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05.10.2017

14:55 Uhr

„Was vom Tage übrigblieb“

Literaturnobelpreis geht an Briten Kazuo Ishiguro

VonHelmut Steuer

Der Nachfolger Bob Dylans als Literaturnobelpreisträger steht fest: Der Literaturnobelpreis 2017 geht an den britischen Schriftsteller Kazuo Ishiguro – wieder einmal eine überraschende Entscheidung.

„Emotionale Kraft“

Kazuo Ishiguro erhält Literaturnobelpreis

„Emotionale Kraft“ : Kazuo Ishiguro erhält Literaturnobelpreis

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StockholmDer Literaturnobelpreis 2017 geht an den britischen Schriftsteller Kazuo Ishiguro. Er wird ausgezeichnet für „seine große emotionale Kraft“, die in seinen Romanen zum Ausdruck kommt, heißt es in der Begründung der Schwedischen Akademie.
Seine Romane sind zeichnen sich durch eine zurückhaltende, aber eindringliche Ausdrucksweise aus. In "Der begrabene Riese" schildert er ein älteres Ehepaar, das sich zu einem Road Trip durch England aufmacht, in der Hoffnung den erwachsenen Sohn, zu dem sie den Kontakt verloren haben, wiederzufinden. "Dieser Roman erforscht in einer bewegenden Weise, wie sich das Gedächtnis auf Vergessenheit, auf Geschichte zu Gegenwart und Phantasie zur Wirklichkeit bezieht", schreibt die Akademie in ihrer Würdigung.

Auf deutsch erschien von ihm zuletzt der Roman „Der begrabene Riese{ (2015), erschienen bei Blessing. Seinen Durchbruch erzielte er mit dem Roman „Was vom Tage übrigblieb“, der 1990 bei Rowohlt erschien und auch mit Anthony Hopkins als Butler Stevens verfilmt wurde.

Der 62-jährige Ishiguro zeigte sich über die Auszeichnung überrascht und bezeichnete sie als sehr „schmeichelhaft“. Gegenüber der BBC erklärte er in einer ersten Reaktion: „Es ist eine sehr große Ehre, vor allem, weil es bedeutet, dass ich auf den Spuren der größten je gelebten Schriftsteller wandele“, sagte er: „Das ist eine großartige Auszeichnung.“
Ishiguro wurde am 8. November 1954 in Nagasaki, Japan geboren. Seit seinem sechsten Lebensjahr lebt er in Großbritannien. Ishiguro ist britischer Staatsbürger und hat sein Geburtsland erst als Erwachsener besucht. Er studierte an der Universität von Kent Englisch und Philosophie. Später studierte er an der East Anglia-Universität kreatives Schreiben. Ursprünglich wollte er Musiker werden. Und die Musik spielt unter anderem in seinem 2005 auf deutsch erschienen Roman „Alles, was wir geben mussten“ eine große Rolle.

Die letzten zehn Literaturnobelpreisträger

2016

Bob Dylan, „für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition“.

2015

Swetlana Alexijewitsch, „für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt“.

2014

Patrick Modiano, „für die Kunst der Erinnerung, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen und die Lebenswelt der Besatzungszeit durchschaubar gemacht hat“.

2013

Alice Munro, „die Virtuosin der zeitgenössischen Kurzgeschichte“.

2012

Mo Yan, „weil er mit halluzinatorischem Realismus Märchen, Geschichte und Gegenwart vereint“.

2011

Tomas Tranströmer, „weil er uns in komprimierten, erhellenden Bildern neue Wege zum Wirklichen weist“.

2010

Mario Vargas Llosa, „für seine Kartographie der Machtstrukturen und scharfkantigen Bilder individuellen Widerstands, des Aufruhrs und der Niederlage“.

2009

Herta Müller, „die mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit zeichnet“.

2008

Jean-Marie Gustave Le Clézio, „der Verfasser des Aufbruchs, des poetischen Abenteuers und der sinnlichen Ekstase, der Erforscher einer Menschlichkeit außerhalb und unterhalb der herrschenden Zivilisation“.

2007

Doris Lessing, „die Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat“.

Die Wahl von Ishiguro ist erneut eine Überraschung. Sein Name befand sich nicht auf der Liste der Top-Favoriten. Zu den Favoriten für den Literaturnobelpreis zählten vielmehr der Kenianer Ngugi wa Thiong’o und der Japaner Haruki Murakami. Beide stehen seit mehreren Jahren weit oben auf der Liste der möglichen Kandidaten. Auch bei den englischen Buchmachern firmierten beide ganz oben. Weitere Favoriten waren in diesem Jahr der syrische Dichter Adonis und die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood. Insgesamt standen in diesem Jahr 195 Namen auf der Liste der Akademie.

Die Wahl des Literaturnobelpreisträgers ist in den vergangenen Jahren immer unvorhersehbarer geworden. Häufig hat das aus 18 Mitgliedern bestehende Gremium mit seiner Entscheidung überrascht. Die größte Überraschung gelang der Schwedischen Akademie im vergangenen Jahr, als sie den Musiker Bob Dylan mit dem Literaturnobelpreis auszeichnete. Die Entscheidung wurde von einigen als mutig bezeichnet, andere kritisierten sie scharf. Zur Aufregung im vergangenen Jahr trug der Ausgezeichnete selbst maßgeblich bei: Zunächst kommentierte Dylan die Entscheidung der Jury nicht. Dann erschien er nicht zur Preisverleihung und wartete lange, bis er seine obligatorische Nobelvorlesung als Tonaufnahme einsandte. Die Nobelurkunde holte er sich erst ab, als er während einer Tournee in Stockholm war.

Doch die Wahl Dylans war nicht die einzige überraschende der Schwedischen Akademie: 1997 erhielt der italienische Satiriker Dario Fo völlig unerwartet den Literaturnobelpreis. Vor drei Jahren hatte niemand mit dem Franzosen Patrick Modiano gerechnet. Auch die Wahl des chinesischen Schriftstellers Mo Yan 2012 galt als große Überraschung.

Vor zwei Jahren wurde die weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet – auch das eine große Überraschung, da sich Alexijewitsch selbst eher als Journalistin bezeichnet. Unter den seit 1901 verliehenen Literaturnobelpreisen war Alexijewitsch erst die 14. Frau, an die die höchste literarische Auszeichnung der Welt ging – und das bei insgesamt 113 Preisträgern.

Die Nobelpreise werden am 10. Dezember, dem Todestag ihres Stifters Alfred Nobel, in Stockholm und Oslo überreicht. In diesem Jahr ist der Nobelpreis mit neun Millionen Kronen, rund 933.000 Euro, dotiert.

Kommentare (1)

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Herr Harald Lieder

05.10.2017, 14:00 Uhr

EIne angemessene, unaufgeregte Darstellung.
Vielleicht sollte das Kommittee einmal selbstkritisch prüfen, ob Derartiges auf Dauer nicht zu einer ideellen Abwertung des Preises führt - ähnlich wie wir es beim Friedensnobelpreis beobachten müssen.

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