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03.04.2016

09:58 Uhr

Vierter „Nord Nord Mord“

Tote Köche, Borowski und ganz viel Sylt

Auf Sylt wird der Koch eines Promilokals ermordet - ein Fall für Kommissar Clüver und seine Kollegen. Zum vierten Mal ist das Team um den Schauspieler Robert Atzorn im Einsatz. Zuletzt gelang sogar der Quotensieg.

Ina Behrendsen (Julia Brendler, l-r), Theo Clüver (Robert Atzorn) und Hinnerk Feldmann (Oliver Wnuk) ermitteln in ihrem vierten Fall auf Sylt. dpa

Nord Nord Mord - Clüver und der tote Koch

Ina Behrendsen (Julia Brendler, l-r), Theo Clüver (Robert Atzorn) und Hinnerk Feldmann (Oliver Wnuk) ermitteln in ihrem vierten Fall auf Sylt.

HamburgAls ARD-„Tatort“-Kommissar Borowski hat Axel Milberg sein Revier an der Ostsee. Für die ZDF-Krimi-Reihe „Nord Nord Mord“ macht er einen Ausflug an die Nordsee und spielt einen Gastronomen auf Sylt. Dort ermittelt im nunmehr vierten Film Robert Atzorn als Kommissar Clüver.

Mit viel Lokalkolorit und Leichtigkeit holten die Krimis von der nordfriesischen Insel bisher zuverlässig hohe Einschaltquoten und hängten zuletzt mit mehr als 7,2 Millionen Zuschauern erneut die Konkurrenz ab. Auch „Clüver und der tote Koch“, den das ZDF am Montag (20.15 Uhr) zeigt, bietet wieder viel Sylt, ein bisschen Spannung und immer wieder was zum Schmunzeln.

Der Tote liegt in einer Reuse am Strand, er war Chefkoch in einem Nobelrestaurant, alles deutet auf einen Mord hin. Ein Fall für den routinierten Hauptkommissar Theo Clüver, den mindestens so eifrigen wie tollpatschigen Profiler Hinnerk Feldmann (Oliver Wnuk) und die burschikose Ermittlerin Ina Behrendsen (Julia Brendler). Dann wird am nächsten Tag auch noch Bibi (Nadeshda Brennicke), die Frau des Restaurantbesitzers, entführt und Lösegeld verlangt. Milberg spielt den Wirt Josef, der seinen Gästen in den Sylter Dünen Champagner kredenzt.

Warum musste sein Koch sterben? Hängt Bibis Verschwinden mit dem Mord zusammen? Und wer steckt dahinter? Das Trio ermittelt unter der Regie von Anno Saul („Kebab Connection“), der bereits zwei Clüver-Filme inszenierte, vor malerischen Kulissen der beliebten Urlaubsinsel.

9,5 mögliche Gründe gegen den Tatort

1. Zuviel

„Nennen Sie aus dem Stand alle aktuellen „Tatort“-Teams!“ Gar nicht so einfach. Über 20 Teams sind zurzeit im Einsatz, manche kommen nicht mal mehr jedes Jahr ins Fernsehen. Da bekommt mancher den Eindruck, dass die Dachmarke „Tatort“ ziemlich verwässert wird.

2. Deja-Vu

Oft sind im „Tatort“ dieselben Schauspieler als Opfer, Angehörige oder Tatverdächtige zu sehen, so als gäbe es nur ein paar Darsteller im deutschsprachigen Raum. In diesem Jahr war das bereits etwa bei Uwe Bohm, Jenny Schily, Emily Cox oder Armin Rohde auffällig. „Tatort“-Koordinator Gebhard Henke sagt dazu: „Die Rollen werden oft sehr kurzfristig besetzt. Und es gibt ja keine Zentralredaktion, sondern jede ARD-Anstalt organisiert das selber.“ Er leide auch darunter, glaube aber, dass es die Zuschauer kaum störe.

3. Polizeiarbeit-Darstellung

Wohl kaum jemand erwartet, dass es in Fernsehkrimis zugeht wie in der Realität. Aber mancher findet das Ausmaß an Falschheit, mit dem manchmal die Arbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft dargestellt wird, erschreckend. Schon zu Zeiten von „Prügelkommissar“ Schimanski kam die Frage auf: Untergräbt der „Tatort“ den Rechtsstaat?

4. Fehlender Regionalbezug

Per Definition sollen die verschiedenen „Tatorte“ regional gefärbt sein. Viele Darsteller der Kommissare und auch die Drehbuchautoren wohnen allerdings in Berlin. Ist das vielleicht der Grund, dass oft vieles austauschbar wirkt?

5. Vorspann

Wehe, man sagt etwas gegen den „Tatort“-Vorspann. Til Schweiger wagte das mal: „Den würde ich gerne ändern“, sagte er beim Jupiter Award 2012, „den Vorspann, der ist jetzt wirklich outdated.“ Das Echo war enorm, Titelmusik-Komponist Klaus Doldinger sagte zum Beispiel, solch ein Markenzeichen dürfe man nicht aufgeben. Schweiger ruderte zurück. Aber vielleicht hatte er ja einfach mal recht.

6. Selbstbezüglichkeit

Eigentlich lebt die Reihe von in sich abgeschlossenen Filmen mit Auflösung in der jeweiligen Folgen, nur die Ermittlerfiguren bleiben über mehrere Fälle. Doch mit Doppelfolgen und immer mehr Episoden, die an ältere Fälle anknüpfen, wird dieses Konzept zunehmend untergraben.

7. Twitter-Phänomen

Mancher genießt es, mancher ist einfach nur genervt, wenn Freunde und Bekannte am Sonntagabend scheinbar zusammenhangslos beim „Tatort“-Gucken Kommentare bei Twitter oder Facebook absetzen. Komiker Michael Kessler etwa findet Gucken, um zu kommentieren, „befremdlich“. In einem „taz“-Interview sagte er: „Man sollte sich auch einfach mal 90 Minuten auf etwas einlassen können. Ich lese ja auch nicht neben dem Fernsehen ein Buch.“

8. Tatort-Stars, die selbst kaum Tatort gucken

Immer wieder gibt es „Tatort“-Schauspieler, die selber sagen, dass sie ja eigentlich keine „Tatort“-Fans seien. Meret Becker (Berlin) gab im dpa-Interview zu, sie schaue den Sonntagskrimi selten: „Klar, manchmal bleib ich hängen und guck eher aus Versehen als aus beruflichem Pflichtbewusstsein.“

9. Betulichkeit

Angestrengt am deutschen Alltag orientiert und oft sozialpädagogisch und mit langweiligen Dialogen - das Klischee vom „Tatort“ ist hart, aber manchmal auch wahr. Viele jüngere Zuschauer haben sich längst an die schnelleren US-Serien gewöhnt.

Und der Grund neineinhalb

Ins Hintertreffen beim „Tatort“-Hype gerät oft der kleine Bruder mit DDR-Vergangenheit: das ARD-Format „Polizeiruf 110“. Dabei halten viele dessen Fälle oft für spannender. Ist der „Polizeiruf“ vielleicht der bessere „Tatort“?

Das Drehbuch von Berno Kürten liefert witzige Dialoge und vor allem Oliver Wnuk kann wie einst als Ulf Steinke in der TV-Serie „Stromberg“ mit komödiantischem Talent auftrumpfen – ob in der Diskussion mit einem sturen Fischer über das Zerschneiden der Reuse, in der die Leiche lag, bei seinen Recherchen in einer zwielichtigen Bar oder in den kleinen Wortgefechten mit Kollegin und Mitbewohnerin Ina.

„Ich bin ja ein wenig für die Komik verantwortlich, und glücklicherweise beziehen die Macher mein kreatives Potenzial sehr mit ein“, sagt Wnuk im Presseheft. „Konkret heißt das: sobald mir was Amüsantes einfällt, scheue ich mich nicht, es in das Skript zu schreiben oder während der Aufnahme einfach entstehen zu lassen.“ Das ungleiche Trio beschreibt er selbst als: „Der klare Kopf, der wirre Geist, die weibliche und stechend scharfe Intuition.“ Sein Hinnerk sei ihm sehr ans Herz gewachsen.

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Außer in „Clüver und der tote Koch“ konnte er ihn im vergangenen Jahr ein weiteres Mal spielen, denn einen weiteren „Nord Nord Mord“-Krimi der seit 2011 laufenden Reihe hat die Produktionsfirma Network Movie bereits gedreht. Im fünften Fall, dessen Ausstrahlungstermin nach Angaben einer ZDF-Sprecherin noch nicht feststeht, geht es um einen Clubbetreiber, der stranguliert und mit Genickbruch aufgefunden wird.

Milbergs Gastronom gerät währenddessen zunehmend auch als Verdächtiger ins Visier der Sylter Polizei. Dennoch ist oft mehr Entspannung als Spannung angesagt, wenn das ungleiche Ermittler-Trio unterhaltsam an die Arbeit geht. Eine Leichtigkeit, die es, wie Schauspielerin Julia Brendler findet, „dem Zuschauer und den Protagonisten erlaubt, nicht immer alles bierernst zu nehmen“.

Von

dpa

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