstäblich mit Rockern und organisierter Kriminalität herumschlägt, andererseits mit der Dienstaufsicht und den Problemen mit seinen Kollegen. Der Marktanteil lag bei 22,9 Prozent. Das waren deutlich bessere Werte als beim Dresdner „Tatort“ in der Woche davor (7,74 Millionen, 23,9 Prozent).

Ausgesprochen erfolgreich war ProSieben mit „Fack Ju Göhte“. Elyas M'Barek gibt darin einen Lehrer, der nicht ganz legal an seine Stelle gekommen ist und seine Schüler mit Sprüchen wie „Heul leise, Chantal!“ traktiert. Die Komödie von 2013 sahen 6,32 Millionen Zuschauer (18,2 Prozent).

Bei den 14- bis 19-Jährigen waren es sogar 4,10 Millionen und ein Martkanteil von 31,3 Prozent – ProSieben zufolge war „Fack ju Göhte“ für den Privatsender damit der erfolgreichste Film des Jahres. Da konnte das ZDF mit „Inga Lindström: Willkommen im Leben“ nicht ganz mithalten. Dazu schalteten ab 20.15 Uhr 5,23 Millionen ein (14,3 Prozent). Erstaunlich genug: Allein diese drei Filme schafften es auf zusammen 19,91 Millionen Zuschauer.

9,5 mögliche Gründe gegen den Tatort

1. Zuviel

„Nennen Sie aus dem Stand alle aktuellen „Tatort“-Teams!“ Gar nicht so einfach. Über 20 Teams sind zurzeit im Einsatz, manche kommen nicht mal mehr jedes Jahr ins Fernsehen. Da bekommt mancher den Eindruck, dass die Dachmarke „Tatort“ ziemlich verwässert wird.

2. Deja-Vu

Oft sind im „Tatort“ dieselben Schauspieler als Opfer, Angehörige oder Tatverdächtige zu sehen, so als gäbe es nur ein paar Darsteller im deutschsprachigen Raum. In diesem Jahr war das bereits etwa bei Uwe Bohm, Jenny Schily, Emily Cox oder Armin Rohde auffällig. „Tatort“-Koordinator Gebhard Henke sagt dazu: „Die Rollen werden oft sehr kurzfristig besetzt. Und es gibt ja keine Zentralredaktion, sondern jede ARD-Anstalt organisiert das selber.“ Er leide auch darunter, glaube aber, dass es die Zuschauer kaum störe.

3. Polizeiarbeit-Darstellung

Wohl kaum jemand erwartet, dass es in Fernsehkrimis zugeht wie in der Realität. Aber mancher findet das Ausmaß an Falschheit, mit dem manchmal die Arbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft dargestellt wird, erschreckend. Schon zu Zeiten von „Prügelkommissar“ Schimanski kam die Frage auf: Untergräbt der „Tatort“ den Rechtsstaat?

4. Fehlender Regionalbezug

Per Definition sollen die verschiedenen „Tatorte“ regional gefärbt sein. Viele Darsteller der Kommissare und auch die Drehbuchautoren wohnen allerdings in Berlin. Ist das vielleicht der Grund, dass oft vieles austauschbar wirkt?

5. Vorspann

Wehe, man sagt etwas gegen den „Tatort“-Vorspann. Til Schweiger wagte das mal: „Den würde ich gerne ändern“, sagte er beim Jupiter Award 2012, „den Vorspann, der ist jetzt wirklich outdated.“ Das Echo war enorm, Titelmusik-Komponist Klaus Doldinger sagte zum Beispiel, solch ein Markenzeichen dürfe man nicht aufgeben. Schweiger ruderte zurück. Aber vielleicht hatte er ja einfach mal recht.

6. Selbstbezüglichkeit

Eigentlich lebt die Reihe von in sich abgeschlossenen Filmen mit Auflösung in der jeweiligen Folgen, nur die Ermittlerfiguren bleiben über mehrere Fälle. Doch mit Doppelfolgen und immer mehr Episoden, die an ältere Fälle anknüpfen, wird dieses Konzept zunehmend untergraben.

7. Twitter-Phänomen

Mancher genießt es, mancher ist einfach nur genervt, wenn Freunde und Bekannte am Sonntagabend scheinbar zusammenhangslos beim „Tatort“-Gucken Kommentare bei Twitter oder Facebook absetzen. Komiker Michael Kessler etwa findet Gucken, um zu kommentieren, „befremdlich“. In einem „taz“-Interview sagte er: „Man sollte sich auch einfach mal 90 Minuten auf etwas einlassen können. Ich lese ja auch nicht neben dem Fernsehen ein Buch.“

8. Tatort-Stars, die selbst kaum Tatort gucken

Immer wieder gibt es „Tatort“-Schauspieler, die selber sagen, dass sie ja eigentlich keine „Tatort“-Fans seien. Meret Becker (Berlin) gab im dpa-Interview zu, sie schaue den Sonntagskrimi selten: „Klar, manchmal bleib ich hängen und guck eher aus Versehen als aus beruflichem Pflichtbewusstsein.“

9. Betulichkeit

Angestrengt am deutschen Alltag orientiert und oft sozialpädagogisch und mit langweiligen Dialogen - das Klischee vom „Tatort“ ist hart, aber manchmal auch wahr. Viele jüngere Zuschauer haben sich längst an die schnelleren US-Serien gewöhnt.

Und der Grund neineinhalb

Ins Hintertreffen beim „Tatort“-Hype gerät oft der kleine Bruder mit DDR-Vergangenheit: das ARD-Format „Polizeiruf 110“. Dabei halten viele dessen Fälle oft für spannender. Ist der „Polizeiruf“ vielleicht der bessere „Tatort“?

Der Actionthriller „White House Down“ mit Channing Tatum als Polizist, der den Präsidenten retten muss, erreichte auf RTL 2,11 Millionen Zuschauer (6,4 Prozent). Auf Sat.1 sahen 2,48 Millionen Zuschauer die Krimiserie „Navy CIS“, bei der zweiten Folge ab 21.15 Uhr waren es 2,13 Millionen (6,2 Prozent). Starke Werte hatte Vox mit der Kochshow „Grill den Henssler“. Die neue Staffel startete zur Hauptsendezeit mit 2,19 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von 7,4 Prozent.

Im Jahresdurchschnitt liegt das ZDF unter den deutschen TV-Sendern derzeit mit einem Marktanteil von 13,2 Prozent auf Platz eins. Dahinter liegen das Erste mit 12,4 Prozent vor dem privaten Marktführer RTL mit 9,7 Prozent. Es folgen Sat.1 (7,2 Prozent), Vox (5,1 Prozent), ProSieben (5,0 Prozent), Kabel eins (3,8 Prozent), RTL II (3,5 Prozent) und Super RTL (1,7 Prozent).

Von

dpa

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