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10.09.2012

14:31 Uhr

Wael Shawky

Die Fäden in der Hand

VonJohannes Wendland

Der Ägypter Wael Shawky ist ein begnadeter Video-Erzähler, der mit politischen und historischen Stoffen zum Nachdenken anregt, ohne den Unterhaltungswert zu vernachlässigen. Die Schering Stiftung zeichnete ihn mit ihrem Kunstpreis aus.

Wael Shawky: "Cabaret Crusades:The Path to Cairo", 2012, ein politisches Video von 58 Minuten mit Marionetten. Courtesy Wael Shawky/Galerie Sfeir-Semler, Hamburg, Beirut

Wael Shawky: "Cabaret Crusades:The Path to Cairo", 2012, ein politisches Video von 58 Minuten mit Marionetten.

BerlinAn Wael Shawky konnte die Jury des Kunstpreises der Schering Stiftung einfach nicht vorbeigehen. Im Februar 2011, einen Monat nach Beginn der umstürzenden Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Kairo, stand der Name dieses 1971 im ägyptischen Alexandria geborenen Filmemachers und Videokünstlers auf der Liste von 15 für den angesehenen Kunstpreis nominierten Künstlern. Ein Filmemacher, der seit zehn Jahren mit Arbeiten auf sich aufmerksam macht, in denen der dominierenden westlichen Geschichtsschreibung eine betont arabische Perspektive entgegengesetzt wird – und in denen gleichzeitig die bedrückenden Verhältnisse der Gegenwart im Spiegel der Geschichte auftauchen.

Ein orientalischer Erzähler

So wurde Wael Shawky von der in Berlin ansässigen Stiftung ausgezeichnet, was ihm nicht nur das Preisgeld von 10.000 Euro und eine Katalogpublikation, sondern auch eine Soloausstellung in den Berliner Kunst-Werken einbrachte. Wer es nicht auf die Documenta 13nach Kassel geschafft hat, der kann hier in Shawkys zugleich hellwache und märchenhafte Welt eintauche. Er ist ein Strippenzieher und orientalischer Erzähler, ein Aufklärer und ein Poet in einer Person.  Die Schering Stiftung hat mit der Wahl des Preisträgers einen guten Riecher beweisen. Auf dem Kunstmarkt wird Wael Shawky von der Galerie Sfeir-Semler in Hamburg und Beirut vertreten.

Neue Perspektive auf die Kreuzzüge

Im Mittelpunkt der Berliner Ausstellung in den Kunst-Werken steht der alle Sinne ansprechende Film „Cabaret Crusades: The Path to Cairo“ (2012), der auch im Neuen Museum in Kassel zu sehen ist. Mit Hilfe von Marionetten entwirft der Film eine Chronologie des ersten Kreuzzugs am Ende des 11. Jahrhunderts, wobei sich Shawky streng an die Darstellung „Die Kreuzzüge aus der Sicht der Araber“ von Amin Maalouf hält, einem französischen Schriftsteller mit libanesischen Wurzeln. Die mehr als 100 wunderschönen Marionetten in dem Film stellen historische Haupt- und Nebenfiguren der damaligen Ereignisse dar. Der Verfremdungseffekt durch das Ersetzen menschlicher Schauspieler durch Marionetten wird nochmals verstärkt, indem manche Figuren tierische Formen annehmen, Kamele oder Katzen. Die Figuren stellen zentrale historische Geschehnisse in Kulissen dar, die Shawky aus arabischen oder persischen Miniaturmalereien und eigenen Zeichnungen zusammengefügt hat. Das Licht ist dramatisch, Feuer flackert, Rauch nebelt die Szene ein, immer wieder fließt Blut. Eine packende elektronische Musik, von Shawky selbst komponiert, setzt Akzente. Oft werden Passagen auch gesungen.

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