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02.08.2012

15:58 Uhr

DüsseldorfAls Hanno Beck zwölf Jahre alt war, musste er mit in die Oper. Sein Wunsch war das nicht. Aber es gab kein Pardon, schließlich hatte die Familie Theater-Abos und an diesem Abend noch einen Platz frei. Und den konnte man auf keinen Fall verfallen lassen, man hatte ja bezahlt.

Lass-nichts-verkommen-Illusion nennt Beck diese typisch menschliche Unfähigkeit, sich mit Verlusten abzufinden. Darunter leiden nicht nur kleine Jungs, sondern auch unsere Erfolge am Aktienmarkt. Denn Anleger neigen dazu, schlecht laufende Papiere zu lange im Depot zu halten: Die verzweifelte Hoffnung, man könne irgendwann vielleicht doch noch Gewinne damit machen, lasse uns an den „falschen Pferden“ festhalten, schreibt Beck. Sein simpler Rat: Einfach den Autopiloten einschalten - und bei jedem Aktienkauf gleich eine Grenze festlegen, ab der automatisch abgestoßen wird.

Becks Buch „Geld denkt nicht. Wie wir in Gelddingen einen klaren Kopf behalten“ ist ein spannender Streifzug durch die Welt der Behavioral Finance, jenem boomenden Zweig der Ökonomie, der nach Mustern in der Psychologie von Anlegern sucht: Nach „Stolpersteinen, die wir uns selbst in den Weg legen“. Beck weiß, wovon er spricht: Bevor er 2006 Wirtschaftsprofessor wurde, war er acht Jahre lang Börsenjournalist. Geprägt hat ihn dabei besonders die Dot-Com-Blase - als er erlebte, wie Millionen von Hobby-Anlegern dem Herdentrieb erlagen und wie die Lemminge ins Verderben liefen.

Sein Buch ist kein Ratgeber für die Portfoliooptimierung, wie es sie zu Hunderten gibt. Es ist vielmehr eine Anleitung, die eigenen unvermeidlichen Schwächen kennenzulernen und bessere Entscheidungen zu treffen. Und am Ende vielleicht doch höhere Renditen zu haben.

Beck knöpft sich dabei eine Psycho-Falle nach der anderen vor. Da ist zum Beispiel die Neigung der Anleger, hinter jeder Chartbewegung ein klares Muster erkannt haben zu wollen - statt einfach den Zufall. Oder der sogenannte Rückschaufehler: Im Nachhinein halten wir eine Kursentwicklung stets für zwingend und logisch - und vergessen die plausiblen Gründe, die vorher dagegen sprachen. Oder die paradoxe Erkenntnis, dass sich überdurchschnittlich viele Anleger für überdurchschnittlich gut halten.

Beck schreibt gut verständlich und mit viel Witz und Charme. Er beschränkt sich nicht auf die kühle Welt der Börsen, sondern erzählt Geschichten aus dem Alltag: Über Sport, Politik, Physik - oder die griechische Mythologie. So etwa, wenn er über die unheilvolle menschliche Eigenheit schreibt, dass die heutigen Interessen nicht zu den morgigen passen. Zeitinkonsistenzproblem nennen Wissenschaftler das. „Wir wissen, dass wir für das Alter sparen müssen, schieben es aber immer vor uns her“, schreibt er. Auch wenn der Kopf sparen will, das Gemüt will prassen. Um sich aus dieser Falle zu befreien, schlägt Beck vor, es Odysseus gleich zu tun: Der ließ sich bei der Fahrt entlang der Insel der Sirenen vorsichtshalber an den Mast seines Schiffes knoten, um den Verlockungen zu widerstehen. Denn er wusste: Ohne Fesseln würde er ihren Rufen sofort erliegen. Anlegern rät Beck daher, sich in einem Moment der Stärke selbst zu fesseln - zum Beispiel mit einem Sparplan. „Man schließt einmal einen Vertrag über eine regelmäßige monatliche Sparsumme - und dann vergisst man ihn am besten ganz schnell.“

Hanno Beck: Geld denkt nicht, Buchcover Hanser Verlag PR

Hanno Beck: Geld denkt nicht, Buchcover Hanser Verlag

Hanno Beck:
Geld denkt nicht. Wie wir in Gelddingen einen klaren Kopf behalten

Hanser, München 2012,

336 Seiten, 19,90 Euro

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