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07.04.2014

21:02 Uhr

Wetten, dass..?

Es lebe die Samstagabendshow!

VonDésirée Linde

Tot ist nicht das TV-Lagerfeuer, tot ist die Rekordquote: Mit frischen Ideen und Gesichtern hat die Show „Wetten, dass..?“ noch eine Chance. Dafür braucht das ZDF aber Mut. Der Sender sollte die Quote einfach ignorieren.

Die ganze Familie schaut „Wetten, dass..?“: Das kam zuletzt immer seltener vor. Getty Images

Die ganze Familie schaut „Wetten, dass..?“: Das kam zuletzt immer seltener vor.

DüsseldorfDie Samstagabendshow ist tot – es lebe die Samstagabendshow. Das ZDF verkündet das Ende von „Wetten, dass..?“, hält sich aber noch ein Hintertürchen offen. Das Konzept könnte wieder reanimiert werden. Vielleicht mit anderem Moderator, vielleicht unter der Woche, statt am Samstag, vielleicht deutlich zusammengekürzt wie die US-Adaption. Neue Chance oder ein Abschied auf Raten?

„Wetten, dass..?“ hatte ohne Zweifel seine ganz großen Momente: Michail Gorbatschow (den Arnold Schwarzenegger live einen „großen Helden“ nannte) war da, Gerhard Schröder auch, viele Hollywoodstars bekam nur Thomas Gottschalk überhaupt in eine deutsche Live-Produktion.

Der Sender tat sich lange schwer, das aufzugeben, auch wenn offensichtlich war, dass sich der Show-Dino überlebt hatte. Solche fast schon geschichtsträchtigen Momente gibt es längst nicht mehr. Nun hat sich der Sender vom großen samstäglichen TV-Lagerfeuer, das Generationen an den TV-Bildschirmen zu vereinen vermag, verabschiedet.

Herausragende Wetten

Schulterzucken

In der letzten regulären „Wetten, dass..?“-Sendung - am 30. April 2011 - wurden die Lehrerin Julia Thiele (33) und ihr Freund Malte Poppinga (28) Wettkönige. Thiele konnte allein am Schulterzucken ihres Freundes Musiktitel erkennen. Ob dabei alles mit rechten Dingen zuging? Wenigstens einmal hat er seiner Freundin einen Songtitel („Pretty Woman“) deutlich hörbar zugeraunt - Thomas Gottschalk und das ZDF bemerkten nichts und ließen das durchgehen.

Fußgeruch

Auch davor standen Wettkandidaten immer wieder unter Schummel-Verdacht. Im Oktober 2009 erkannte der 47-jährige Thomas Schuster 23 Frauen mit verbundenen Augen an ihrem Fußgeruch. Der „Stiefel-Schnüffler“ weigerte sich aber, sein Können noch einmal in einer ZDF-Show zu beweisen.

Buntstifte

Nur ein Betrug wurde bisher entlarvt: 1988 schlich sich „Titanic“-Redakteur Bernd Fritz in die Sendung ein und behauptete, die Farbe von Buntstiften am Geschmack zu erkennen. In Wirklichkeit linste er unter seiner Augenbinde hindurch.

Schwerer Unfall

Am 4. Dezember 2010 kam es in der Live-Sendung zum bisher schwersten Unfall. Der angehende Schauspieler Samuel Koch stürzte beim Sprung mit Stelzen über ein Auto. Er fiel so unglücklich, dass er seitdem von den Schultern ab gelähmt ist. Koch wird noch immer in der Schweiz behandelt. Seine Ärzte schließen eine Genesung nicht aus, die Chancen seien aber gering. Showmaster Thomas Gottschalk brach die Sendung direkt nach dem Unfall ab. Im Februar 2011 gab er dann bekannt, dass er die Sendung nach diesem Unfall nicht weitermoderieren wolle. Die Sommerausgabe an diesem Samstag soll seine letzte Show sein. Danach moderiert er im Herbst noch drei Rückblickshows auf 30 Jahre „Wetten, dass..?“

Kuhschmatzen

Am 8. Dezember 2007 konnte Achim Jehler seine Kühe beim Apfelfressen am Schmatzgeräusch erkennen.

Hundespielzeug

Der Border-Collie „Rico“ verblüffte am 23. Januar 1999 die Zuschauer, weil er 77 Spielzeuge am Namen unterscheiden konnte. Auf Befehl von Frauchen Susanne Baus brachte er den benannten Gegenstand.

Pyramidenfahren

Die Motorrad-Sportgruppe der Berliner Polizei bildete mit 84 Polizisten auf neun Motorrädern eine Pyramide und fuhr so 100 Meter weit. Am 29. Oktober 1994 stellte sie damit einen Weltrekord auf.

Papierboot

Andrea Schager, Andreas Reiser und Monika Schrak falteten am 15. September 1990 in vier Minuten ein Papierboot und paddelten damit in einem Schwimmbecken 50 Meter weit.

Reifenwechsel

Am 21. Februar 1987 gelang es einem Kandidaten, während der Fahrt einen Autoreifen zu wechseln.

Gute Tat

Die dritte Sendung von „Wetten, dass..?“ am 16. Mai 1981 veränderte das Leben von Millionen Menschen in Äthiopien. Der Schauspieler Karlheinz Böhm, bis dahin vor allem bekannt aus romantischen „Sissi“-Filmen, wettete, dass nicht „jeder dritte Zuschauer eine Mark, einen Schweizer Franken oder sieben österreichische Schilling für Menschen in der Sahelzone spendet“. Es kamen zwar auf Anhieb 1,2 Millionen D-Mark zusammen, dennoch behielt Böhm Recht. Er leistet seitdem mit seiner Stiftung „Menschen für Menschen“ Entwicklungshilfe in Äthiopien.

Samstagabend, 19 Uhr Abendbrot, 19.30 Uhr das Wochenendbad, 20.15 Uhr mit Schnittchen bei Eltern oder Großeltern vor dem Fernseher: Das war für Millionen von Deutschen jahrzehntelang Realität. Vergangenheit wird das aber auch nicht erst im Dezember sein, wenn zum letzten Mal Markus Lanz den Satz sagen wird „Top, die Wette gilt“. Vergangenheit war dieser Anspruch längst.

Die Begründung des ZDF für das Aus der Show macht Bauchschmerzen: „In den letzten Jahren hat sich im Showbereich sehr viel verändert”, sagt ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler. Schuld sind die veränderten „Sehgewohnheiten”, schreibt der Mainzer Sender.

„Das ZDF übt null Selbstkritik. Markus Lanz ist nur das Bauernopfer“, ätzt Grimme-Preisträger und TV-Kritiker Holger Kreymeier, der das Blog und die Online-Sendung Fernsehkritik.tv betreibt, gegenüber Handelsblatt Online.

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