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19.01.2007

14:31 Uhr

Wolf Biermann

Berliner Legende ohne Totenschein

VonClaudia Schumacher

In „Heimat. Neue Gedichte“ besingt Wolf Biermann seinen Konflikt mit der deutschen Hauptstadt. Nun will die Berliner Politik nach langem Gezerre Biermann die Ehrenbürgerschaft der Stadt verleihen. Lediglich die Linksfraktion will sich der Stimme enthalten.

Der Dichter, Musiker und Liedermacher Wolf Biermann. Foto: dpa Quelle: dpa

Der Dichter, Musiker und Liedermacher Wolf Biermann. Foto: dpa

DÜSSELDORF. „Heim, Heimweh gibt es wohl, doch Heimkehr keine – warum weshalb wieso / Wieso weshalb warum – weiß ich doch nicht!“ Wolf Biermanns Rückkehr nach Berlin war keine leichte. Das wird in jeder Zeile des Gedichtes „Heimkehr nach Berlin Mitte“ deutlich. Der Grund: „Ich selber aber war nicht mehr derselbe / Ich ist Ein Anderer – das ist doch klar!“



In „Heimat. Neue Gedichte“ besingt Biermann seinen Konflikt mit der deutschen Hauptstadt – einen persönlichen zwar, doch der ist eng verwoben mit dem politischen. Nun will die Berliner Politik Biermann doch die Ehrenbürgerschaft der Stadt verleihen. Lediglich die Linksfraktion will sich der Stimme enthalten.



Biermann, 1936 in Hamburg geboren, ist Sohn eines jüdischen Werftarbeiters, der 1943 im KZ Auschwitz ermordet wurde. Aus politischer Überzeugung siedelte er als 17-Jähriger in die DDR über. Bürger (Ost-)Berlins wurde Biermann 1955. Hanns Eisler, Komponist der Nationalhymne der DDR, brachte ihn zur Musik. Doch in den Augen der SED waren seine Lieder zu kritisch. Einem temporären Berufsverbot folgte 1976 die Ausbürgerung. Nach einer Konzertreise in die Bundesrepublik durfte er nicht zurück. Fortan kritisierte Biermann immer wieder die DDR – und die Künstler in der DDR kritisierten die Ausbürgerung Biermanns.



Zwar bleibt er auch als Dichter ein politischer Liedermacher, wenn er über das „Alte Europa“, den neuen Terror oder die Stasi-Akten als „Weltkulturerbe“ schreibt. Aber „Heimat“ ist mehr als das. In den 91 Gedichten aus den Jahren 2000 bis 2006 schreibt Biermann von der Natur, der Liebe, dem Tod. Er will „alles haben, alles geben ... Ankommen aber nie und nimmer“. Viele der Gedichte sind sehr persönlich, andere gar versöhnlich.



Doch wo Heimat ist, ist auch Heimweh. Zumal für einen Vertriebenen wie Biermann. Die eine Heimat gibt es aber nicht für ihn. Mal liegt sie in Frankreich, mal an der Flensburger Förde, mal in Barcelona und mal eben in Berlin.



Dass die Linksfraktion die Ehrenbürgerschaft ablehnt, liegt wohl an Biermanns Abkehr vom Sozialismus. Sein Konflikt mit ihr gipfelt in persönlicher Tragik: Nach der Wende wollte er in seine alte Wohnung in Berlin-Mitte zurückkehren. Doch dort wohnt jetzt ausgerechnet Hanno Harnisch, früherer PDS-Pressesprecher. „An meiner Tür ein Schild mit neuem Namen – warum weshalb wieso / Am offnen Fenster stand ein fremder Mann / Canaillen seh ich nun, die nach mir kamen / Die ich nicht hassen darf noch lieben kann.“ So zog Biermann wieder in die alte Heimat – nach Hamburg.



Nun erfolgt also zumindest die symbolische Heimholung für einen, der sich in einem älteren Stück selbst Berliner nennt. Es scheint, als hätte Biermann dies vorhergesehen: „Ein Held, der wieder auftaucht, ach! vom Grunde / Aus dem Inferno, nach den Metzelein / Den beißen nicht mal mehr die alten Hunde / Ich bin Legende ohne Totenschein.“



Wolf Biermann: Heimat. Neue Gedichte Hoffmann & Campe, Hamburg 2006, 175 Seiten, 17,95 Euro

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