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12.01.2016

15:18 Uhr

Unwort des Jahres

„Gutmensch“ – die Perversion des Anständigen

VonJakob Blume

Die Wahl von „Gutmensch“ zum Unwort des Jahres ist treffend – doch am rechten Rand wird diese Botschaft ungehört verhallen. Das ist kein Versäumnis der Sprachwissenschaftler – sondern der Politik. Ein Kommentar.

„Gutmensch“ – Floskel aus dem Standardrepertoire von Pegida und Co. und Unwort des Jahres 2015. dpa

"Unwort des Jahres 2015"

„Gutmensch“ – Floskel aus dem Standardrepertoire von Pegida und Co. und Unwort des Jahres 2015.

Nach „Lügenpresse“ nun „Gutmensch“: Die Darmstädter „Sprachkritische Aktion“ bleibt ihrer Linie treu und wählt zum zweiten Mal in Folge eine Standard-Floskel aus dem Umfeld von AfD und Pegida zum Unwort des Jahres. Die Wahl ist gut und richtig, denn der Begriff setzt Ehrenamtler herab und schürt Vorurteile. Doch bleibt die Unwort-Wahl reine Symbolik.

Sie passt zum Umgang der Großen Koalition mit den Spinnern vom rechten Rand: Man beklagt eine Verrohung von Sprache und Sitten, insbesondere im Netz – jedoch nicht ohne im nächsten Halbsatz hinterherzuschieben, man habe durchaus Verständnis für die Sorgen derjenigen, die Wörter wie „Lügenpresse“ und „Gutmensch“ verwenden.

Auch andere Unwort-Kandidaten wie „Asylbetrüger“ haben bei Pegida-Sympathisanten Hochkonjunktur. dpa

Demo von Pegida

Auch andere Unwort-Kandidaten wie „Asylbetrüger“ haben bei Pegida-Sympathisanten Hochkonjunktur.

Es ist unerträglich, wenn ehrenamtliche Helfer durch diesen Begriff als dumm und naiv diffamiert werden und ein im Kern positiv besetzter Ausdruck – „guter Mensch“ – pervertiert wird. Kaum auszudenken wo das Land in der Flüchtlings-Krise stünde, gäbe es die große Schar freiwilliger Helfer nicht. Allein, die Wahl von „Gutmensch“ zum Unwort des Jahres wird die Zahl der Anfeindungen gegen eben jene Helfer nicht reduzieren. Und Am rechten Rand wird die Botschaft ungehört verhallen.

Die Sprachwissenschaftler trifft keine Schuld. Ihre Aktion bleibt ein wichtiges Zeichen gegen die sprachliche Verrohung. Vielmehr ist die Politik gefordert, sich noch deutlicher von denjenigen zu distanzieren, die gegen Flüchtlinge und ehrenamtlich Helfer hetzen. Sie muss klar machen: Wer „Lügenpresse“ oder „Gutmensch“ verwendet, offenbart seine Nähe zu völkischem Gedankengut. Im demokratischen Diskurs hat er sich damit disqualifiziert.

Aus wahltaktischer Sicht ist es nachvollziehbar, dass Teile der Union immer mehr Verständnis signalisieren für jene, die sich „besorgte Bürger“ nennen – noch so ein Unwort, das auf den Index gehört, weil es die Seriosität von rechten Sprücheklopfern suggeriert. Alle demokratischen Parteien müssen sich dieser zutiefst undemokratische Strömung entgegenstellen.

Kommentare (9)

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Herr Wolfgang Winkler

12.01.2016, 16:06 Uhr

Nach meinem Verständnis ist nicht der hilfsbereite Mitmensch der Gutmensch, sondern der, dem es unter Bezug auf das Elend in der Welt darum geht, sich selbst in den Mittelpunkt zu setzen und damit für sich Vorteile aller Art zu ergattern. In früheren Zeiten gab es Kriegshelden, das waren diejenigen, die den Kopf hingehalten haben und dann gab es Kriegsgewinnler, die aus dem Krieg für sich Vorteile schöpften. Letztere waren auch die lautesten Patrioten, wenn es aber um ihren Fronteinsatz ging, dann waren sie natürlich zu ihrem größten Bedauern in der Heimat zu wichtig für den Sieg. Das gleiche Bild haben wir heute und Gutmenschen fallen z.B. dadurch auf, dass sie nicht aufhören können, andern zu predigen, was sie nicht alles für andere zu tun, wie sie sich zu verhalten und was sie zu denken hätten. Kommt es darauf an, hört man von dieser Spezies (irgendwie bekannt) „ich finde es großartig, Flüchtlinge bei sich zu Hause zu beherbergen, deswegen werden sie verstehen, wie sehr ich es bedauere aus … Gründen dies selbst nicht tun zu können“. Unsere hochgeschätzten Investoren haben nun statt „Vaterland“ das Zauberwort „Menschenwürde“ entdeckt, da gibt es keinen Widerspruch, denn für das Gute ist kein Opfer zu groß. Eigentlich wären die Verflechtungen zwischen Kapital (z.B. Soros, Sutherland, Goldman Sachs u. a.) und Flüchtlingen ein Riesenthema für den investigativen Journalismus, nur es kommt nichts (Gutmenschen unter sich?). Es ist nämlich sehr verwunderlich, dass soviel Einsatz all dieser internationalen Persönlichkeiten dafür erfolgt, dass alle Flüchtlinge nach Deutschland und Europa kommen sollen, aber bei der Hilfe vor Ort war man bisher erstaunlich ideenlos. Herr Sutherland, ein früherer EU Kommissar aus Irland und naturgemäß bester Kenner aller Fördertöpfe, ist übrigens gleichzeitig UN Flüchtlingskommissar und in Spitzenpositionen bei Goldman Sachs und der Vatikan Bank. Aber wie gesagt, es geht um das Gute und da fragt man nicht weiter.

Frau Anna Rudholzer

12.01.2016, 16:24 Uhr

War nicht anders zu erwarten, dass die treffende Bezeichnungen für Lügenpresse und die selbsternannten Gutmenschen mit einer derartigen Auszeichnung belegt werden, solche aufgesetzte Meinungsbildung kennen wir von einigen Diktaturen her.
Die Zukunft wird uns zeigen wer die Deppen sind, würde mich selbstverständlich selbst am meisten über eine Fehleinschätzung meinerseits freuen, sieht aber nicht sehr gut aus damit.

Herr Hans Mayer

12.01.2016, 16:25 Uhr

Die "Gutmenschen" sind realitätsfremde Personen. Es gäbe genug bedürftige deutsche, da hörte man von solche "Hilfsbereitschaft" nie etwas, selbst nicht von den Kirchen. "Gutmenschen" sind Deppen welche sich vor den Karren der Asylindustrie haben spannen lassen, i.G. haben diese Menschen Straftaten begangen, indem sie illegal eingereisten geholfen haben.

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