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16.09.2011

00:00 Uhr

Die Shortlist

Symptome des alltäglichen Wahnsinns

VonStefani Hergert

Theresia Volk beschreibt die verrückte Welt der Unternehmen zwischen Selbstdarstellertum und Castingshow. Ihre Einblicke helfen all denen, die auch im Haifischbecken gut arbeiten wollen.

Theresia Volk: Unternehmen Wahnsinn, Kösel Verlag, München 2011, 220 Seiten, 17,99 Euro Pressefoto

Theresia Volk: Unternehmen Wahnsinn, Kösel Verlag, München 2011, 220 Seiten, 17,99 Euro

DüsseldorfZum Durchatmen hat Theresia Volk die "Symptome" der wahnsinnigen Arbeitswelt sicher nicht beschrieben. Pointiert hastet sie im ersten Teil ihres Buches "Unternehmen Wahnsinn" über die Bühne der globalen Wirtschaft: das Büro. Da treffen Selbstdarsteller auf willenlose Untergebene, stolziert die seelen-, weil inhaltslose, aber dafür in akribischer Feinarbeit bebilderte Power-Point-Präsentation über den Laufsteg. Da ringen Mitarbeiter und Führungskräfte um Aufmerksamkeit, obwohl sie nichts zu sagen haben. Der Job ist eine immer währende Casting-Show, nicht der Beste gewinnt, sondern der mit dem besten Auftritt.

Sachlich wird meist schon lange nicht mehr diskutiert in all den Meetings, die sich aneinanderreihen, in den Projekten, in denen die Farbe der Broschüre wichtiger ist als der Inhalt. Am Ende ist jeder auf sich allein gestellt, weil sich alles ständig ändert. Normal, findet Volk, ist das nicht. "Es tobt der globale Kampf ums Überleben - gleichzeitig macht alles aber auch total viel Spaß", schreibt sie. Paradox? Und wie! "Es ist schon viel, wenn der Arbeitsalltag im ganz normalen Wahnsinnsbetrieb uns nicht um den Verstand bringt", schreibt die Management- und Kommunikationsberaterin und langjährige Führungskraft in einem Konzern.

Sind die "Symptome" eine Beschreibung der Arbeitswelt, zielt Volk bei den "Diagnosen" im zweiten Teil des Buches auf die gesellschaftliche Ebene ab - und räumt mit einigen Mythen auf. Das unterscheidet ihr Werk von anderen, die sich mit der verrückten Arbeitswelt auseinandersetzen und rein deskriptiv bleiben.

Die viel beschworene Beschleunigungsfalle? Gibt es laut Volk gar nicht. "Die Beschleunigung ist tot. Es lebe die Gleichzeitigkeit", schreibt sie. Denn Beschleunigung heißt zeitliche Abfolge, doch dank Multitasking und fünf Projekten gleichzeitig gibt es die schon lange nicht mehr.

Die zunehmende Komplexität der Welt? Lässt Volk als Argument nicht gelten. Das Komplexitätsgerede animiere vielmehr dazu, das Denken lieber ganz sein zu lassen. Frei nach dem Motto: "Es sprengt jetzt den Rahmen, das ganze Projekt ausführlich darzustellen ... Seien Sie froh, dass ich das für Sie vorbereitet habe." Dinge werden auch gerne mal bewusst als "Info-Dschungel" inszeniert, obwohl sie vielleicht gar nicht so schwer zu durchschauen sind, mitunter liege gar der "Tatbestand der Beleidigung der menschlichen Intelligenz" vor, wenn es heißt: glauben statt denken.

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