Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.04.2011

13:53 Uhr

Weltkriegsbuch „Soldaten“

US-Abhörprotokolle dokumentieren Abgründe der Wehrmacht

Die Alliierten haben im zweiten Weltkrieg Abhörprotokolle deutscher Gefangener gesammelt. Auszüge aus den Dokumenten wurden nun als Buch veröffentlicht - „Soldaten“ gewährt unheimliche Blicke in die Köpfe der Wehrmacht.

Junge Wehrmachtssoldaten in Gefangenschaft: Abhörprotokolle zeigen Abgründe des Militärs auf. Quelle: dpa

Junge Wehrmachtssoldaten in Gefangenschaft: Abhörprotokolle zeigen Abgründe des Militärs auf.

BerlinDie Lektüre des Buchs „Soldaten“ kostet Überwindung, ist fast unerträglich: „Es ist mir ein Bedürfnis geworden, Bomben zu werfen“, erzählt da ein Wehrmachtssoldat. „Richtig auf die Fresse, die kriegten die Schüsse alle ins Kreuz und liefen wie wahnsinnig“, sagt Leutnant Pohl. „Die SS hat eingeladen zum Judenschießen ... Hat sich jeder aussuchen können, was für einen er wollte“, erzählt Oberstleutnant von Müller-Rienzburg.

Der Historiker Sönke Neitzel machte bei Recherchen in London und Washington sensationelle Funde: Er stieß auf insgesamt rund 150.000 Seiten Abhörprotokolle der Alliierten von gefangenen Wehrmachtsoldaten. Sie wurden in speziellen Lagern von Briten und Amerikanern belauscht. Die Soldaten ahnten nichts und sprachen so unverstellt vom Töten, Vergewaltigen, Foltern und von Massenhinrichtungen, wie sie es in Feldpostbriefen, Verhören oder Memoiren niemals getan hätten.

Krieg „in Echtzeit“ liefern die Protokolle, die Neitzel zusammen mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer auswertete und jetzt als Buch vorlegte. Da breitet sich das Alltagsleben der Wehrmachtssoldaten in unzähligen Gesprächen und Plaudereien aus. Es wird auch mal geprotzt, Massenvergewaltigungen sind ebenso Thema wie Preise in Bordellen. Besonders erschütternd sind die Berichte über „technische Optimierungen“ bei Massenerschießungen und Stapeln von Leichen in Massengräbern.

Die Forscher räumen dabei gründlich mit dem Klischee auf, dass jeder Soldat im Krieg eine Phase der Brutalisierung benötige. Die Gewöhnung an brutalste Gewalt dauerte oft nur wenige Tage. „Am dritten Tag war es mir gleichgültig und am vierten Tage hatte ich meine Lust daran“, erzählt Leutnant Pohl. „Es war unser Vorfrühstücksvergnügen, einzelne Soldaten mit Maschinengewehren durch die Felder zu jagen.“

Die Gespräche hören sich manchmal an wie Party-Plaudereien - immer wieder kommt auch das Wort „Spaß“ vor: „Dann haben wir hineingeschossen in die Stadt, du, auf alles was herumrannte, auf Kühe und Pferde... auf Straßenbahnen ... alles, das macht Spaß“, erzählt der Bomberbordschütze Küster im Januar 1943.

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Soldier

13.04.2011, 15:01 Uhr

Endlich kommt das Thema einmal auf den Tisch. Wer was anderes gedacht hat wird jetzt vor Tatsachen gestellt ohne wenn und aber. Es war sicherlich nicht jeder Soldat der Deutschen Wehrmacht so, aber der grösste Teil hat sicherlich von ein bisschen bis viel Dreck "am Stecken". Das gilt aber auch für alle anderen Armeen der Welt und auch für unsere Bundeswehr. Kommt es zum Einsatz und sterben Freunde und Kollegen um einen herum dann ist das Sinnen auf Rache nicht weit weg. Egal was dann nachher behauptet wird in "offiziellen" Verhören, etc. Die Wahrheit wird doch immer, wie hier bewiesen, am "Stammtisch" unter 4 Augen gesprochen....

Tief_betroffen

13.04.2011, 17:41 Uhr

Mit Spannung erwarten wir ähnliche Abhörprotokolle von Soldaten der US-Streitkräfte und Russlands - die kommen doch sicher auch noch, oder?

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×