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21.08.2012

14:34 Uhr

Düsseldorf.Das Gegenteil von gut ist nicht böse - sondern gut gemeint." Die Redewendung stammt von Kurt Tucholsky - und wie recht der Altmeister der Gesellschaftskritik und der Satire hat, das zeigt Alexander Neubacher in seinem Buch "Ökofimmel".

Der "Spiegel"-Autor klopft darin alle Öko-Klischees mit der ihm eigenen, zarten Boshaftigkeit auf ihren Sinngehalt ab und demaskiert die teilweise hysterischen Züge der Umweltpolitik. Die Ökobilanz heimischer Äpfel ist besser als die von importierten Früchten? Ja - und nein. Vier, fünf Monate nach der Ernte übersteigt der Energieverbrauch der Kühlung den des Transports aus anderen Teilen der Welt Papiertüten sind gut für die Umwelt, Plastiktüten schaden ihr dagegen? Keineswegs - der Energiebedarf in der Herstellung ist praktisch gleich, "öko" wird eine Tüte erst, wenn sie mehrfach wieder verwendet wird - und unabhängig davon, woraus sie gemacht ist. Allerdings wandern Papiertüten wegen ihrer begrenzten Haltbarkeit deutlich schneller in den Müll. Das Dosenpfand hat dazu beigetragen, die Wegwerfflaschen zu reduzieren? Mag sein - aber es hat auch der wirklich ökologischen Mehrwegflasche fast den Garaus gemacht. Deren Marktanteil ging bei Mineralwasser jedenfalls von über 70 auf unter 50 Prozent zurück.

Buchcover Ökofimmel, Wie wir versuchen, die Welt zu retten - und was wir damit anrichten. Pressefoto

Buchcover Ökofimmel, Wie wir versuchen, die Welt zu retten - und was wir damit anrichten.

"Grünes Leben" ist nicht immer grün

Mit dem kühlen Blick eines versierten Ökonomen nimmt sich Neubacher jede einzelne und vermeintlich noch so wahre Öko-Tatsache vor - und klopft sie auf ihren Wahrheitsgehalt ab. Witzig und intelligent führt er uns dabei vor, wie "wir versuchen, die Welt zu retten - und was wir damit anrichten", so der Untertitel des Buchs. Der Stil ist flüssig und das Buch gut zu lesen, wenige und aussagekräftige Grafiken stützen seine Thesen. Neubacher lässt kein Umwelt-Thema aus: Der Kohlendioxid-Ausstoß von Elektroautos, die wie derzeit üblich nicht mit Strom aus alternativen Energiequellen betankt werden, ist schlechter als der von Modellen mit Verbrennungsmotoren, schreibt er. Und das Verbot in den späten 70er Jahren von DDT, dem Insektenvernichtungsmittel, das die Malaria in vielen Gebieten praktisch ausgerottet hatte, kostete am Ende Millionen Menschen das Leben, da das Sumpffieber zurückkehrte. Neubachers Fazit: Unser "grünes Leben", so der Titel des ersten Kapitels, ist längst nicht immer grün.

Doch Neubacher kümmert sich auch um die Makroebene. Penibel rechnet er vor, dass die Solarförderung in Deutschland die mit Abstand ineffizienteste Art ist, etwas Gutes für das Klima zu tun. Und er zeigt auf, wie sich verschiedene, allesamt gut gemeinte Konzepte zur Rettung der Umwelt gegenseitig aufheben. So trägt die Förderung alternativer Energien in Deutschland maßgeblich dazu bei, dass die CO 2 -Verschmutzungszertifikate extrem billig geworden sind - was es Käufern in anderen Ländern erlaubt, praktisch straflos die klimaschädlichsten Brennstoffe zu verheizen.

Der Autor analysiert auch die geistigen Strömungen und Wertevorstellungen, die den Siegeszug der Ökologie samt seiner teils schädlichen Auswirkungen möglich machten. Dadurch wird das Buch zur Generalabrechnung mit einer Glaubensdoktrin, die sich rationalen Argumenten leider allzu oft verschließt. Das Buch ist deshalb ein Muss - für Ökoskeptiker wie auch für echte Ökologen. Wer es gelesen hat, kann dazu beitragen, Fehlentwicklungen zu korrigieren. Neubachers Rat: ab und zu einen Realitätscheck der Gewissheiten machen.

 

Ökofimmel: "Mehr Schaden als Nutzen"

Video: Ökofimmel: "Mehr Schaden als Nutzen"

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Alexander Neubacher:

Ökofimmel Wie wir versuchen, die Welt zu retten – und was wir damit anrichten

DVA, München 2012, 272 Seiten, 19,99 Euro

Kommentare (3)

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Gunterli

21.08.2012, 15:51 Uhr

An einer Papiertüte ist bestimmt noch keine Schildkröte oder Vogel krepiert! Warum also so engstirnig? Kann man denn wirklich alles allein mit dem Preis ausdrücken?? Wenn irgendwelche Verschmutzungsrechte nicht ziehen oder nicht den richtigen Anreiz setzen, dann haben allein die Gesetzgeber versagt, die die Grundlagen dafür geschaffen haben, oder sie verschlafen derzeit die Anpassung an die Praxis. Genau so, wie Biogasanlagenförderung eine Vermaisung mit allen seinen Folgen fördert. Das mag irgendwie „grün“ klingen, doch der Klang allein ist nur die eine Seite. Rationalen Argumente sehen doch ein wenig anders aus. Etwas zu zerpflücken ist noch lange keine große Leistung, eher so in Richtung, etwas durch den Kakao zu ziehen, dazu noch recht engstirnig, da sind sind sich Autor und Kolumnist sehr nahe.

Account gelöscht!

22.08.2012, 11:12 Uhr

Diese ewige Verwirrung macht einen echt wahnsinnig, was ist richtig und was ist falsch?!
Das Plastik/Papiertüten-Problem ist da noch sehr einfach. Im Beispiel von E10 und die hier im Artikel genannten Verschmutzungszertifikate lassen den Bürger schnell den Kopf in den Sand stecken.

Tiroler77

28.08.2012, 13:43 Uhr

Auf jeden Fall öko: Eine Wandertour durch den Alpenpark Karwendel! Herzliche Grüsse aus der Region Hall-Wattens http://www.hall-wattens.at

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