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13.11.2014

10:00 Uhr

Warhol-Versteigerung

NRW verscherbelt Kulturgut für Spielbank

Umstrittene Versteigerung: Zwei Warhol-Bilder des deutschen Casinobetreibers Westspiel sind am Mittwoch in New York für 151,5 Millionen Dollar verkauft worden. Mit dem Erlös sollen Spielbanken saniert werden.

Umstrittene Versteigerung

Warhols aus Deutschland erzielen Millionen-Gewinn

Umstrittene Versteigerung: Warhols aus Deutschland erzielen Millionen-Gewinn

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New YorkDen etwa tausend Anwesenden wurde am Abend des 12. November bei Christie’s erstklassiges Auktionstheater geboten. Innerhalb der ersten fünfzehn Minuten purzelten bereits vier Rekorde, ein vielversprechender Auftakt für die nächsten knapp drei Stunden. Die Spannung war mit Händen zu greifen. Die Versteigerung der ersten acht Bilder schien fast nur Vorspiel zu sein, auch wenn ein Bild von Seth Price mal eben für 650.000 Euro verkauft wurde – mehr als das Zehnfache des erhofften Preises.

Dann folgten zwei Toplose des Abends: Andy Warhols wichtige und rare Großformate „Triple Elvis (Ferus Type)“ von 1963 und „Four Marlons“ (1966), die von der Kasinogesellschaft Westspiel GmbH gegen starken Protest der deutschen Museen eingeliefert worden waren.

Kommentar zur Warhol-Versteigerung: Casino statt Kunst

Kommentar zur Warhol-Versteigerung

Casino statt Kunst

120 Millionen Euro bringt die Versteigerung von zwei Warhols Nordrhein-Westfalen ein. Kein schlechtes Geschäft? Doch. Denn das Land entscheidet sich gegen die Kultur und für Spielbuden. Die Region wird ärmer.

Die Bilder mit den beiden coolen Typen waren in den späten 70er Jahren beim renommierten Züricher Händler Thomas Ammann gekauft worden, seitdem hingen sie im Casino Aachen, „umgeben von Spielautomaten“, so erinnert sich Christie’s Laura Paulson. Sie hat das Paar mit Kollegen mehrfach besucht. Händler und Auktionshäuser waren sich der Raritäten bewusst, sprachen regelmäßig bei Westpiel vor und offerierten ihre Dienste. Der starke Warhol-Markt, der auch zur Einlagerung der Bilder im Jahr 2009 führte, und die Restrukturierung der Firma, bewogen erst jetzt zum Verkauf.

Für das große Bild mit einem dreifachen Elvis Presley, der mit einem Revolver auf die Bieter zielte, der den Sänger nach einem Publicityfoto für seinen Film „Flaming Star“ zeigt, flogen anfangs die Millionen durch den Saal, dann tröpfelte es. Auktionator Jussi Pylkkanen beugte sich immer wieder nach links und rechts, rechts und links, suchte nach Bietern und er fand sie nach und nach.

CONTRA: Nein, die Warhol-Bilder nicht verkaufen!

Verkauf der Warhol-Bilder: Kulturpolitischer Sündenfall?

Kulturpolitischer Sündenfall oder ganz normales Geschäft? Bei Christie's in New York wurden zwei wertvolle frühe Bilder von Andy Warhol aus dem Besitz des NRW-Casino-Betreibers Westspiel versteigert. Das Pikante: Westspiel gehört indirekt dem Land Nordrhein-Westfalen. Hier sind die Argumente gegen den Verkauf.

NRW-Museumsdirektoren (1)

26 namhafte NRW-Museumsleiter warnten Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, einen Präzedenzfall zu schaffen. Die Versteigerung der mittelbar dem Land gehörenden Werke widerspreche allen internationalen Konventionen zum Schutz von öffentlichem Kunstbesitz.

NRW-Museumsdirektoren (2)

Dass der Erlös zur Deckung von Defiziten bei Westspiel oder gar zum allgemeinen Schuldendienst des Landes NRW herangezogen werde, mache den Vorgang zu einem „brisanten Politikum“. Ein „grundlegender Kulturwandel“ werde vollzogen. Die Auktion sei ein „Tabubruch“, weil sie jahrzehntelange Kultur- und Sammlungspolitik durch kurzfristiges Gewinnstreben beschädige. „Damit wären der öffentliche und auch der Museumsbesitz nicht mehr sicher“.

Monika Grütters (1)

Auch die in Berlin residierende Kulturstaatsministerin Monika Grütters warnte Rot-Grün in NRW vor einem „Tabubruch“. Keine Landesregierung habe bisher „nationales Kulturgut“ veräußert, „um damit Haushaltslöcher zu stopfen“.

Monika Grütters (2)

Kunstwerke seien keine Spekulationsobjekte, sagt Grütters. „Sie zu veräußern, um klamme Staatskassen zu sanieren, wäre schlichtweg unanständig und ein Systembruch.“

Olaf Zimmermann

Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann, warnte davor, dass als nächster Schritt die verschuldeten kommunalen Haushalte versucht sein könnten, sich mittels ihrer Kunstbestände zu sanieren.

Isabel Pfeiffer-Poensgen

Isabel Pfeiffer-Poensgen, die Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder (Berlin) und ehemalige Aachener Kulturdezernentin, hält den Verkauf für leichtfertig. Sie bedauerte, dass die Warhol-Bilder nicht einem NRW-Museum übergeben worden seien. Wenigstens der Erlös der Auktion müsse zwingend der Kunstförderung in NRW zugute kommen.

Schließlich schlug er bei 73 Millionen Dollar zu - das Geld bekommt der Verkäufer. Mit dem Aufschlag für Christie's muss der Käufer 82 Millionen zahlen - inklusive einer satten Prämie für den Auktionator. Alles hatte fünf Minuten und 14 Sekunden gedauert - statistisch gesehen fast 160.000 Euro je Sekunde.

Kommentare (1)

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Herr Torsten Steinberg

13.11.2014, 09:43 Uhr

Um ein heimisches, sozusagen identitätsstiftendes Kulturgut handelt es sich bei den Warhol-Bildern ja nicht, die die Landesregierung, selbst auf die Gefahr hin, dass sie zukünftig in einer privateigentümerischen Versenkung verschwinden, jetzt verkauft hat. Bezüglich der Motive und Hintergründe übrigens, warum Verfasser des Artikels statt "verkaufen" das Wort "verscherbeln" verwendet, sollte er besser mal tief in sich gehen.

Dass der Erlös in die Sanierung von Spielbanken fließt bzw. schon geflossen ist, ist zwar zutreffend, aber nicht in der Art und Weise, dass man vor einer Entscheidung gestanden hätte: Spielbanken oder Warhols. Vielmehr waren die Kosten großenteils schon aufgelaufen bzw. unvermeidbar, so dass die ehrliche Alternative auf den Verkauf der Warhols nicht Verzicht auf die Spielbanken lautete, sondern. "Ran an die Steuergroschen!" Schön, dass dies wenigstens vermieden werden konnte.

Nichtdestotrotz wird die Landesregierung einer heftigen Kritik sich stellen müssen: Ähnlich wie Black Jack und Roulette, ist der Kunsthandel ein Glückspiel, das heute zu Gunsten des NRW-Steuerzahlers einen außergewöhnlich glücklichen Ausgang genommen hat. So leicht wird sich das aber nicht wiederholen lassen. Wie viele Warhols gibt es denn noch? Es wird also in Zukunft, sprich ab sofort, kein Mensch mehr Verständnis dafür haben, wenn die Verwaltung der landeseigenen Spielkasinos es nicht schaffen sollte, deren permanenten Betrieb zum allermindesten kostendeckend auszugestalten. Wenn diesbezüglich ein klares, überprüfbares und überzeugendes Konzept nicht schleunigst vorgelegt werden kann, sollte man deren Weiterbetrieb tatsächlich mit großen Fragezeichen versehen und entsprechenden Entscheidungen nicht aus dem Weg gehen. Glücksspiel a la Monte Carlo bringt zwar auch nach Aachen etwas Glamour, ein unverzichtbares Ruhmesblatt ist es aber beim besten Willen nicht.

Auf jeden Fall aber sind die Pläne einer weiteren Spielstätte in/bei Köln unverzüglich aus den Akten zu nehmen!

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