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25.07.2014

19:20 Uhr

Wagner-Festspiele in Bayreuth

„Angst, Vorsicht und vorauseilender Gehorsam“

Die Festspiele in Bayreuth sorgen für zwei Skandale. Der streitbare Regisseur Castorf schlägt um sich. Und nun wird auch die Premiere unter Sebastian Baumgarten verpatzt. Worüber auf den Wagner-Festspielen alle tuscheln.

Kontroverse Debatten: Der Regisseur Frank Castorf (rechts) und die Leiterinnen der Bayreuther Festspiele, Katharina Wagner (Mitte) und Eva Wagner-Pasquier. dpa

Kontroverse Debatten: Der Regisseur Frank Castorf (rechts) und die Leiterinnen der Bayreuther Festspiele, Katharina Wagner (Mitte) und Eva Wagner-Pasquier.

BayreuthBis zum 28. August schaut die Klassikwelt wieder nach Bayreuth. Besonders spannend wird sein, wie das Publikum im zweiten Jahr auf Frank Castorfs Inszenierung des „Ring des Nibelungen“ reagieren wird. 2013 war die Vorführung bei den Bayreuther Zuschauern komplett durchgefallen. Nach dem vierten Teil, der „Götterdämmerung“, wurde Castorf eine Viertelstunde lang ausgebuht.

Dirigent Kirill Petrenko wurde dagegen frenetisch gefeiert. Kurz vor dem Start der Festspiele holte Castorf im „Spiegel“-Interview zum Rundumschlag gegen die Festspielleitung aus. Weil er das Gefühl hat, die Festspielleitung wolle Einfluss auf seine umstrittene Inszenierung nehmen, hat er sich anwaltlich von Linke-Fraktionschef Gregor Gysi beraten lassen.

„Man redet hier sehr wenig mit mir“, sagte er im Interview. „Als wäre ich ein Idiot.“ Und er zog Parallelen zur DDR: „Es herrschen hier Angst, Vorsicht und vorauseilender Gehorsam“, sagte er und fügte hinzu: „Ich kenne das aus dem Osten. Man legt Wert auf das Prinzip der Hierarchie.“ Ob ihm das bei den eingefleischten Wagnerianern Pluspunkte bringt, ist mindestens fraglich.

Wagner-Glossar

B wie Bayreuth

Als Wagner kommt, ist Bayreuth ein Provinzstädtchen, dessen Bedeutung und Glanz im Barock verblasst ist. Wagner aber kann hier seine Festspielpläne verwirklichen. Heute sind die Festspiele und Wagner Bayreuths wichtigste Markenzeichen.

C wie Cosima

Wagners zweite Frau. Er spannt sie seinem Freund Hans von Bülow aus. Nach Wagners Tod 1883 wird Cosima Festspielchefin. Antisemitische und nationalistische Ideen sind unter ihrer Ägide salonfähig in Bayreuth. Stirbt 1930.

H wie Hund

Wagner ist großer Hundeliebhaber. Die Tiere begleiten sein unstetes Leben. Der Neufundländer „Russ“ ist sogar unweit des Wagner-Grabes vergraben worden. Dort steht: „Hier ruht und wacht Wagners Russ“.

I wie Isolde

Extrem herausfordernde Partie. Verlangt der Sängerin alles ab. Ohne Erfahrung und Mut geht da gar nichts. Deshalb ist auf der Bühne oft eine Isolde gesetzteren Alters zu sehen.

J wie Judentum

Der Antisemitismus ist die dunkle Seite Wagners und macht ihn zum umstrittenen Künstler. Sein Aufsatz „Das Judenthum in der Musik“ ist voller übler und abstoßender Verunglimpfungen. Nicht zuletzt deshalb ist Wagners Musik in Israel heute noch nicht akzeptiert.

P wie Parsifal

Wagners letztes Werk. Heißt Bühnenweihfestspiel. Sollte nach Wagners Wünschen eigentlich nur in Bayreuth aufgeführt werden. Ist heute natürlich auch anderswo zu sehen und zu hören.

R wie „Ring des Niebelungen“

Tetralogie. „Das Rheingold“, „Die Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“. Gesamtspieldauer ohne Pausen: circa 16 Stunden. Grundmotive aus der Nibelungensage und der nordischen Mythossammlung Edda. Uraufführung 1876 in Bayreuth.

T wie Tristan-Akkord

f - h - dis - gis. Im zweiten Takt des Vorspiels zu „Tristan und Isolde“. „Ein Akkord an der Grenze zur Dissonanz“ schreibt Dirigent Christian Thielemann. Mit dem Akkord öffneten sich „Höllentor und Himmelspforte zugleich“, er sei „der Code für die gesamte musikalische Moderne“. Der Akkord ist berühmt – aber nicht durchschaubar.

Y wie Youtube

Beim Videoportal liefert der Suchbegriff „Richard Wagner“ rund 93.000 Treffer. Beliebteste „Hits“ sind demnach der Walkürenritt, Siegfrieds Trauermarsch und das „Lohengrin“-Vorspiel. Den Brautchor aus „Lohengrin“ muss man allerdings oft als Keyboard-Version ertragen.

Unter den Ehrengästen geben die Schauspielerinnen Hannelore Elsner und Iris Berben ihr Debüt auf dem roten Teppich. Bundeskanzlerin Angela Merkel kommt nach Angaben eines Festspiel-Sprechers später. Die Kanzlerin will Castorfs „Ring“ zu Ende schauen. Das habe sie im vergangenen Jahr nicht geschafft.

Doch dann geht auch zu Beginn alles schief. Erstmals in der Geschichte des Bayreuther Opernspektakels unterbrach eine technische Störung eine Aufführung nach knapp 20 Minuten. Auf der Bühne sollte gerade eine Sängergruppe in einem beweglichen Käfig in die Höhe gezogen werden. „Dann gab es zweimal einen lauten Knall, es fielen Holzstücke auf die Bühne, dann senkte sich der Vorhang“, berichtete eine Festspielbesucherin.

Der streitbare Regisseur bleibt aber auch mit anderen Aktionen im Gespräch. So hat er sich zwar erfolgreich gegen den Versuch der Festspielleitung gewehrt, ein NPD-Plakat von der Bühne zu nehmen. Doch musikalisch hat er den „Ring“ im Vergleich zu Jahr eins verändert. Womit er selbst allerdings nicht sonderlich zufrieden ist.

„Wenn ich jetzt in den Bühnenorchesterproben sitze, dann bemerke ich plötzlich einen schrecklichen Gleichklang im Rhythmus, im Tempo, im Licht und im Spiel der Sänger“, sagte er dem „Spiegel“. „Es ist Stadttheater in aller Schönheit entstanden. Furchtbar. Die Stürme haben sich gelegt, die Langeweile hat gesiegt.“

 

Kommentare (1)

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Sergio Puntila

25.07.2014, 20:31 Uhr

Le charme discret

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