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16.09.2016

10:01 Uhr

Rezension Paul Mason

Wikipedia und Sozialismus

VonChristian Rickens

Paul Mason liefert in seinem Buch "Postkapitalismus" eine Blaupause für das, was nach dem Kapitalismus kommen könnte. Radikal, unvollkommen, angreifbar – und gerade deshalb lesenswert.

Auch Autor Paul Mason sucht nach einer Alternative zum Kapitalismus dpa

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Auch Autor Paul Mason sucht nach einer Alternative zum Kapitalismus

Dieses Buch ist eine Zumutung. Zumindest für jeden theoriegestählten Ökonomen. Ausgerechnet ein britischer Fernsehjournalist ruft auf 400 Seiten das Ende des Kapitalismus aus und erhebt zugleich auch noch den Anspruch, jene Gesellschaftsordnung zu skizzieren, die danach kommen wird. Jenen Postkapitalismus, der dem Buch seinen Namen gibt. Um seine Thesen zu belegen, bedient sich Mason eines munteren Gewimmels theoretischer Denkansätze, persönlicher Erlebnisse als Reporter und statistischer Daten, die er mit großem Mut zur Lücke auswählt. Doch jede berechtigte Kritik an den wissenschaftlichen Schwächen ist auch eine Kritik an den Volkswirten dieser Erde: Warum hat keiner von ihnen dieses Buch geschrieben?

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Vor 80 Jahren veröffentlichte der Ökonom John Maynard Keynes seine „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“. 1936 war das Jahr, in dem der Kapitalismus schon einmal in einer existenziellen Krise steckte: Durch den Börsencrash von 1929 und den Versuch, sich aus dem anschließenden Wirtschaftseinbruch herauszusparen, waren die wichtigsten marktwirtschaftlich orientierten Staaten in eine Dauer-Rezession gerutscht. Gleichzeitig zeigten Adolf Hitler in Deutschland und Josef Stalin in der Sowjetunion, wie sich mit Gewaltherrschaft plus staatlicher Wirtschaftslenkung schnelle Erfolge erzielen lassen. Mit seinem Buch lieferte Keynes den brillant hergeleiteten theoretischen Unterbau für einen Neustart des Kapitalismus. Seine Botschaft in einem Satz: Manchmal braucht es höhere Staatsausgaben, um eine Volkswirtschaft aus der Rezession zu führen. Keynes Leitgedanke klingt heute vertraut und abgenutzt zugleich. Zu oft ist die Nachfragepolitik missbraucht worden, globale Schuldenberge sind die Folge.


Nun, Paul Mason ist nicht dieser neue Keynes. Aber das Warten auf den wahren Ökonomen-Messias lässt sich mit seinem Buch vorzüglich vertreiben. Zunächst liefert Mason eine schonungslose Bestandsaufnahme der Wachstumskrise in den Industriestaaten. Wie er richtig feststellt, begann diese Krise nicht erst mit der Finanzkrise 2008, sondern bereits mit der ersten Ölkrise 1973. So lange schon geht das echte Wachstum tendenziell zurück. Die staatlichen Ausgabenprogramme in den 70er Jahren, die Entfesselung des Finanzsektors in den 80er und 90er Jahren: Letztlich alles nur Voodoo-Zauber, um den Rückgang des Trendwachstums zu überspielen. Für diese sinkenden Wachstumsraten bietet Mason einen Erklärungsmix aus der Arbeitswertlehre von Karl Marx und den langen Innovationszyklen, die Nikolai Kondratjew im Kapitalismus zu erkennen glaubte. Was Mason dazu schreibt, ist nicht immer leicht verständlich, und je mehr man es versteht, desto weniger möchte man ihm bei seiner eklektischen Herleitung folgen.

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