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10.10.2014

06:37 Uhr

Laudatio auf Michael Lewis „Flash Boys“

Gier trifft Geschwindigkeit

VonGabor Steingart

Der Bestsellerautor Michael Lewis hat kein normales Sachbuch, sondern eine Anklageschrift vorgelegt: gegen eine überzüchtete Finanzindustrie. Eine Laudatio von Gabor Steingart.

Gabor Steingart  Andreas Fechner für Handelsblatt

Der Autor

Gabor Steingart ist der Herausgeber des Handelsblatts.

Wer unter Bluthochdruck leidet, sollte dieses Buch unbedingt meiden: Es jagt einem, ob man will oder nicht, den Puls nach oben. Der Autor weiß, wie man Empörungswellen erzeugt und Wutattacken auslöst. Sein Werk ist – so gesehen – ein eher ungesundes Buch. 

Andererseits: ohne Aufregung kein Aufstand. Und wir brauchen einen Aufstand, um die hier zur Sprache gebrachten Sachverhalte beeinflussen, ändern, ja abschaffen zu können. Und dass diese Zustände nach Abschaffung schreien, daran lässt Michael Lewis keinen Zweifel. 

Der Princeton-Absolvent und ehemalige Investmentbanker hat mit „Flash Boys. Revolte an der Wall Street“ kein normales Sachbuch, sondern eine Anklageschrift vorgelegt: gegen eine überzüchtete Finanzindustrie und ihre jüngste Entartung, die Technik des automatisierten Hochfrequenzhandels. Die beiden mit Leidenschaft geführten Debatten der Gegenwart, die eine handelt von der Macht der Daten und der Datensammler, die andere beschäftigt sich mit dem Kulturwandel im Bankensektor, berühren sich hier. Die Hyperkomplexität der neuen Technologie und die Maßlosigkeit ihrer Schöpfer sind das Kernthema von „Flash Boys“. Lewis hat also nicht nur ein gutes, sondern auch noch ein effizientes Buch verfasst: ein Text, zwei Themen. 

Das Buch entführt uns in die dunkle Welt der New Yorker Hochfrequenzhändler, die keine normalen Händler mit Kundenkontakt sind, sondern Computergenies, die schnelle Netze noch schneller machen, bis eine Order von Chicago nach New York und zurück nicht länger als 12 Millisekunden unterwegs ist – 12 Tausendstel einer Sekunde oder, wie Lewis anschaulich schreibt, ein Zehntel der Zeit, die wir brauchen, um mit den Augen zu blinzeln. Gier trifft Geschwindigkeit.

Wirtschaftsbuchpreis 2014: „Flash Boys“ ist das Wirtschaftsbuch des Jahres

Wirtschaftsbuchpreis 2014

„Flash Boys“ ist das Wirtschaftsbuch des Jahres

Ein Krimi aus Bankenkrise und Big Data: „Flash Boys“ ist das Wirtschaftsbuch des Jahres. Die Jury bezeichnete das Werk von Autor Michael Lewis als „fulminantes Plädoyer für einen Kulturwandel im Geldgewerbe“.

Diese neue Spezies von Aktienhändlern mietet moderne Glasfasernetze, die sie „goldene Straßen“ nennt, baut Rechenzentren, möglichst in unmittelbarer Nähe der Börsenplätze, sie programmiert automatisierte Kauf- und Verkaufsprogramme, die sie mit Informationen über Aktienorders füttert, die erteilt, aber – das ist der Witz – noch nicht überall ausgeführt wurden. Immer geht es darum, schneller zu sein als der Markt. „Einige hätten für eine Millionstel Sekunde ihre Großmutter verkauft“, zitiert Lewis einen der Flash Boys. 

Aber wie macht man Tempo zu Geld? Michael Lewis erklärt es uns: Nehmen wir an, die Aktie von Procter & Gamble steht an allen US-Börsen bei 80 Dollar. Jetzt wird in New York ein großes Paket verkauft, und der Kurs an der New Yorker Stock Exchange sinkt auf 79,98. Die Flash Trader kaufen an der New Yorker Börse für den neuen, den niedrigeren Kurs und verkaufen an alle anderen Börsen zu 80 Dollar, ehe der Kurs dort offiziell angepasst wird. Die Information einer Order wird selbst zur Ware. Nicht ganz zufällig fühlen wir uns an den zu früh verstorbenen Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der „FAZ“, erinnert, der auf genau diesen Sachverhalt in der Google-Debatte hingewiesen hatte: Wer sucht, wird zum Zulieferer. Wer kauft, zum Produkt.

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