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30.10.2015

14:26 Uhr

Welfenschatz

Stiftung will Goldreliquien nicht herausgeben

Der Streit um den Welfenschatz geht in die nächste Runde: Die Nachfahren jüdischer Kunsthändler halten die Goldreliquien für NS-Raubgut und fordern Wiedergutmachung. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz wehrt sich.

Das Exponat ist eine der Hauptattraktionen des Welfenschatzes. dpa

Ein Kuppelreliquiar im Berliner Bode-Museum

Das Exponat ist eine der Hauptattraktionen des Welfenschatzes.

BerlinEs sind mittelalterliche Goldreliquien von schier unschätzbarem Wert: Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz wehrt sich jetzt in den USA gegen die mögliche Herausgabe des legendären Welfenschatzes. Sie beantragte beim zuständigen amerikanischen Gericht die Abweisung einer Klage von Nachfahren jüdischer Kunsthändler, die die Goldschmiedearbeiten für NS-Raubgut halten und deshalb Wiedergutmachung fordern.

Stiftungspräsident Hermann Parzinger erklärte am Freitag, sein Haus sei nach intensiven Recherchen zur Auffassung gekommen, dass es sich in diesem Fall nicht um NS-Raubgut handele und deshalb eine Rückgabe nicht angemessen wäre. „Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist daher der Ansicht, dass diese Klage nicht begründet ist und zudem aus mehreren wichtigen Gründen ... abzuweisen ist.“

Als deutscher Vertreter der US-Kläger sagte der Marburger Rechtsanwalt Markus Stötzel, der Schritt der Stiftung sei keine Überraschung. Es handele sich um eine ganz normale Klageerwiderung. „Zu bedauern ist jedoch, dass es sowohl die Stiftung wie auch die Bundesrepublik Deutschland bislang offensichtlich versäumt haben, auf die Klägerseite zuzugehen und nach Möglichkeiten für eine Lösung zu suchen.“

Der Welfenschatz

Name

Der Welfenschatz leitet seinen Namen von der Familie der Welfen ab, den Vorfahren von Ernst-August von Hannover, in deren Besitz er im 17. Jahrhundert gelangte und die ihn im Herbst 1929 kurz vor dem berüchtigten „schwarzen Freitag“ für den damals unerhörten Rekordpreis von 7,5 Millionen Reichsmark verkauften.

Käufer

Käufer war ein Konsortium von mindestens acht Partnern, unter ihnen die deutsch-jüdischen Kunsthändler Goldschmidt, Hackenbroch, Rosenbaum und Rosenberg. Nachdem sie bis 1930 nur 40, meist kleinere Stücke für rund 2,5 Millionen Reichsmark verkaufen konnten, lagerten sie die wertvollere Hälfte des Schatzes zunächst in Amsterdam ein. Vermutlich werden auch die Hauptfinanziers des Konsortiums auf einen raschen Verkauf gedrängt haben.

In Staatsbesitz

Nach langen Verhandlungen einigten sich die Kunsthändler daher im Juli 1935 mit dem Preußischen Staat auf einen Ankauf der restlichen 42 Stücke für 4,25 Millionen Reichsmark.

Um den Welfenschatz - wertvolle Altaraufsätze, Schmuckkreuze und Schreine aus dem Braunschweiger Dom - gibt es seit 2008 Streit. Die schließlich von beiden Seiten angerufene „Limbach-Kommission“ hatte im vergangenen Jahr keine Anhaltspunkte für einen „NS-verfolgungsbedingten Zwangsverkauf“ gefunden.

Die Erben wiesen das nicht bindende Votum zurück und legten im Februar vor dem US-Bezirksgericht in Washington Klage ein. Sie machen geltend, ihre Vorfahren - vier jüdische Kunsthändler - hätten den Schatz unter dem Druck der Nazis für allenfalls ein Drittel seines eigentlichen Preises verkaufen müssen. Den jetzigen Wert schätzten sie auf mindestens 220 Millionen Euro.

Nach Ansicht der Preußenstiftung ist das US-Gericht gar nicht zuständig. Zudem seien die Kläger nicht klageberechtigt, weil sie nicht im Namen des damaligen Verkaufs-Konsortiums handeln könnten. „Die Ansprüche könnten einfacher und besser in Deutschland verhandelt werden“, so die Stiftung. Sie hat die 44 Goldreliquien seit der Nachkriegszeit in Obhut. Sie sind das Herzstück des Berliner Kunstgewerbemuseums am Potsdamer Platz.

Von

dpa

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