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24.05.2017

14:19 Uhr

Wachstum über alles

VWs große Diesel-Lüge

VonAstrid Dörner

Das Buch von New-York-Times-Journalist Jack Ewing analysiert, wie es zum Diesel-Skandal bei VW kommen konnte. Eine Pflichtlektüre, auch für andere Autobauer.

Der Wirtschaftsjournalist arbeitet seit 2010 für die New York Times. Screenshot

Jack Ewing

Der Wirtschaftsjournalist arbeitet seit 2010 für die New York Times.

FrankfurtDer VW Jetta war der Hingucker. Auf dem Auspuff saß ein Schlauch, der die Abgase direkt in den mysteriösen grauen Kasten transportierte, der auf einer Sperrholzplatte im Laderaum des Autos stand. Es war ein Wirrwarr aus Kabeln, Röhren und Drähten. Neben dem Kasten war ein Generator von Honda angeschraubt. Der war laut und stank. Doch nur so konnten die Studenten der West Virginia University im Frühjahr 2013 die Abgase des VW Diesel im normalen Straßenverkehr testen.

Zunächst dachten sie, sie hätten einen Fehler gemacht. Denn die Abgaswerte, vor allem die Stickoxide, waren deutlich höher als bei den Tests, die sie zuvor im Labor gemessen hatten. Heute wissen wir: Die Arbeit der Studenten legte den Grundstein dafür, dass der größte Betrugsskandal in der Geschichte des Konzerns ans Licht kam.

In seinem Buch „Wachstum über alles“ erklärt Jack Ewing, wie es zum Dieselskandal kommen konnte. Elf Millionen Autos wurden manipuliert, damit sie Abgastests im Labor bestehen, auf der Straße jedoch deutlich schmutziger unterwegs waren. Der Auto-Korrespondent der „New York Times“ blickt aus der amerikanischen Perspektive auf das Geschehen, analysiert ohne Rücksicht die Hintergründe und Konsequenzen des Betrugs, für den der Wolfsburger Konzern über 20 Milliarden Dollar Strafe in den USA zahlen musste.

Das gut 400 Seiten lange Werk behandelt den Diesel-Skandal des deutschen Großkonzerns. Screenshot

Buch über VW-Skandal

Das gut 400 Seiten lange Werk behandelt den Diesel-Skandal des deutschen Großkonzerns.

„Die Geschichte des VW-Abgasskandals wird man in Deutschland anders lesen als im Rest der Welt“, schreibt Ewing. Schließlich sei Volkswagen der größte Arbeitgeber des Landes, ein wichtiges deutsches Markenzeichen und galt „zumindest bis zur Aufdeckung des Abgasbetrugs als eines der herausragenden Symbole höchster Ingenieurskunst.“ Das verändere den Blick des Betrachters.

Der Diesel-Skandal ist längst nicht mehr nur ein Problem von Volkswagen. Erst am Dienstag reichte das US-Justizministerium eine Diesel-Klage gegen Fiat Chrysler ein. Am gleichen Tag durchsuchte die Staatsanwaltschaft Stuttgart mehrere Büros von Daimler. Keine guten Nachrichten für das Gütesiegel „Made in Germany“, schlussfolgert Ewing, das eng mit der Autoindustrie verbunden ist.

Für VW hätte der Skandal deutlich günstiger enden können, wenn VW schon 2014 den Einsatz einer Manipulationssoftware eingeräumt hätte. Detailreich schildert Ewing VWs Hinhaltetaktik gegenüber den Umweltbehörden. Bis am 18. August 2015 ein amerikanischer VW-Mitarbeiter nicht mehr weiter wusste und den Einsatz einer Schummel-Software schließlich einräumte. Es war Stuart Johnson, der für die Einhaltung der Emissionsvorschriften zuständig war und „schon 2006 die Verantwortlichen in Wolfsburg auf die rechtlichen Risiken der Verwendung von Abschalteinrichtungen hingewiesen hatte“, schreibt Ewing. Johnson hatte „damit offenbar entgegen der Anweisungen von oben“ gehandelt. Die Ermittler waren außer sich.

VWs Vorgehen „spiegelt eine gewisse Arroganz gegenüber amerikanischen Regeln und den möglichen Folgen einer Missachtung wider“, kritisiert Ewing. Er hält VWs Hinhaltetaktik für den größten Fehler in der Affäre. Für den Autor ist klar: „Der Diesel-Skandal ist noch längst nicht beendet, angesichts der vielen laufenden Ermittlungen. Er wird noch viele Jahre für negative Schlagzeilen sorgen.“

Kommentare (1)

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Herr Lothar Bitschnau

24.05.2017, 14:59 Uhr

Liebes HB, muss das jetzt noch sein :
Die Amerikaner als Moralapostel ins Feld zu führen,
die ihre eigenen Hürden der "Dieselvorgaben" selbst nicht schafften,
Coal Rollers verherrlichen, Kohleverbrennung als Wirtschaftsstimmulation betrachten und den globalen Mitbewerber VW am liebsten die Luft ganz abgedreht hätten.

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