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20.05.2013

15:12 Uhr

Wagner-Boykott

Wagner ist in Israel immer noch ein Reizthema

Der Boykott gegen die Aufführung von Wagner-Musik in Israel gilt schon seit einem Dreivierteljahrhundert. Liebhaber seiner Werke rennen im Versuch, ihn zu brechen, immer wieder gegen die Wand.

Der Komponist Richard Wagner (Archivfoto von 1877). Wagner-Konzerte wurden in Israel bislang auf Druck von Holocaust-Überlebenden immer wieder abgesagt. dpa

Der Komponist Richard Wagner (Archivfoto von 1877). Wagner-Konzerte wurden in Israel bislang auf Druck von Holocaust-Überlebenden immer wieder abgesagt.

Tel AvivDer Wagner-Boykott in Israel ist noch älter als der Staat selbst. Bronislaw Huberman, Gründer des Israelischen Philharmonieorchesters, sprach ihn 1938 unter dem Eindruck der Reichspogromnacht aus - also schon zehn Jahre vor der Staatsgründung. Inzwischen ist er mehrmals gebrochen worden.

Aber alle Versuche, Werke des deutschen Komponisten Richard Wagner (1813-1883) im größeren Rahmen in Israel aufzuführen, sind bisher gescheitert. Eine kleine Gruppe von Musikliebhabern und Dirigenten kämpft aber weiter hartnäckig dafür, dass Wagners Werke öffentlich gespielt werden dürfen.

Der Rechtsanwalt Jonathan Livny, der 2010 die erste Wagner-Gesellschaft in Israel gegründet hat, sagte der Nachrichtenagentur dpa: „Wir haben neue Pläne für ein Wagner-Konzert, aber ich will sie noch nicht veröffentlichen.“

Randnotizen zu Richard Wagner

Opernabende

Für das Jubiläumsjahr 2013 zeigt die Datenbank von „operabase.de“ weltweit 988 Aufführungen von 279 Produktionen in 124 Städten an. Freuen dürfen sich unter anderem Opernfans in der chinesischen Hauptstadt Peking Ende April auf „Der fliegende Holländer“ und Anfang Oktober in Südkoreas Hauptstadt Seoul auf „Parsifal“. Im vergangenen Jahr waren es 756 Aufführungen von 221 Produktionen in 101 Städten.

Für die Ewigkeit

Zur Zeit gibt es 17 Wagner-Denkmäler. Davon stehen zehn in Deutschland, drei in der Schweiz und je eines in Österreich, Italien, Spanien und England. Die drei größten finden sich in Berlin, München und im sächsischen Graupa bei Pirna. Das als weltweit größtes Wagner-Monument geltende Denkmal im Liebethaler Grund bei Pirna zeigt Wagner als Gralsritter. Das Teil aus Bronze hat eine Gesamthöhe von 12,5 Metern.

Kleiner Mann

Wagner soll nur 1,66 Meter groß gewesen sein. Den Mann von kleinem Wuchs und großem Kopf beschrieb der deutsche Schriftsteller Thomas Mann 1911 in einem Brief als „schnupfenden Gnom aus Sachsen mit dem Bombentalent und dem schäbigem Charakter“.

Spaßvogel

Der Künstler war dafür bekannt, dass er seine Opern in historischen Kostümen komponierte. „Wo Wagner war, war Theater“, schreibt Joachim Köhler in seinem Buch „Der lachende Wagner“. Der Künstler selbst sei zwar zum „Inbegriff pompöser Selbstdarstellung und lächerlicher Selbstüberschätzung“ geworden. Dass er jedoch ein „begnadeter Spaßvogel“ gewesen war, sei bisher unbemerkt geblieben.

Notorische Geldnot

Wagners verschwenderischer Lebensstil war unter anderem der Grund, warum er häufig auf der Flucht vor seinen Gläubigern den Ort wechseln musste. Angeblich hatte er 18.000 Taler Schulden, als er sich Ende Mai 1849 wegen seiner Teilnahme am Dresdner Aufstand ins Schweizer Exil absetzte. Das waren zwölf Jahresgehälter, Wagner bezog als Kapellmeister jährlich 1500 Taler.

Wahre Liebe

Seine erste Frau Minna soll ihm in der Premierennacht seiner Oper „Rienzi“ am 20. Oktober 1842 in Dresden Lorbeerblätter ins Bett gelegt haben, damit er sich „auf seinen Lorbeeren ausruhen“ kann. Das Publikum hatte die Oper begeistert aufgenommen.

Treue Begleiter

Wagner war sehr tierlieb. Bis zu seinem Lebensende begleiteten ihn – in wechselnder Besetzung – vor allem bellende Vierbeiner. Selbst seine Bayreuther Grabstätte plante er so, dass er neben seinen Hunden liegen sollte. Wagner, sein Zwergspaniel Peps mit den hängenden Ohren und später der Papagei Papo galten als unzertrennlich. Er nannte sie in einem Brief an einen Freund „meine durch Gottes besondere Gnade und unbegreifliche Fügung ohne eheliche Zeugung und Geburt mir verliehenen Kinder, das Söhnlein Peps und das Töchterlein Papo“.

Der Grund für den Boykott Wagners in Israel sind dessen antisemitische Ansichten und seine große Beliebtheit bei den Nationalsozialisten. Livny unterscheidet ganz klar zwischen dem Menschen Wagner, den er ablehnt, und dessen Musik, die er vergöttert.

„Sein 200. Geburtstag interessiert mich nicht - es besteht keine Verbindung zwischen dem Geburtstag und einem Konzert (in Israel)“, sagte Livny. „Ich feiere seinen Geburtstag nicht, weil ich für ihn als Person keinerlei Respekt habe - ich würdige nur seine Musik.“

Es gab schon eine ganze Reihe von Versuchen, den Boykott Wagners aus der Welt zu schaffen. Der weltberühmte Dirigent Daniel Barenboim sorgte 2001 für Diskussionen, als er in einem Konzert in Israel eine Zugabe aus „Tristan und Isolde“ spielte. Im Juli 2011 spielten israelische Musiker unter der Leitung des Wiener Dirigenten Roberto Paternostro erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg ein Werk von Wagner in Bayreuth.

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