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13.10.2016

16:33 Uhr

Rezension Sahra Wagenknecht

Die Gordon-Gekko-Gegenrede

VonCorinna Nohn

Die Linke Sahra Wagenknecht seziert in „Reichtum ohne Gier“ pointiert die Auswüchse und Fehlbildungen des Kapitalismus. Ohne Populismus und linken Pathos macht sie beachtenswerte Vorschläge zur Heilung.

Natürlich kennt Wagenknecht ihren Marx und beruft sich auf den Einkommensforscher Thomas Piketty. Aber vor allem zitiert sie die Thesen der Ordoliberalen, beruft sich auf die Tradition Ludwig Erhards. dpa

Sahra Wagenknecht

Natürlich kennt Wagenknecht ihren Marx und beruft sich auf den Einkommensforscher Thomas Piketty. Aber vor allem zitiert sie die Thesen der Ordoliberalen, beruft sich auf die Tradition Ludwig Erhards.

DüsseldorfWer hinter dem Buch aus der Feder von Sahra Wagenknecht einen von roter Tunke durchsuppten Aufschrei wähnt, sollte weiterlesen. In „Reichtum ohne Gier“ seziert die Fraktionsvorsitzende der Linken präzise die zentralen Fehlbildungen unserer Wirtschaftsordnung: die Einmischung des Staates an falscher Stelle. Die Entkopplung von Risiko und Haftung. Die aus den Rudern gelaufene Geldpolitik der EZB. Fusionen allein um der Größe willen. Die zügellose Gier der Investmentbanker. Wagenknecht nimmt die Gordon-Gekkoisierung der westlichen Volkswirtschaften der vergangenen 35 Jahre gekonnt auseinander. Gier ist eben nicht gut – anders als die zentrale Aussage des Finanzjongleurs Gordon Gekko im Film „Wall Street“ von 1987.

Natürlich schimmert es in Wagenknechts Sicht der Dinge hier und dort rot durch. Aber glücklicherweise verzichtet die Königin der deutschen Talkshows fast gänzlich auf Populismus oder jenen linken Pathos, der manche vielleicht bedenkenswerte Idee sofort unter sich erstickt. Ihre grundlegende Analyse verknüpft Wagenknecht geschickt mit Beispielen aus dem echten globalen Wirtschaftsgefüge, spickt sie mit Idealen ökonomischer Denkschulen. So entsteht eine lehrreiche und lebensnahe Kompilation aus volkswirtschaftlichem Basiswissen und realwirtschaftlichen Vorgängen. Kapitalismus, schreibt Wagenknecht, sei eben „keine Marktwirtschaft, zumindest nicht in dem Sinne, dass echter Wettbewerb und freie Märkte entstehen. Er ist keine Leistungsgesellschaft, denn die höchsten Einkommen, die in ihm bezogen werden, sind leistungslose Kapitaleinkommen.“ Leistungsanreize, Eigenverantwortung, Unternehmertum? Ja, das sind die Begriffe, die Wagenknechts Analyse prägen.

Gerade die Banken hätten sich „von allen marktwirtschaftlichen Maßstäben entfernt“. Denn: Seit wann würden Eigentümer eines Unternehmens bei dessen Bankrott lediglich „beteiligt“? „In welcher Branche sonst wird ihr Haftungsanteil auf acht Prozent der Schulden gedeckelt?“ Und sei es fairer Wettbewerb, wenn globale Konzerne ihre Milliardenerträge steuersparend umverteilen und dem staatlichen Gemeinweisen entziehen – und obendrein im Fall von Apple der Gewinn mit Geräten erwirtschaftet wird, in denen „nicht eine einzige Technologie [steckt], die nicht staatlich finanziert wurde“, wie Wagenknecht die italienisch-amerikanische Ökonomin Mariana Mazzucato zitiert.

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Die Politikerin hat sich längst distanziert von den Aussagen jener 20-jährigen Jungsozialistin, die noch kurz vor der Wende in die SED eingetreten war und sich dann die DDR und die Planwirtschaft zurückwünschte. Natürlich kennt sie ihren Marx und beruft sich auf den Einkommensforscher Thomas Piketty. Aber vor allem zitiert sie die Thesen der Ordoliberalen, beruft sich auf die Tradition Ludwig Erhards – und lässt ihre gut lesbare Analyse des Status quo schließlich in die Skizze einer neuen, gerechteren Wirtschaftsordnung münden.

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Hier stehen, jawohl, echter Wettbewerb und Kaufmannsideale im Mittelpunkt – aber auch Regeln, die greifen, wo der Markt versagt. In dieser Utopie agieren zum Beispiel vor allem kleine „Gemeinwohlbanken“, die kostendeckend, aber nicht profitorientiert arbeiten. Ihre Aufgabe: das „öffentliche Gut Geld“ bereitzustellen, damit sich „die Wirtschaft nach den gesellschaftlich gesetzten Prioritäten entwickeln kann“.

Die Wirtschaft selbst – das sind keine Global Player, sondern: Personengesellschaften, wo Unternehmer selbst voll ins Risiko gehen und keinerlei staatliche Stütze erhalten; daneben unverkäufliche Gesellschaften, die etwa bei Haftungsfragen oder durch Wagniskapital öffentliche Unterstützung erfahren, dafür aber „sich selbst“ gehören. Hier soll die Belegschaft einerseits am Unternehmenserfolg beteiligt werden, andererseits die Geschäftsführung kontrollieren, und ab einer gewissen Größe sollen diese Gesellschaften ausschließlich im Sinne der Allgemeinheit agieren. Schließlich denkt Wagenknecht noch an mit öffentlichem Geld finanzierte Gemeinwohlgesellschaften, die öffentliche Güter bereitstellen oder dort agieren, wo der Wettbewerb versagt oder Oligopole dominieren.

So verführerisch etwa die Idee ist, alle Menschen, die für den Unternehmenserfolg arbeiten, im Sinne der Leistungsgerechtigkeit auch daran zu beteiligen, würde man sich hier eines wünschen: konkretere Ausführungen, wie die Transformation in die Wagenknecht’sche Wirtschaftsordnung gelingen soll. Da heißt es zwar, die Umwandlung der heutigen Kapitalgesellschaften sei „relativ einfach: Es wird das extern eingebrachte Kapital mit seiner gewissen Verzinsung hochgerechnet. Davon werden die im Laufe der Jahre angefallenen Ausschüttungen abgezogen.“ Und wer mehr hineingesteckt als bislang herausgezogen hat, soll ausbezahlt werden.

Doch es dürfte „nicht allzu viele Fälle geben, bei denen Nachzahlungen anfallen, weil normalerweise […] die Ausschüttungen das extern eingebrachte Kapital bei weitem übersteigen“. Das hört sich – auch wenn der Begriff nie fällt – dann doch nach Enteignung an.

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