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13.08.2011

09:16 Uhr

Zeitgenössische Kunst

Chinas Wirtschaft im Visier der Jungen

VonBarbara Bierach

Die Kunstsammlerin Judith Neilson engagiert sich für chinesische Kunst, die nach 2000 entstand. Einblick in eine repräsentative Sammlung, die sich in einem Fabrikgebäude in Sydney dem Publikum öffnet.

Wang Lei, Fabrication (2010) Quelle: Barbara Bierach

Wang Lei, Fabrication (2010)

SydneyEin Taifun aus Müll wirbelt durch drei Etagen im Privatmuseum von Judith Neilson. Hässliche Pet-Flaschen und -Kanister formen die Skulptur "Thrown to the Wind". Sie entstand 2010, als Wang Zhiyuan nach mehreren Auslandsjahren nach Peking zurückkehrte. "Überall lag Abfall herum", beobachtete Wang schockiert. "Kunst um der Kunst willen ist im 21. Jahrhundert nicht mehr genug. Wenn ich mich nicht mit der Gesellschaft beschäftige, fühle ich mich schuldig."

Wangs Haltung und seine Müll-Skulptur sind wie ein Fingerzeig in die Richtung, in die sich Chinas Gegenwartskunst gerade bewegt. John McDonald, einer der einflussreichsten Kunstkritiker Australiens, hält die Bewegung weg vom politischen Kommentar hin zu einer Analyse des wirtschaftlichen Aufstiegs des Landes für die entscheidende Kunstströmung im China der Jahrtausendwende. Mao Zedongs Sicht, dass Kunst nicht von Politik zu trennen sei, habe die Kunst wohl in den 80er- und 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts geprägt. Doch jüngere Künstler hätten die Kulturrevolution gar nicht mehr persönlich erlebt. Ihr Dasein sei geprägt worden von Deng Xiaopings Prämisse: "Reich werden ist ruhmvoll!" Also haben sie sich den Konsumgütern zugewandt.

Wang lächelt dazu sibyllinisch und sagt über seinen Mülltaifun: "Ordentlich der Größe nach sortiert, ist der Müll dann doch wieder schön." Dieser Kommentar erinnert an Ai Weiweis "Oil Spill" von 2007 - schwarz schimmernde Porzellantropfen, die aussehen wie verschüttetes Rohöl - und an seine Aussage: "Alles, was schlecht ist, ist gut, alles Billige ist teuer. Die Welt steht auf dem Kopf, das Innere nach außen gekehrt, und alles verändert sich."

Dieser spezifisch chinesische Blick auf die Schnittstelle von Ideologie, Konsumkritik und Ästhetik lässt sich nirgends besser nachvollziehen als in der White Rabbit Collection. In einer ehemaligen Strickwarenfabrik im Industriegebiet hinter Sydneys Hauptbahnhof zeigt die Sammlerin Judith Neilson über 500 Exponate von 225 Künstlern aus China. Ihre Sammlung gilt inzwischen als die bedeutendste ihrer Art weltweit. Präsentiert wird sie seit 2009 in halbjährlich wechselnden Ausstellungen, die Neilsons Tochter Paris organisiert, eine studierte Museumsmanagerin.

Neilson sammelt nur Kunst, die nach 2000 entstand.

Mit dem Sammeln zeitgenössischer Kunst aus China begann Neilson 2001, als sie ihren Freund und Lehrer Wang Zhiyuan in Peking besuchte und er sie mitnahm in Ateliers und Galerien. "Zu dem Zeitpunkt war der Markt beherrscht von einigen wenigen spezifischen Künstlern und Sammlern. Das, was ich vor Ort zu sehen bekam, war jedoch völlig anders als die Polit-Kunst, die ich erwartet hatte, und ich begann, mich zu fragen, wie ich diese unbekannten Größen in die Welt tragen könnte", erinnert sich Neilson. Zurück in Sydney fand die Gattin des milliardenschweren Südafrikaners Kerr Neilson - des Gründers der Vermögensverwaltung Platinum Asset Management - die dreistöckige Fabrik und ließ sie für umgerechnet 9,2 Millionen Euro zum Museum umbauen.

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