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24.01.2010

10:19 Uhr

Zeitgenössische Kunst

Boltanskis Installationen halten die Erinnerung wach

VonOlga Grimm-Weissert

Mit großen Installationen aus Altkleidern sichert sich Christian Boltanski seinen Rang als einer der herausragenden Künstler aus Frankreich. Er ist kaum auf Auktionen zu finden, dafür aber in Museen, wichtigen Privatsammlungen und in Galerien. Sein Thema ist die Abwesenheit von Menschen. Dazu gelingen ihm einprägsame Bilder.

Kleider erzählen bei Christian Boltanski Geschichten über die Lebenden und die Toten, über Politik und Geschichte. Reuters

Kleider erzählen bei Christian Boltanski Geschichten über die Lebenden und die Toten, über Politik und Geschichte.

PARIS. Mit dem Ausstellungstitel "Personnes" spielt der französische Installationskünstler Christian Boltanski mit der Bedeutung des Wortes. "Personnes" kann "viele Leute" bezeichnen, aber auch "Niemand". Die Abwesenheit ist eines der großen wiederkehrenden Themen des Spurensicherers. Um die Erinnerung an die Abwesenden aufrecht zu erhalten, benützt der 65-jährige Boltanski seit 1969 immer wieder die gleichen Elemente: rostende Keks-Schachteln aus Metall, Fotos, Archivlampen und Altkleider. Warum die Abwesenden nicht mehr da sind, das muss jeder Betrachter selbst beantworten.

Derzeit ist ihm in Paris eine Ausstellung innerhalb der "Monumenta-Reihe" gewidmet. Gleich am Eingang der Schau hat er eine Mauer aus Metall-Kisten aufgebaut als eine Art nummerierte Phalanx. Mit alten Kleidungsstücken gelingt Boltanski dann eines seiner überzeugendsten Werke in der Ausstellung, ein anspielungsreiches Feld, das keinen Namen hat. Massenweise verwendete der Künstler Altkleider übrigens schon 1994 als Bühnenbild für einen Liederabend mit Franz Schuberts "Winterreise" in der Pariser Opéra Comique.

Was vom Leben übrig blieb


Im Grand Palais legt Boltanski zunächst die Mäntel in 100 Quadraten am Boden des Grand Palais aus. Darüber verteilt er locker bunte Kleidung. Jeweils vier Eisenpfosten begrenzen diese geometrische, doppelbödige Installation. Sie macht das Assoziationsfeld Grabgeviert und "was vom Leben übrig bleibt" auf. Das konterkariert Boltanski mit Sounds aus seinem kontinuierlich erweiterten Archiv mit Herztönen. Zu Boltanskis sadistischer Charakterkomponente zählt nämlich, dass alle Herztöne zusammen dem Lärm einer Fabrikhalle gleichen und die Friedhofs-Ruhe von "Personnes" bewusst stören. Dazu kommt die Kälte der mit Absicht ungeheizten Räume. Um das Gefühl des Fröstelns und Verlassenseins beim Betrachter zu erzeugen, ließ Boltanski die Ausstellung vom Sommer in den Winter vorverlegen.

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