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21.05.2012

08:49 Uhr

Zeitgenössische Kunst

Das Geschäft mit Urs Fischer

Der Schweizer Künstler Urs Fischer gilt als Enfant terrible der internationalen Kunstszene. Seine krude Kunst wird prächtig vermarktet. Der Sammler und Christie’s-Inhaber François Pinault hat ihn unter seine Fittiche genommen und zeigt ihn zurzeit in Venedig. Gleichzeitig läuft eine Ausstellung bei Larry Gagosian in Paris.

Urs Fischer: "Ohne Titel", Wachs, ausgestellt im Palazzo Grassi, Venedig. (c)Marco Sabadin/VisionUrs Fischer, Marco Sabadin

Urs Fischer: "Ohne Titel", Wachs, ausgestellt im Palazzo Grassi, Venedig.

VenedigDie Ausstellung des Schweizer Künstlers Urs Fischer im Kunsthaus Palazzo Grassi in Venedig ist weniger eine Retrospektive als ein kaleidoskopischer Querschnitt durch seine skurrile Bildwelt. 30 Werke aus den letzten 20 Jahren sind zu sehen. Dabei gebärdet sich das Enfant terrible der internationalen Kunstszene diesmal erstaunlich zahm.

1973 wurde Fischer in Zürich geboren. Er lebt heute in New York und wird als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler angesehen. Das erklärt, warum ihm die Ehre zuteil wird, den Anfang der neuen Ausstellungsreihe des Multimillionärs und Sammlers François Pinault zu machen. Pinault hat einige seiner Schützlinge eingeladen, sein Kunsthaus am Canale Grande in Einzelausstellungen zu bespielen. Den Ausgangspunkt bilden Werke aus den Sammlungen Pinaults, zu denen sich im Fall von Urs Fischer Leihgaben aus über zehn internationalen Sammlungen gesellen.

Der Kunstbetrieb läuft wie geschmiert

Die Veranstaltungsreihe dient verschiedenen Zwecken: sicher dem Künstler selber, aber auch dem Hausherrn, der sich so seine Spürnase für gute - und teure - Kunst bestätigen lässt. Eine Form der Heiligsprechung zu Lebzeiten, die für alle Beteiligten von großem Vorteil ist: Der Kunstbetrieb läuft wie geschmiert

Mit bis zu siebenstelligen Preisen gehört Fischer zu den best bezahlten zeitgenössischen Künstlern. Frische Fischer-Ware gibt es bezeichnenderweise fast ausschließlich beim Auktionshaus Christie's, das Pinault gehört, dem Hausherrn des Grassi-Palastes. Bei Christie's in New York wurden jüngst 1,3 Millionen Dollar für das überlebensgroße Porträt des Sammlers Peter Brant als Wachskerze erzielt. Im Preis inbegriffen ist das Recht, weitere Kerzen in derselben Gussform bei Fischer zu ordern. Eine knapp 17 Tonnen schwere Metallskulptur aus einem gelben Teddy und einer schwarzen Schreibtischlampe versteigerte Christie's im Mai letzten Jahres für 6,8 Millionen Dollar. 2011 im September kletterte am selben Ort das erst 2010 gemalte Bild "Tomorrow" auf 920.000 Dollar.

Den Vertrieb von Fischers Werken besorgt im Übrigen auch das Verkaufsgenie Larry Gagosian. So lieferte der umsichtige Galerist in seiner Niederlassung in Beverly Hills das Vorspiel für die Palazzo-Schau, die "Beds & Problem Paintings", in denen vor den Konterfeis der Hollywoodstars der 1950er-Jahre allerlei krummes Zeug wie Gurken oder Schrauben baumeln. In seiner Pariser Niederlassung zeigt er derweil die Ausstellung "schmutz schmutz", eine Auseinandersetzung des Künstlers mit dem Thema Stillleben, in der Fischer unter anderem echte Früchte dem Verfall anheim stellt.

Die Zunge gezeigt

Die Schau, die Urs Fischer gemeinsam mit Pinaults Haus-Kuratorin Caroline Bourgeois ausgerichtet hat, vereint frühere Werke, von denen einige vor Ort eigens für den Palazzo Grassi geschaffen wurden. Fischers Thema ist die Vergänglichkeit, vor allem die Vergänglichkeit der Kunst, der er ihre Beständigkeit abspricht. Früher tat er das auf eklatante Weise, etwa 2009 in seiner großen  New Yorker Schau "Marguerite de Ponty", als dem ahnungslosen Besucher aus einem  Loch in der Wand eine rosarote Zunge entgegenschnellte. In Venedig gibt er sich zahm, denn die Life-Präsenz einer splitternackten Schönheit sorgt wohl kaum für Aufregung. Die Gemeinschaftsarbeit mit dem Bildhauer Georg Herold wurde bereits in Glasgow gezeigt. In Venedig will Fischer den Besucher in die Geheimnisse seiner Kunst einweihen. Er führt ihn gleichsam in sein Labor: "Madame  Fisscher."

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