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13.01.2006

13:30 Uhr

US-Gesellschaft plagen Selbstzweifel

Regieren in Zeiten der Lüge

VonAndreas Rinke

Heute treffen sich in Washington zwei Politiker, deren öffentliches Profil in einem wichtigen Punkt kaum unterschiedlicher sein könnte. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihren Wahlkampf mit dem ausdrücklichen Hinweis bestritten, sie wolle "ehrlich" sein. US-Präsident George W. Bush hat dagegen seit dem Irak-Krieg das Image, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen, wenn sie seinen politischen Zielen im Wege steht.

HB BERLIN. Passend zu diesem bemerkenswerten deutsch-amerikanischen Gipfeltreffen gibt es eine Fülle von Büchern, die sich mit dem Phänomen des "Lügens" beschäftigen.

Dass sich vor allem amerikanische Autoren verstärkt diesem Thema widmen, ist keine Überraschung. Seit der Erkenntnis, dass das Saddam-Regime in Irak - anders als von der US-Regierung behauptet - wohl nicht über Massenvernichtungswaffen verfügte und vor allem die präsentierten "Beweise" gar keine waren, plagen erhebliche Teile der US-Gesellschaft Selbstzweifel. Führende Medien haben sich mittlerweile entschuldigt, weil sie unkritisch hinnahmen, in die Irre geführt zu werden. In seinem kleinen, bösen Traktat versucht der Publizist Larry Beinhart zu beschreiben, wie diese Täuschungen funktionierten. Kein Wunder, dass nun Bücher erscheinen, die von einer "post-truth era" (Ralph Keyes) oder gar einer "post-truth presidency" (Eric Alterman) sprechen.

Nur George W. Bush anzulasten, dass das Phänomen der "Lüge" in Gesellschaft und Politik wiederentdeckt wird, wäre aber unfair. Auch Bill Clinton nahm es etwa in der Lewinsky-Affäre lange nicht so genau mit der Wahrheit. In seinem beeindruckenden Buch beschreibt Eric Alterman, dass Täuschungen bei amerikanischen Präsidenten keine neue Erscheinung sind. Es mag ernüchternd für viele Leser sein: Aber Alterman zählt schmerzlich penibel auf, welch lockeren Umgang etwa John F. Kennedy (Sex-Affären, Schweinebucht-Invasion) oder Franklin D. Roosevelt mit der Lüge hatten.

Gleich einer der ersten US-Präsident, James K. Polk, rechtfertigte mit einem angeblichen Angriff mexikanischer Truppen den dann folgenden Krieg der USA mit dem südlichen Nachbarn. Roosevelt wiederum sagte ganz offen, es sei in Ordnung, die Unwahrheit zu sagen, um einen Krieg zu gewinnen. Er unterschied folgerichtig zwischen "politischer und realer Wahrheit".

Amerikanische Spitzenpolitiker, so räsoniert Alterman, fanden diese Unterscheidung so wenig anstößig, weil sie ihre Nation stets auf der Seite der Guten sahen. Wie Platon oder Machiavelli glaubten sie an die "gute Lüge" aus Staatsräson - was aber wie bei Richard Nixon Tür und Tor für ernsten Missbrauch öffnet. Bei der Lektüre wächst übrigens die Sehnsucht nach ähnlichen Studien über die deutsche Politik.

Ohne die Anspielung auf Clinton und Bush kommt keiner der US-Autoren aus. Aber während Michael Farquhar eine eher vergnügliche Reise durch die bunte, auch unpolitische Welt der Täuschungen vorgelegt hat, untersucht Ralph Keyes das Wesen der Lüge in unserer modernen Gesellschaft - in der Täuschungen der unterschiedlichsten Art gang und gäbe sind. Ein simples, unschuldiges Beispiel kennen alle Eltern, die ihren Kindern vom Weihnachtsmann erzählen. Keyes weist darauf hin, dass tatsächlich viele Entwicklungen in unserer modernen Gesellschaft die Ausbreitung der Täuschungen noch begünstigen. So hilft das schnelllebige Fernsehen Lügnern, weil Aussagen schlecht überprüft werden können. Die Entwicklung des Mobiltelefons lässt Menschen problemlos beim Aufenthaltsort schummeln. Ganz offensichtlich existiert also eine ganze Abstufung von Lügen, deren Verwerflichkeit stark variiert.

Wer etwas Ordnung über die verschiedenen Kategorien erhalten möchte, sollte sich das Buch von Maria Bettetini vornehmen. Die italienische Professorin gibt einen Abriss über die "Lügen"-Diskussion, die die Menschheit von Beginn an beschäftigt hat. Denn mit dem Denken kam auch die Freiheit, die Wahrheit oder die Unwahrheit zu sagen. Ein echtes Plädoyer für die Daseinsberechtigung vieler Lügen liefert Simone Dietz. Die Frage, ob die Täuschung in der Politik berechtigt ist, berühren beide aber nur am Rande.

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