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25.02.2011

09:38 Uhr

Utopien in der Kunst

Das Call-Center ist die Hölle

VonSusanne Schreiber

Die großen Utopien sind alle gescheitert: Die Futuristen, die Konstruktivisten, die Hippies und die Sozialisten. Nur wenige zeitgenössische Künstler schauen nach vorn - meist im Zorn. Ein Überblick.

Atelier van Lieshout: Hanging Men. Quelle: Museum Folkwang

Atelier van Lieshout: Hanging Men.

DüsseldorfRadikale Politik braucht radikale Kunst. Die von Künstlern formulierte Utopie war zunächst ein Gegenentwurf zur Gegenwart, den es sukzessive einzulösen galt. Nach der russischen Revolution von 1917 traten die sogenannten Konstruktivisten und Suprematisten an, mit ungegenständlicher Kunst, funktionellem Design und schräger Typographie die Menschen zu guten Sozialisten machen. Das ging 15 Jahre gut, bis Stalin 1932 allen ästhetisch angelegten Weltverbesserungen ein dramatisches Ende bereitete.

Fast zeitgleich hatten die italienischen Futuristen die Bewegung in die Kunstgeschichte eingeführt. Maler wie Giacomo Balla und Umberto Boccioni zerlegten die Fahrt eines Automobils oder Radfahrers in einzelne Momentaufnahmen. Doch die Futuristen verherrlichten den technisierten Krieg, verbündeten sich mit Mussolini und verloren an Bedeutung. Auch in der Politik scheitern Utopien, zuletzt der real existierende Sozialismus, davor die Love-and-Peace-Bewegung.

Als die Pop Art den banalen Alltag ins Bild holte, entwickelte nur Joseph Beuys einen utopischen Entwurf, der auf „Heilung durch Kunst“ setzt. Geradezu anrührend wirkt die Installation von 1972 „Dürer, ich führe persönlich Baader + Meinhof durch die Documenta V“. Die beiden Papp-Tafeln sehen aus wie Demo-Plakate. Rosen und Filzpuschen, Symbole für Poesie und Wärme, liegen am Boden. Der politisch aktive Künstler war überzeugt, Kunst könne Andreas Baader und Ulrike Meinhof von ihrem Weg abbringen. In den Folgejahren eskalierte die Gewalt der RAF, und mit Utopien beschäftigen sich vor allem Science-Fiction-Romane und -Filme.

Wie lange wird es die Menschheit noch geben?

Und die zeitgenössische Kunst? Sie blickt nur vereinzelt in die Zukunft. Und wenn, dann schildert sie nicht mehr ein Goldenes Zeitalter wie die antiken Dichter. Heutige Künstler sehen die Zukunft skeptisch, bisweilen sogar als Horrorszenario.

Gibt es die Menschheit noch in 100, in 1 000 Jahren? Wer kennt dann noch den Künstler Kris Martin? Zweifel am Fortbestand der Menschheit und an der Beständigkeit seines Ruhms haben den Belgier eine 850 kg schwere Kugel konstruieren lassen, die sich – so die Behauptung – in 1 000 Jahren selbst zerstört. Das soll durch eingebaute chemische Zusätze geschehen. Derzeit ist die Kugel als Leihgabe der Galerie Sies + Höke in der Ausstellung „Intensif-Station – 26 Künstlerräume“ im K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zu sehen. Neben dem Unikat „1 000 years“ gab es noch eine bereits ausverkaufte Zehnerauflage von „100 years“, die sich 2105 selbst zerstören wird. Diese angstfreien Kunstkäufer leben offensichtlich im Hier und Jetzt.

Schockierender ist das Konzept, das Joep van Lieshout seit 2005 in einem variablen Großprojekt verfolgt. Der Holländer geht von dem Paradox aus, dass eine steigende Weltbevölkerung immer mehr Nahrung braucht, gleichzeitig aber die Klimakatastrophe immer wahrscheinlicher wird. In der Multimedia-Installation „Stadt der Sklaven“ skizziert das Künstlerkollektiv Atelier van Lieshout eine radikale Lösung, wie die Weltbevölkerung im Schnellverfahren zu verringern und damit zur gleichen Zeit viel Geld zu verdienen wäre.

Eine Lösung ohne Kompromiss, ohne Moral. Sie lässt dem Museumsbesucher das Blut in den Adern gefrieren, denn das Grauen erschließt sich nicht auf den ersten Blick. In der utopischen „Stadt der Sklaven“ gibt es Call-Center, je ein Einkaufs- und Sportzentrum, ein Krankenhaus, einen Flughafen und Bordelle. Die Bewohner der wie ein Konzentrationslager gebauten Call-Center heißen „Teilnehmer“. Sie leben wie in einem Lager nach einem strikten Arbeits- und Schlafrhythmus. Wer sich nicht eignet oder nicht mehr kann, wird in der Schlachtstraße weiterverwertet. Die Organe werden für Transplantationen verkauft, 35 kg Menschenfleisch zu Mahlzeiten für die anderen „Teilnehmer“ der totalitären Stadt verarbeitet. Energie bezieht sie aus Biogas, das aus Exkrementen und Abfällen zu gewinnen wäre.

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