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08.10.2012

19:02 Uhr

Ursula Krechel

„Ich habe Freude an abseitigen Dingen“

Sie war die einzige Frau unter den letzten sechs Kandidaten: Ursula Krechel gewann in diesem Jahr den Deutschen Buchpreis. Was die Berliner Autorin antreibt und was sie von solchen Preisen hält, verrät sie im Interview.

Die Schriftstellerin Ursula Krechel gräbt gerne in Archiven. dpa

Die Schriftstellerin Ursula Krechel gräbt gerne in Archiven.

BerlinWie ist die Idee zu „Landgericht“ entstanden?

Krechel: In meinem Roman „Shanghai fern von wo“ (2008) handeln die letzten 100 Seiten auch schon von der schwierigen Eingliederung der Emigranten in die Bundesrepublik. Bei der Recherche bin ich auf das Gutachten eines Juristen gestoßen, das mich sehr fasziniert hat. Ich habe dann weiter geforscht, bis ich seine Personalakte lesen konnte. Von dem Augenblick an war ich überzeugt, dass er die Hauptperson meines nächsten Romans sein würde.

Ist es schwierig, bei deutschen Behörden zu recherchieren?

Nein, da gibt es ganz eindeutige Archivgesetze. Wenn man die einhält, ist es gar nicht schwierig. Ich habe aber auch eine Neigung, so zu arbeiten. Das ist wie in einem Antiquitätengeschäft. Wenn man reinkommt und eine intelligente Frage nach einem bestimmten Biedermeiersekretär stellt, kriegt man eine gute Antwort. Wenn man fragt, was ist das denn für ein Möbel?, kriegt man eine schlechte Antwort.

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Da kommen Ihnen auch Ihre Erfahrungen als Journalistin zugute?

Praktisch habe ich schon als Kind angefangen, so zu arbeiten. Als ich 16 war, jährte sich der Beginn des Ersten Weltkriegs zum 50. Mal. Also habe ich meine Sommerferien damit verbracht, in meiner Heimatzeitung 50 Jahre alte Zeitungen zu durchforsten. Ich konnte dann als 16-Jährige eine ganze Seite in der Zeitung schreiben. Seitdem war mir klar, dass es mir Freude macht, zu graben und abseitigen Dingen nachzugehen.

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Sie waren schon über 60, als Sie Ihren ersten großen Roman veröffentlicht haben ...

Ich war etwas vorsichtig und kritisch der Form gegenüber. Aber mit „Shanghai fern von wo“ wurde es so ein Riesenstoff, dass es gar keine andere Wahl gab. Auslöser war eine Reise nach China 1980. Damals, nach der Kulturrevolution, sah ich zum ersten Mal in meinem Leben Leute, die deportiert worden waren und gerade aus einem Lager kamen. Als Deutsche hat man natürlich sofort das Gefühl: Wie wäre es gewesen, 1945 einen Menschen zu treffen, der aus dem Lager kam? Ich stieß dann darauf, dass Shanghai für viele deutsche Emigranten ein letzter Zufluchtsort gewesen war, und begann zu recherchieren.

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