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12.05.2011

16:48 Uhr

Viennafair

Dialog gegen die Abschottung

VonNina Schedlmayer

Der Istanbul-Schwerpunkt auf der Wiener Kunstmesse Viennafair demonstriert vor allem eines: Was die zeitgenössische Kunst betrifft, ist die Türkei längst in der EU angekommen.

Burak Deliers unbetitelte Fotoarbeit hat in Österreich bereits eine zweifelhafte Karriere gemacht. Im Volksmund heißt es "Das Mädchen mit der EU-Flagge". Auf der Viennafair hängt ein großer Abzug auf dem Stand der Outlet Gallery aus Istanbul. Quelle: Outlet Gallery/Burak Delier

Burak Deliers unbetitelte Fotoarbeit hat in Österreich bereits eine zweifelhafte Karriere gemacht. Im Volksmund heißt es "Das Mädchen mit der EU-Flagge". Auf der Viennafair hängt ein großer Abzug auf dem Stand der Outlet Gallery aus Istanbul.

WienWer den Istanbul-Schwerpunkt der Wiener Kunstmesse Viennafair besichtigt, hat ein eigenartiges Déja-Vu-Erlebnis. „Dieses Foto kommt Ihnen wahrscheinlich bekannt vor“, mutmaßt Galeristin Amira Akbiyikoglu am Stand der Outlet Gallery. „Es wurde von einer extremistischen Partei in Österreich für eine Kampagne eingesetzt.“ Tatsächlich, just mit diesem Bild einer Frau, die in einen Tschador im EU-Flaggen-Design gehüllt ist, machte die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) im Jahr 2006 Stimmung gegen den EU-Beitritt der Türkei. Den Künstler, Burak Delier, informierte zuvor freilich keiner davon, dass sein Werk derart zweckentfremdet und auf diese Weise inhaltlich pervertiert wurde. Er hatte mit seiner Arbeit durchaus humorvoll für einen entspannten Umgang zwischen Türkei und EU plädiert. Delier klagte übrigens – und gewann.

Deliers Bild „Untitled“ heißt im Volksmund nur „Das Mädchen mit der EU-Flagge“. Auf der Messe hängt es neben der zwölfteiligen Fotoserie „Supermuslim“ von Sener Özmen. Auch diese Arbeit hat nicht geringe Hingucker-Qualitäten. Sie zeigt, wie Özmen in der Gestalt von Superman seinen knallroten Umhang in einen Gebetsteppich verwandelt (20.000 Euro, Auflage von 5).

Auf Kurdisch schimpfen 

Der Schwerpunkt der Outlet-Galerie, die Akbiyikoglu gemeinsam mit ihrer Kollegin Tüzünoglu betreibt, liegt auf Kunst mit gesellschaftskritisch-politischem Hintergrund. Das spiegeln auch die Videoarbeiten, die Akbiyikoglu nach Wien mitgebracht hat: Die 2009 entstandene Arbeit „Gooaall“ von Fikret Atay untersucht beispielsweise die brüchige Existenz von Landbewohnern zwischen Tradition und Moderne (6.000 Euro, Auflage 6). Atay ist im Übrigen auch in der Sammlung der Tate Modern vertreten. In „The Meeting Or Bonjour Monsieur Courbet“ von Sener Özmen und Cengiz Tekin schimpfen zwei Männer auf Kurdisch über Militarismus (5.500 Euro, Auflage 5). Ein Video von Servet Kocyigit spielt auf Geschlechter- und Orientalismus-Stereotypen an (8.000 Euro, Auflage 5).

Die Kunst boomt in Istanbul 

Im September – während der international längst etablierten Istanbul Biennale – planen die beiden Galeristinnen, in ein größeres Geschäftslokal zu ziehen. Ähnliche Pläne verfolgt Standnachbarin Asli Sümer. Sie geht mit ihrer Galerie „artSümer“ von Beyoglu nach Tophane, wo sich schon einige Kunsträume angesiedelt haben. „Istanbul verändert sich sehr schnell“, findet Sümer. „In den letzten drei Jahren haben wir in der Kunst einen richtigen Boom erlebt!“

Das Programm von artSümer bestreiten vor allem junge Künstler im Alter zwischen 29 und 36 Jahre. Sie gehen eher unbekümmert an ihre Themen heran. Ceren Oykut etwa hat die chaotisch-absurden Situationen des urbanen Lebens Istanbuls auf einer drei Meter langen Zeichnung dargestellt. Sie ist für ca. 10.000 Euro zu haben; Tayfun Serttas feine Collage aus Fotografien und Landkarten kostet 4.000 Euro. Gözde Ilkin baute drei Miniatur-Militärtanks aus blumigen Stoffen (jeweils 1.000 Euro).

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